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Allezeit verbunden?

Allezeit verbunden?

Ohne Handy geht bei den Kids von heute gar nichts mehr. KiddyCoach Gerhard Spitzer über die unterschiedlichen Aspekte dieser Entwicklung.
Martina S., Mutter eines 11 jährigen Gymnasiasten, hat zum Thema „Handy“ augenscheinlich eine ganz einfache Vorstellung: „Mit dem Handy kann ich mein Kind viel besser kontrollieren!“ Punktum! Das war´s auch schon! 
Jetzt hole ich erstmal tief Luft. Dann beschließe ich, die junge Mutter eingehender zu befragen: „Meinen Sie wirklich? Ist Ihre Kontrollmöglichkeit tatsächlich besser oder effizienter, wenn Sie Ihr Kind acht bis zwölf Stunden am Tag mühelos per Handy erreichen können?“
Martina S. denkt nach … Ich helfe ihr dabei. Klar! Ist ja mein Job. 
Wird durch permanente Kontrolle nicht vielleicht sogar das Erfinden von erlogenen Geschichten gefördert, nur um eben nicht permanent kontrolliert zu werden? Das wäre ganz normales kindliches Abwehrverhalten. Forscher haben eine Entwicklung in Richtung „verringerter Lügenschwelle durch Handynutzung“ sogar schon nachweisen können. Ich bin jedenfalls überzeugt, dass man durch die Fern-Kommunikation eher schlechtere Kontrolle über sein Kind hat, als durch eine gute Beziehung. Sollte daher nicht eher das gegenseitige Vertrauen gefördert werden als die gegenseitige Kontrolle?

Die neue Zeit

Der zweite, sehr häufige Einwand ist mir jedoch noch wichtiger. Ihn höre ich immer dann, wenn ich mich generell gegen Handys für sehr junge Kinder ausspreche: „Na hören Sie mal? Das ist halt die neue Zeit, da gibt es eben Handys! Alle anderen haben ja auch eines. Damit müssen wir halt leben. Da gewöhnt man sich schon dran …“ 
Gerade auf diese „moderne“ Sichtweise möchte ich hier eingehen: Nein, wir gewöhnen uns eben nicht daran! Der Grund dafür liegt klar auf der Hand. Er heißt Evolution. Wir sind Menschen. Schon als Erwachsene sind wir nicht wirklich für diesen ständig wechselnden Input konstruiert. Aber Kinder brauchen Kontinuität und Stabilität in ihrem täglichen Zeitablauf noch stärker als wir. Nur dann können Sie die so ungeheuer wichtige Fähigkeit, sich längerfristig eine Sache widmen zu können, für ihr späteres Leben nachhaltig entwickeln.
Die segensreiche Einrichtung Handy gibt es ja erst seit kurzer Zeit. Und nun sollen sich unsere Kinder einfach blitzartig genetisch, vor allem aber verhaltenstechnisch darauf einstellen? Jetzt gleich? Oder vielleicht erst in zehn Jahren? 

Burn-out Boy

Der zwölfjährige Philipp, ein ganz offensichtlich hyperaktiver Bursche, scheint ziemlich hektische Lebensbedingungen zu haben. Abgesehen von ziemlich stressigen Tagesabläufen im Familienkreis hat er natürlich auch - was für eine Überraschung - ein eigenes Handy. Und das schon seit seinem sechsten Lebensjahr. „Das ist doch nichts Ungewöhnliches!“, werden Sie sicher sagen. Doch! Ist es, finde ich. Denn das komfortable Teil zur Fern-Kommunikation ist bei dem ohnehin sehr unruhig wirkenden Jungen mittlerweile beinahe im Dauereinsatz.
Da sind einmal seine zahlreichen Freunde, die Philipp wie einen gestressten Manager während eines Gutteils seiner Tagesfreizeit quasi ans Handy fesseln. Da ist aber auch noch seine Mami und ihr offenbar liebstes Hobby: Ihre täglichen Kontrollanrufe mittels Handy zieht sie im Abstand von höchstens zwei Stunden durch: „Hallo, mein Spatz, was machst du denn gerade?“, „Hey, mein Liebling, hast du schon brav dein Jausenbrot gegessen?“, „So, jetzt hörst du auf mit dem Spielen und setzt dich an deine Schularbeiten!“
Ein kleiner Junge auf dem Weg zum Burn-Out, meine ich! Druck allenthalben, Tagesstress auf jeden Fall. Am Schlimmsten aber empfinde ich den Freizeitverlauf von Philipps Nachmittagen: Mindestens zwei bis drei mal ändern sich die Pläne des Buben, weil ein Telefonat seiner Handy-Freunde neue Inputs verspricht. Wozu soll er sich überhaupt die Mühe machen, sich auf irgend etwas einzustellen oder gar sich darauf zu freuen?

Kindgerecht?

Mir als Verhaltenspädagoge kommt die derzeitige Handy-Welle, wenn ich es mal diplomatisch so formulieren darf, als nicht „artgerecht“ vor. Das gilt eigentlich für uns alle, also auch für Erwachsene. Kindgerecht jedoch scheint mir diese Erfindung und vor allem die derzeit auffällige exzessive Nutzung schon auf gar keinen Fall zu sein. Auch dazu haben Forscher bereits Studien angestellt und alarmierende Zahlen veröffentlicht: Durchschnittlich befinden sich Kinder und Jugendliche ab elf Jahren etwa alle neun Minuten im Handy-Modus. Vielleicht ein Denkanstoß? 
Jedenfalls sollte manch ein glühender Befürworter von Dauerverbindung und Handy-Kontrolle doch einfach mal kurz bei Philipp und damit in seinem stressigen Leben vorbeischauen.




FratzInfo

Handy, aber mit Bedacht

  • Statten Sie Ihr Kind so spät wie möglich mit einem eigenen Handy aus. 
  • Geben Sie Ihrem Kind nicht das Gefühl, dass es zur Lösung alltäglicher Probleme bloß eine Nummer zu wählen braucht.
  • Je jünger das Gehirn, desto empfindlicher ist es nicht nur für jede Art von Strahlung, sondern auch für das permanente Wechseln der momentanen Situation auf die es sich zuvor bereits anderweitig eingestellt hat.
  • Wenn Sie glauben, dass ein Handy sein muss, trainieren Sie doch Ihr Kind zur sehr selektiven Nutzung dieser auch segensreichen „Notfalleinrichtung“ Handy. 
  • Im Normalfall hieße das: Das Handy schweigt die meiste Zeit über. Es wird dann zur Hilfe, wenn ein wirklich nicht anders lösbarer Notfall eintritt. Sie werden erstaunt sein, wie einfallsreich und kompetent Kinder plötzlich zu werden beginnen, wenn sie nicht dauernd per Telefon nachfragen können.
  • Schaffen Sie ein Umfeld für gegenseitiges Vertrauen, nicht für die Notwendigkeit gegenseitiger Kontrolle.  Das ständige „Sich Sorgen Machen“ bringt kaum Entspannung in die Beziehung.



Foto: Goodluz - shutterstock.com

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