Väter im Kreisssaal
In den vergangenen zwanzig Jahren hat die Zahl der Väter, die bei der Geburt ihres Kindes dabei sind, stetig zugenommen. Meinten anno dazumal die meisten Männer noch "Das würde ich nie aushalten – ich kann kein Blut sehen!”, so fördert es heute schon fast den guten Ruf eines Mannes, wenn er seiner Frau bei der Geburt beisteht.
Karin Martin
Gerlinde Heil
Vater rein oder raus
Rund 60 Prozent der werdenden Väter besuchen gemeinsam mit ihrer Partnerin einen Geburtsvorbereitungskurs, wo sie unter anderem lernen, wie sie der Frau, wenn die Wehen schmerzhaft werden, helfen können. Mit Massagehandgriffen zum Beispiel. Es geht den Männern aber noch um etwas ganz anderes: “Ich habe neun Monate mit etwas nicht wirklich Greifbarem gelebt”, bringt ein Vater seine Gefühle während der Schwangerschaft seiner Frau auf den Punkt.
“Ich durfte zwar hin und wieder auf den Bauch meiner Frau greifen und das Baby spüren. Ich hab’ es auch am Ulltraschall gesehen – sah aus wie ein Barbapapa... Ein Kind zu sein begann es aber für mich erst, als es zur Welt kam. Es gibt nichts Größeres, als wenn man das Leben dann direkt vorort empfängt!” Männer, die die Geburt miterlebt haben, haben oft von Anfang an einen intensiveren Kontakt zu ihrem Kind.
Allerdings sollte sich deshalb kein Mann verpflichtet fühlen, mit in den Kreißsaal zu gehen. Vielmehr sollte er seiner Gefährtin seine Gefühle ehrlich mitteilen, sodass diese eventuell eine andere ihr nahestehende Person zur Geburt mitnehmen kann. Eine liebevolle Beziehung zwischen Vater und Kind lässt sich auch Stunden später noch beginnen.
Es gibt übrigens auch Experten, die meinen, der Mann solle lieber “vor der Türe” warten, bis das Kind auf der Welt ist. Der französische Geburtsmediziner Michel Ordent begründet diese Ansicht damit, dass sich die Frau bei der Geburt ganz "fallen lassen” müsse. Die Anwesenheit eines ängstlichen werdenden Vaters, der ständig rationale Fragen stellt, störe sie dabei. Oft dränge auch der Mann auf ein stärkeres Eingreifen der Ärzte oder sogar auf einen Kaiserschnitt, weil er von den Schmerzen, die die Frau durchmacht, geschockt ist. Nicht alle Geburtsmediziner und Hebammen teilen freilich diese Meinung. Viele Frauen profitieren sehr wohl davon, wenn ihr Partner bei der Geburt dabei ist, betonen sie.
Das Gefühl, wirklich gebraucht zu werden
Peter (30) erinnert sich an die Geburt seiner Tochter Sophie (heute 11/2 Jahre alt): Drei Tage nach dem errechneten Geburtstermin. Wir erholen uns auf der Bettbank im Wohnzimmer gerade von Umbauarbeiten in der Wohnung. Paff! Die Fruchtblase meiner Frau Jutta ist gesprungen. Na super, ich bin richtig in Geburtsstimmung! Der Koffer ist schon gut fünf Wochen gepackt, also kein Grund zur Panik. Sollte man glauben.
Was fällt einem nicht alles ein, was doch noch fehlen könnte! Ich kann keinen klaren Gedanken fassen. Los geht’s! Im Spital angekommen werden wir gleich in den Kreißsaal geführt. Glück gehabt, es ist nichts los auf der Station und die Hebamme scheint entspannt. Die Nervosität klingt ab. Jutta wird an das CTG gehängt. Alles in Ordnung.
Die ersten stärkeren Wehen beginnen. Wie wir es im Vorbereitungskurs gelernt haben, beginnt Jutta mit ihrer Atemtechnik. Toll! Ich muss gar nichts sagen! Ein Einlauf stört die Harmonie und Jutta beginnt mehrere längere Klositzungen. Ein gutes Gefühl – sie lächelt noch immer. Die Wehen werden stärker. Die ersten Presswehen stellen sich ein und Jutta beginnt erstmals ihr Gesicht vor Schmerz zu verzerren. Die Hebamme untersucht noch den Muttermund. Alles in Ordnung, acht Zentimeter geöffnet.
Die Presswehen werden stärker und kommen jetzt alle drei Minuten. Jutta liegt im Bett. Die Hebamme kontrolliert noch einmal die Herztöne des Kindes. Jutta wechselt in einer Wehenpause ihre Position und kniet sich jetzt in das Bett. Die Arme stützt sie auf den Fußteil des Bettes. Eine starke Presswehe beginnt. Erstmals habe ich das Gefühl wirklich gebraucht zu werden. Sie klammert sich vor Schmerz an mich und ich spüre, welche Kräfte bei ihr frei werden. In den Wehenpausen massiere ich ihr sanft den Rücken. Man spürt ganz stark die Anspannungen in ihrem Unterleib.
Nicht ganz drei Stunden, nachdem wir ins Spital gekommen sind, kommt der Kopf des Babys langsam heraus. Atmen, pressen, atmen, pressen, BRÜLL! Es ist da. Ein Mädchen. Mein Gott, ist es groß! Die Hebamme begrüßt das Kind mit einem herzlichen ”Servas” und lässt uns dann alleine. Wir haben Zeit uns zu begrüßen. Eine bilderbuchreife Geburt – harmonisch, ruhig und schön. Die Hebamme beginnt mit dem Abnabeln. Den berühmten Schnitt durch die Nabelschnur darf ich machen. Ein geiles Gefühl. Die Plazenta kommt nach. Danach geht’s zum Baden mit dem Baby. Das erste Mal nehme ich die kleine Sophie in die Hand. Ein tolles Gefühl. Ich bin Vater.
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