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Schwanger trotz Krebs

Eine Krebstherapie muss oft schnell begonnen werden und zieht nicht selten Unfruchtbarkeit nach sich. Seit Kurzem gibt es eine neue Methode, die helfen kann, dennoch schwanger zu werden.

Frau Elisabeth M. ist 23 Jahre alt und seit zwei Jahren glücklich verheiratet. Sie ist vor Kurzem mit ihrem Mann in eine Gartenwohnung in einem ruhigeren Stadtteil übersiedelt. Ein bis zwei Räume sind bereits für den geplanten Nachwuchs reserviert, denn das Paar wünscht sich unbedingt Kinder.

Vor einigen Stunden ist ihre Welt jedoch aus den Fugen geraten. Auf Drängen ihres Mannes hatte Elisabeth M. einen Arzt aufgesucht. Sie sei zu blass, zu müde und zu oft krank, war ihr Partner besorgt. Nie hätte sie sich träumen lassen, dass hinter diesen harmlosen und eigentlich unspezifischen Symptomen Krebs, nämlich akute Leukämie, lauern könnte. Heute bedeutet diese Diagnose, dank moderner Therapien, keineswegs mehr ein Todesurteil. Darüber hinaus ist es sogar möglich, dass Frauen wie Elisabeth M. nach überstandener Krankheit Kinder bekommen können – und das, obwohl die notwendige Behandlung die Eizellen in den Eierstöcke nachhaltig zerstören kann.

Durch Kryokonservierung Chemo sofort möglich

Machbar wird das durch die sogenannte Kryo- oder Gefrierkonservierung von Eierstockgewebe, erklärt Univ.-Prof. Dr. Ludwig Wildt von der Innsbrucker Universitätsklinik für Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin gegenüber fratz&co. Mittels eines minimalinvasiven Eingriffs, einer Laparoskopie (Bauchspiegelung), wird das Gewebe entnommen, eingefroren und der Patientin nach überstandener Krankheit wieder eingesetzt. Auf diese Weise können bei Patientinnen, die sich einer Chemotherapie oder Bestrahlung unterziehen müssen, Hormonproduktion und Fruchtbarkeit wiedererlangt werden.

Ein weiterer großer Vorteil dieser noch relativ unbekannten Methode liegt im schnellen Vorgehen: Bei akut erkrankten Frauen wie Elisabeth M. drängt die Zeit, es sollte sofort mit Bestrahlung oder Chemotherapie begonnen werden. Die Methode der Kryokonservierung macht dies möglich: Nach der Entnahme von Eierstockgewebe kann die Patientin theoretisch gleich am nächsten Tag mit der Krebsbehandlung starten. „Viel bekannter ist natürlich die Methode, Eizellen und Embryonen, also befruchtete Eizellen, einzufrieren“, führt Wildt aus, der zu den führenden Kinderwunschspezialisten im deutschen Sprachraum zählt. „Doch gerade bei akuten, lebensbedrohlichen Krankheiten fehlt es oft an den dafür notwendigen zwei bis drei Wochen, um reife Eizellen zu gewinnen“, betont der Experte den Zeitfaktor. „So eine Verzögerung kann man sich bei einigen Tumorarten zwar leisten, ein gutes Gefühl hat naturgemäß keiner dabei. Zudem ist die Situation nicht ganz unkompliziert, wenn man Embryonen einfriert, da es sein kann, dass z. B. ein Partner stirbt oder die Paare sich trennen.“

Die Kryokonservierung von Eierstockgewebe macht die Patientin von solchen Faktoren unabhängig. Bei Männern ist das Einfrieren von Spermien bereits seit Jahrzehnten populär, erzählt Professor Wildt. Er sieht es als einen großen Erfolg an, dass diese Methode nun auch Frauen zur Verfügung steht. Werden Frauen mit der Diagnose Krebs konfrontiert, denken viele verständlicherweise noch gar nicht daran, dass sich das Ganze auch auf die Familienplanung auswirken kann. Diese Tatsache einzubeziehen ist jedoch wichtig, weil die Überlebensrate auch bei akuten Tumorerkrankungen inzwischen sehr hoch ist, die meisten Frauen nach einer erfolgreichen Therapie aber unfruchtbar bzw. eingeschränkt fruchtbar sind, weiß Wildt um die Problematik.

Angesprochen auf eine Altersbeschränkung betont der Wissenschafter: „Gedacht ist das Verfahren vor allem für jüngere Frauen. Doch es ist unter Umständen auch möglich, Eierstockgewebe von Mädchen noch vor der Pubertät zu konservieren. Würde eine 45-Jährige mit einer Tumordiagnose kommen, so würde ich nicht zu einer Kryokonservierung raten, aber auch nicht ablehnen.“ Kurz gesagt: Der Eingriff eignet sich im Prinzip für jede Frau, die einen normalen Zyklus hat und sich einer Behandlung unterziehen muss, die das Eierstockgewebe schädigt. Das gilt nicht nur für Krebsfälle, das kann auch bei „bestimmten Autoimmunerkrankungen der Fall sein, deren Behandlung durch Zytostatika, also zellabtötende Medikamente, erfolgt“, fügt der Mediziner hinzu.

Eingefrorene Zellen funktionieren wieder normal

Das entnommene Gewebe wird in flüssigem Stickstoff bei minus 196 Grad Celsius gelagert. „Mehr Erfahrung hat man bereits mit tiefgefrorenen Eizellen und Embryonen, und zwar über eine Zeitspanne von mehr als zehn Jahren“, sagt Wildt. Ob es für die Haltbarkeit nach oben hin eine Grenze gibt, wisse man nicht, doch anzunehmen sei es nicht. Werden die Zellen der Patientin nach einigen Jahren reimplantiert, so geht die Medizin davon aus, dass ein Teil die volle Lebensfähigkeit wiedererlangt, wobei es natürlich hierfür – wie bei anderen Methoden auch – keine Garantie gibt. Versuche mit verschiedenen Zellarten hätten gezeigt, dass ein Großteil der eingefrorenen Zellen nach dem Auftauen wieder normal funktionstüchtig ist. Wildt sieht die Methode als Chance für betroffene Frauen, auch unter Zeitdruck die Weichen für ein Leben mit Kind stellen zu können.

Zur Kryokonservierung wird inzwischen etwa die Hälfte des Eierstockgewebes vor dem ersten bzw. spätestens vor dem zweiten Chemotherapiezyklus entnommen. Anfangs glaubte man mit mehreren erbsengroßen Stücken das Auslangen finden zu können, doch die Erfahrung hat gezeigt, dass die heutigen Chemotherapien, bis auf wenige Ausnahmen, die Funktion der Eierstöcke komplett zerstören.

Wenngleich sich durch den Fruchtbarkeitserhalt dank Kryokonservierung neue Chancen für Betroffene auftun, gibt es auch eine Kehrseite der Medaille, die der Mediziner nicht verschweigt: „Es ist nicht auszuschließen, dass sich in bestimmten Fällen im entnommenen Eierstockgewebe Tumorzellen befinden, die bei einer Reimplantation wieder in den Körper der Patientin eingepflanzt werden. Dazu laufen derzeit Forschungsprojekte“, sagt Wildt. Hierbei wird im Eierstockgewebe nach Markern für Tumorzellen gesucht. Zudem arbeitet man daran, die Eierstockzellen im Reagenzglas reifen zu lassen.

In Österreich wird die Kryokonservierung von Eierstockgewebe derzeit ausschließlich an der Innsbrucker Universitätsklinik durchgeführt. Das Angebot besteht hier seit 2003. Weltweit gibt es, laut Wildt, acht erfolgreich ausgetragene Schwangerschaften. Die Befruchtung erfolgte teils auf natürlichem, teils auch auf künstlichem Wege. „Es ist eine Behandlung ohne Erfolgsgarantie“, hebt Wildt hervor. Aber: „Frauen erhalten hier eine Option für die Zukunft.“.




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