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Kannst du nicht "bitte" sagen?

Kannst du nicht "bitte" sagen?

„fratz&co-KiddyCoach Gerhard Spitzer über den richtigen Einsatz von „Bitte“ und „Danke“ in der Kinderziehung.
Manuels Zimmer ist mal wieder in einem so argen Chaos-Zustand, dass nicht einmal mehr die Umweltschützer von Greenpeace bereit wären, sich das anzuschauen. Claudia, die Mutter des Neunjährigen will heute endlich ernsthaft und auch stimmlich mit allem ihr zu Gebote stehenden pädagogischem Nachdruck intervenieren: „Räumst du Faulpelz jetzt bitte endlich dein Zimmer auf?“

Na bitte! Das war ja mal ein echtes Machtwort. Man sieht auch sofort den Erfolg: Unser Manuel, nun offiziell zum „Faulpelz“ ernannt, macht auch ganz genau das, was seinem neuen Berufsstand gebührt: nichts! Nein, eigentlich macht er schon etwas: Der Bub verzieht unwillig sein Gesicht, murrt ein kurzes: „Ja, ja!“, und widmet sich sofort wieder seiner geliebten Spielkonsole. Das war's! Ende des drastischen Fallbeispiels! 

„Halt mal!“, höre ich schon den ersten Leser-Protest, „was, bitteschön, war denn an dem  Beispiel jetzt so drastisch? Das mit dem Faulpelz etwa? Oder das bisschen stimmlicher Nachdruck?“ Nichts von alledem, liebe Leute! Es ist das „Bitte“ in Claudias pädagogischer Intervention, das da nicht hingehört.

Lieblings-Sätze der Eltern

Bevor wir aber diesem Detail aus verhaltenspädagogischer Sicht zu Leibe rücken, kann ich es mir schon bei dieser allerersten Kolumne nicht verkneifen, kurz aber neugierig bei Ihnen nachzufragen: Wie geht es Ihnen denn, liebe Eltern, wenn Sie gerade mit ihrem Nachwuchs ein Hühnchen rupfen? Haben Sie dabei auch Ihre ganz persönliche, kleine Sammlung von immer wiederkehrenden Bitte-Sätzen?

„Kannst du dir bitte die Zähne putzen?“; „Räumst du bitte deinen Teller ...?“ Kannst du bitte ein einziges Mal mithelfen?“; „Wann entfernst du bitte endlich deine stinkenden Socken aus meinem …?“ Na gut, das könnte jetzt ohne weiteres auch ein Dialog zwischen Eheleuten sein …

Aber Sie haben sicher ohnehin schon erkannt, worum es hier geht, oder? Ein allseits offenbar überaus beliebter Weg, der in unzähligen Haushalten dieser Welt meist unerkannt beschritten wird, ist das Erbetteln von Tätigkeiten, die für ein harmonisches Zusammenleben eigentlich selbstverständlich sein müssten. Die ziemlich weit reichende Schlussfolgerung daraus: Das Wörtchen „bitte“ wird als notwendige Höflichkeitsform von fast allen Erziehenden dieser Welt maßlos überschätzt! Mehr noch: Gemessen an seinen Spätfolgen wird es leider ebenso maßlos unterschätzt. Ich rate daher: Verwenden Sie es ab heute ein bisschen seltener ... sofern es Ihnen, bitteschön, keine Umstände macht!

Und wie sollen meine Kids nun das „Bitte“ und „Danke“ erlernen?“. Diese durchaus berechtigte Frage, liebe fratz&Co-LeserInnen werde ich höflichst am Ende der Kolumne beantworten. Bitte um Geduld!

Die meisten „Bitte“-Sätze sind Fragen

Wie? Sie fragen sich, für wen ein kleines „Bitte“ denn so furchtbare Folgen haben kann? Na hauptsächlich für Sie selbst, liebe Eltern und Diensthabende! Wenn Sie selbstverständliche verhaltenstechnische Dinge nämlich ständig von Ihrem Kind „erbitten“ müssen, dann wird Ihr persönlicher Stellenwert in der kindlichen Wahrnehmung mit der Zeit eben immer stärker mit dem eines klassischen „Bittstellers“ verknüpft. In der Fachsprache nennt man das deshalb auch trefflich „Fehlverknüpfung“. Anders ausgedrückt: Ihre Rolle als Bezugsperson, die eigentlich klare Grenzen und Vorgaben setzen will und soll, beginnt zu verschwimmen. Alles klar soweit?

Und? Was nun? Erstmal: Sicherlich ist Ihnen aufgefallen, dass die meisten unserer netten Bitte-Sätze als Fragen formuliert waren. Eine klassische Frage eröffnet aber immer ganz automatisch die Option zur Ablehnung: „Würdest du jetzt bitte…?“, „Nein, Mom! Würde ich nicht!“

Fazit: Das vermeintlich dem höflichen Umgang geschuldete „Bitte-Syndrom“ ist einer der Gründe, warum viele Kinder so auffallend oft auf „Durchzug“ schalten. Lösung: Als Bezugsperson haben Sie nicht nur die Pflicht sondern auch das Recht, die für ein harmonisches Zusammenleben erforderlichen Verhaltensmuster klar und deutlich einzufordern, ohne höflich darum bitten zu müssen: „Ich möchte, dass du jetzt dein Zimmer aus dem Seuchenzustand holst!“… oder wie wär's mit zutiefst positiven Formulierungen: „Ich freue mich schon, wenn ich heute dein aufgeräumtes Zimmer sehe!“, oder: „Ich verlasse mich auf dich, dass du ...!“  Wetten, dass Ablehnung oder Ignoranz dann nur noch halb so stark ausfallen?

Das Mysterium der Höflichkeit

Und? Wie lernen die Kids nun ihre dringend notwendige Portion Höflichkeit für's Leben? Ganz einfach! Ausschließlich durch persönliche Anliegen: „Kannst du mir bitte ein Glas Wasser bringen mein Schatz?“ Ein gelegentliches: »Ich danke dir, das hast du super gemacht!«, oder Ähnliches können natürlich auch nicht schaden. Besonders, wenn die Leistung des kleinen Faulpelzes ein gerüttelt Maß über die Routine hinausgegangen ist. Mysteriöserweise werden also durch etwas weniger „Bitte-Sätze“ sowohl die persönliche Wertschätzung, als auch die Qualität des Zusammenlebens erhöht.


Foto: lightwavemedia - shutterstock.com

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