Suchtbabys
Drogenkonsum, Trinken oder Rauchen – in der Schwangerschaft ist das Baby live dabei. Es ist ‚high’, wird betrunken, oder ihm bleibt die Luft weg. Niemand würde ein Trinkfläschchen mit Rotwein füllen, oder statt des Schnullers eine Zigarette anbieten. Doch solange es noch im Bauch ist, bekommt ein Baby oft von beidem ab. Eine Reihe von Substanzen haben aufgrund ihrer Wirkung auf das Zentralnervensystem (Gehirn und Rückenmark) die Tendenz, süchtig zu machen. Dazu gehören neben ‚echten Drogen’ auch Alkohol und Nikotin. Je nach Konsum unterscheidet die Medizin: Genuss (gesunden Gebrauch), Missbrauch und Sucht (Abhängigkeit). Die Übergänge verschwimmen allerdings, und der Prozess hin zur Sucht ist meist schleichend. Die legalen Suchtgifte Alkohol und Nikotin sind in unsere Gesellschaft weitgehend toleriert und bagatellisiert. Doch auch sie wirken toxisch (giftig) und können beim ungeborenen Kind unmittelbaren Stress und dauerhafte, irreparable Schäden verursachen.
Mag. Barbara Windisch
Illegale Drogen
Illegale Drogendie eine Frau während der Schwangerschaft zu sich nimmt, erreichen über die Plazenta direkt das Ungeborene. Wenn das Baby auf die Welt kommt (die Gefahr einer Fehlgeburt ist hoch), ist es oft schon selbst von den Drogen seiner Mama abhängig und macht gleich einen Entzug durch.
Für Dr. Klaudia Rohrmeister, Oberärztin der Neonatologie am Wiener AKH, gehören ‚Drogenbabys’ seit Jahren zum Berufsalltag. Unaufgeregt berichtet sie von den Vorteilen des interdisziplinären Betreuungsmodells zwischen Geburtsklinik und Psychiatrie. Dadurch sind drogenkranke Frauen schon vor der Entbindung an der Drogenambulanz in Behandlung und werden ‚stabilisiert’. Das bedeutet, sie erhalten während der Schwangerschaft in kontrollierter Weise eine Substitutionsdroge (Methadon, Morphin..), und das Geburtshilfeteam ist auf die besondere Problematik vorbereitet. Dieses Vorgehen ermöglicht in 90 Prozent der Fälle eine normale Geburt. Die Babys kommen meist ins ‚Kinderzimmer’, und nicht auf die Intensivstation.
Entzugssyndrom bei Neugeborenen
Ob ‚Straßendroge’ oder Ersatzmedikament, die Gefahr eines ‚Neonatalen Abstinenzsyndroms’ ist gegeben. – Das gilt übrigens auch für Alkohol und Nikotin. – Die Symptome sind vielfältig (extreme Reizbarkeit, Zittern, Durchfall und Erbrechen..) und treten meist innerhalb der ersten drei Lebenstage auf.
Wie beim kleinen Tom. Vor zwei Tagen ist er auf die Welt gekommen. Ein bisschen kleiner und leichter als die meisten zwar, sonst aber okay. Doch bald wechselten sich bei ihm Schreiattacken und Krampfanfälle ab. Bekommt er das Fläschchen, saugt er wie wild, nimmt dabei aber nichts zu sich. Auch das Atmen bereitet ihm Probleme. Seine Mama ist drogen- und nikotinsüchtig, bisher unbehandelt. Der kleine Tom startet sein Leben folglich mit einem Entzug. Ob er sich normal entwickeln wird, wird sich erst im Laufe der nächsten Jahre zeigen.
– Je nach Schwere der Entzugssymptome werden die Neugeborenen mit ‚comfort care’ (reizarme Umgebung, festes Wickeln – das sog. ‚kangarooing’, häufiges Füttern), oder aber mit Medikamenten behandelt. Die Entzugstherapie dauert durchschnittlich 2-3 Wochen, dann gelten die Winzlinge als geheilt. Rückfallgefahr besteht keine, da bei ihnen die ursprüngliche Problematik, die die Mutter zu den Drogen greifen ließ, wegfällt.
Ob es ihnen dann gut gehen wird in ihrem Leben? Wachsen sie bei ihren Eltern auf? Neigen sie selbst zu Suchterkrankungen? – Diese Fragen stellt man sich zwangsläufig. Können an dieser Stelle aber nur angerissen werden. – Fast alle ‚Drogenbabys’ verlassen die Geburtsklinik mit ihren Müttern, nach zwei Jahren sind noch rund die Hälfte bei ihnen. Die anderen bei Pflegefamilien und Adoptiveltern.
Im AKH Wien bekommen die Babies nach der Geburt einen kleines Gerät mit Monitor mit nach Hause, das ihre Herz- und Atemtätigkeit kontrolliert. Die Eltern werden eingeschult und müssen mit Sprössling und Monitor regelmäßig die SIDS (Sudden Infant Death Syndrom) Ambulanz aufsuchen. Weiters wird der Kontakt zum Neurologischen Zentrum Rosenhügel zur weiteren Beobachtung des Kindes hergestellt. Die drogenkranke Mutter wird psychiatrisch (weiter)betreut.
Straße oder Therapie
Dr. Rohrmeister sieht die größte (Lebens-)Gefahr für drogenkranke Mütter und ihre Babys im illegalen, unbehandelten Bereich. Wo Straßendrogen oft durch Prostitution beschafft werden müssen und Stress, mangelnde Hygiene, unreine Drogen und Entzugsphasen die Lebensumstände bestimmen. All das führt häufig zu Fehlgeburten. Erlebt das Baby seine Geburt, ist diese meist frühzeitig und kompliziert. Höchstwahrscheinlich leidet es an unmittelbaren Problemen und dauerhaften Schädigungen wie Atem- und Trinkschwierigkeiten, Infektionen, Entwicklungsverzögerungen und Schäden des Nervensystems.
Im Vergleich dazu haben Ersatzsubstanzen Wirkungen und potentielle Nebenwirkungen um die man weiß. Sie unterbinden den Beschaffungsstress der Drogenkranken und wirken auf den Fötus nicht direkt schädigend. Allerdings können sie eine Abhängigkeit hervorrufen, welche zum beschriebenen Entzugssyndrom führt. Dieses ist behandelbar und zeitlich begrenzt.
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