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Entspanntes Doppelleben

Entspanntes Doppelleben

Kiddycoach Gerhard Spitzer widmet sich der Frage: Müssen Zwillinge eigentlich anders erzogen werden?
»Nachdem mir schon Ihre ersten beiden Bücher zum Thema „Entspannt Erziehen“ so gut gefallen haben«, eröffnet mir die 29-jährige Gabriela, seit fünf Jahren stolze Mutter der Zwillinge Patrick und Dominik, »bräuchte ich jetzt ganz dringend ein Buch von Ihnen, das mir beibringt, wie man Zwillinge richtig erzieht! Ich glaube nämlich, dass mir die beiden langsam über den Kopf wachsen!« 
Das hört sich für mich tatsächlich stark nach Überlastung an, obwohl mir die engagierte Mutter einen nicht ganz unbedeutenden Fakt unterschlagen hat: Marina, die siebenjährige, quirlige Schwester der Zwillinge gehört auch noch zu diesem »Full House«. Wirklich die Ohren gespitzt habe ich allerdings bei dem Wunsch nach einem »Rezeptbuch«, speziell für die Erziehung von Zwillingen. Ist so etwas überhaupt notwendig?

Sonderprogramm?

Na klar sind Eltern, bei denen der unverschämte Klapperstorch gleich zwei- oder mehrfach geklingelt hat, mit ganz besonderen Situationen konfrontiert. Viele Kleinigkeiten sind eben anders, als mit einer sich nach und nach einstellenden Kinderschar. Viele Zwillingsmütter fühlen sich extrem überfordert oder haben einfach nur immer wieder ein wenig Angst vor dem, was nun wohl als nächstes auf sie zukommen könnte. Nützliche Rezepte oder wirklich »zwillingstaugliche« Patent-Ratschläge sind nicht nur selten, sondern meist auch größtenteils nutzlos. Mit viel Potenzial für Entspannung formuliert: Eine große Herausforderung sind Mehrlinge zwar allemal, aber mal ganz abgesehen von den vielleicht drastisch verkürzten Schlafzeiten während der Säuglingsphase, ist die erzieherische Herausforderung auch nicht viel größer als bei einer ganz gewöhnlichen Geschwister-Konstellation. Ein Sonderprogramm für Zwillingserziehung braucht also auch Gabriela nicht wirklich zu fahren.

Fad im Kopf

Erwähnenswerter ist da schon die oft verkannte Beschäftigungs- Strategie: Sobald Zwillings-Kleinkinder einmal die Autonomie-Phase hinter sich haben, scheinen sie sich ohnehin ständig miteinander zu beschäftigen. Das veranlasst viele zu dem Irrglauben, dass gerade Zwillingen viel seltener fad im Kopf wird, und sie so vielleicht seltener auf dumme Gedanken kommen, oder sie vielleicht weniger in Streitsituationen geraten. Das ist aber leider nicht der Fall.

Gerade kleinere Zwillingskinder, deren Stärken und persönliche Neigungen man noch nicht so gut hat ausloten können, brauchen schon ausreichend elterliche Inputs, um »vollbeschäftigt« zu sein. Kreativität ist gefragt: Seit unserem ersten Termin hat jedenfalls Gabriela ihre beiden fünfjährigen Wirbelwinde gut gelaunt zu »Putz- und Wisch- Assistenten« gemacht. Probeweise natürlich! Doch es hat geklappt: Seit die beiden ihre eigenen Putztüchlein und gefakten Waschmittel- Fläschchen (es ist bloß verdünntes Kindershampoo drin) haben, wuseln Sie Mami oder auch Papa überallhin nach, wo auch immer diese ihre Reinigungsarbeiten ansetzen. Im »Full House« arbeitet nämlich seit dieser entspannten Einführung auch Papa, Martin, erstaunlich oft und gerne mit. Offenbar ist es auch für ihn ganz toll, dabei zuzusehen, wie sich seine Kinder beim Saubermachen gegenseitig übertreffen wollen. 

Seit voriger Woche hat auch Marina ihr eigenes Putz-Tuch und ist ganz versessen auf das neue Gefühl, mit Gummihandschuhen zu arbeiten. Bis vor kurzem waren die unvermeidlichen Putz-Stunden fast immer von heftigen Streit-Einheiten der drei Pfiffikusse begleitet.

Ab dem dritten Lebensjahr kann man Zwillinge übrigens ganz besonders effizient mit Spielen beschäftigen, die viel Phantasie und Rollentausch verlangen. Der besondere Vorteil für die Eltern: Entspannung! Es ist nämlich immer ein passender Kunde für den Kaufmannsladen oder ein Erkrankter für behutsame Heilversuche mit dem Arztkoffer da.

Persönlichkeiten

Der wichtigste Grund aber, warum ein Erziehungs- Ratgeber für Zwillinge vielleicht nicht der »Bringer« sein wird, ist, dass man Zwillinge gar nicht andauernd wie solche behandeln sollte. Die Gefahr, beide Kinder in der Erziehung in einen Topf zu werfen, ist nämlich sehr groß. Eltern sollten sich eher bemühen, jedes Kind einzeln anzusprechen und die Pluralform im allgemeinen zu vermeiden: »Was habt ihr beiden denn jetzt schon wieder angestellt?«
Gerade wenn zum Beispiel Gabriela mal wieder ihren beiden verschmitzt lächelnden Plagegeistern eine Standpauke hält, empfinden sich Patrick und Dominik naturgemäß als Einheit: Sie halten instinktiv zusammen und stecken jede Standpauke ohne Probleme, leider aber auch ohne jeden Lerneffekt einfach weg. Ganz nach dem Prinzip: »Gemeinsam sind wir stark!«. Deswegen ist es für Gabriela immer so schwer, ein Fehlverhalten auch wirklich als solches zu verkaufen, zumal ja auch die Schwester, Marina, oft nicht ganz unbeteiligt ist. Doch das wird zuweilen eben übersehen. »Viel leichter wäre es für Sie«, rate ich abschließend, »wenn Sie sich sogar sehr deutlich darum zu bemühten, jedes Kind als eigene Persönlichkeit zu betrachten…«. 

Beobachten, entspannen 

Das gelingt allerdings umso leichter, je früher Sie die ganz spezifischen Eigenheiten Ihrer Zwillings-Sprösslinge beobachten und dementsprechend sowohl im positiven als auch im negativen Fall »maßgeschneidert« auf das Verhalten des einzelnen Kindes reagieren. Das starke Einheits- Gefühl von Zwillingen führt bei Fehlverhalten sowieso zur raschen gegenseitigen Schuld-Übernahme. Es ist nicht hilfreich, dies auch noch zu fördern. 

Wenn man das berücksichtigt, wird es in der Schulzeit dann ebenso viel einfacher für Zwillinge, ihr jeweils eigenes Fehlverhalten auch als solches zu empfinden. Zwei Menschen können so »eineiig« sein wie sie wollen, für ihr Fehlverhalten sind sie allemal selbst verantwortlich. Je früher Sie das Ihren Kindern klar machen, desto leichter und entspannter wird auch das spätere Familienleben ablaufen.



»Ein Zwilling kommt selten allein«, heißt es schon bei Erich Kästner. Das gilt auch, wenn sie gemeinsam etwas angestellt haben. Sie sind nie allein damit. Wenn Sie also beide gleichermaßen zurechtweisen, ist auch die »kindlich geniale« Abwehr doppelt so stark.
  • Sofern noch ein weiteres Kind im Hause ist, soll es beim Umgang mit den Zwillingen nicht untergehen. Nehmen Sie sowohl Positives als auch Negatives im gleichen Maß wahr.
  • Gemeinsames Herumtollen ist für Zwillinge unersetzlich. Platzieren Sie eine große Matratze oder ein Mini-Trampolin im Kinderzimmer, worauf die Kinder gemeinsam herumspringen können. 
  • Achten Sie schon ganz früh darauf, in welchem Verhalten oder bei welchem Interesse sich die Persönlichkeiten ihrer noch so gleichen Lieblinge unterscheiden. Auch Zwillinge wollen mit ihren eigenen Stärken oder Schwächen wahrgenommen und erkannt werden.
  • Klare Strukturen und geregelte Abläufe sind gerade bei Zwillingen ungleich wertvoller als bei Einzelkindern, die dies vielleicht ohnehin schon jeder für sich allein erlernt haben.

Foto: Pressmaster - shutterstock.com

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