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Erziehen oder Vorleben

Erziehen oder Vorleben

Kiddycoach Gerhard Spitzer über die Macht der Vorbildwirkung.

Passend zu unserem fratz&co-Themenschwerpunkt werden wir uns diesmal die Frage stellen, ob sich unsere Bemühungen um „gute Erziehung“ überhaupt so auswirken, wie wir uns das zuweilen wünschen. Kommt es in der Hauptsache vielleicht nicht doch auf etwas ganz anderes an? Zum Beispiel auf die Vorbildwirkung?

Patricks Mutter beklagt sich während des Familien-Coachings bitterlich bei mir: „Mein 10-jähriger Sohn beschäftigt sich andauernd mit seinem Handy! Dabei versuche ich ohnehin, es einzuschränken, aber irgendwie gelingt es mir nicht, damit auf Dauer bei ihm durchzudringen: heimkommen, Schultasche wegwerfen, telefonieren, SMSen, Handy-Spiele! So laufen seine Nachmittage immer öfters ab. Alle Maßnahmen, Vereinbarungen und sogar Drohungen helfen nichts!“

Mamis hilflose Verzweiflung ist spürbar. Doch noch bevor ich diesmal mit einem Erziehungstipp aufwarten kann, klingelt das eigene Handy der viel beschäftigten Mutter! Schon wieder! Zum dritten Mal seit Beginn unseres Gesprächs übrigens. „Entschuldigung, ist ein wichtiger Kunde!“, flötet sie, etwas verlegen lächelnd.

Mein erster Tipp für Patricks Mutter wird wohl nicht überraschen: „Ihr Kind wird Ihre Erziehungsversuche kaum nachvollziehen können, solange Sie sich selbst im Handy-Dauerbetriebsmodus befinden!“ Vorbild!

Bildunterschrift oder Leitspruch

Du kannst dein Kind noch so gut erziehen. Es macht dir doch alles nach!

In meiner Beratungspraxis muss ich immer öfters sehr eindringlich vermeintlich „erzieherische“ Probleme auf eine einzige Ursache herunterbrechen: Auf die Vorbildrolle als Bezugsperson. Dazu muss man als Elternteil einfach verstehen, wie wichtig das Kopieren des „Bezugsverhaltens“ für die Entwicklung jeder kindlichen Persönlichkeit ist. Es ist ein zutiefst verankertes Überlebensprogramm, das schon ab dem Säuglingsalter mit der so genannten Urvertrauensphase, seinen Anfang nimmt.

Jenes Vertrauen auf die Richtigkeit des elterlichen Verhaltens zieht sich durch das ganze Leben eines jungen Menschen und bestimmt es zutiefst. Meiner Wahrnehmung nach wird gerade dieser Nachahmungstrieb zuweilen sehr unterschätzt. So auch von Patricks Mutter. Mein nächster Tipp trifft sie deshalb eher unerwartet: „Wenn sich beim Handyverhalten Ihres Kindes etwas ändern soll, müssen Sie es wohl übers Herz bringen, Ihren eigenen Telefongebrauch ernsthaft zu überdenken! Doch entspannen Sie sich: In Bezug auf das Handy geht das sogar viel leichter, als Sie vielleicht denken...!“

So manchen Elternteil habe ich mit einem Rat wie diesem tatsächlich dazu gebracht, das eigene Handy demonstrativ vor den Augen ihres Kindes für mehrere Monate oder gar für länger stillzulegen.


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