Wie Kinder die Welt sehen
Wie sehen Kleinkinder die Welt?
So weit, so gut. Nach dieser langen Einleitung nähern wir uns jetzt der eigentlichen Kernfrage dieses Artikels (und ich danke für Ihre Geduld, liebe Leserin und lieber Leser): Wenn die Sprache die Welt macht, wie sehen dann (Klein-)Kinder die Welt, da ihnen die Sprache fehlt bzw. sie diese erst erwerben müssen?
Um diese Frage zu beantworten, muss man den Prozess des Spracherwerbs unter die Lupe nehmen.
Das Erlernen der Sprache beginnt schon vor der Geburt. Im siebten Schwangerschaftsmonat ist das Gehör des Fötus soweit ausgebildet, dass er Laute unterscheiden kann. Bereits im Mutterleib erlebt das Baby (kulturell und individuell bedingte) Sprache und reagiert darauf mit kaum sichtbaren Muskelbewegungen, die einzigartig sind, vergleichbar mit Fingerabdrücken.
Mehr noch: Das tägliche Sprechen der Eltern mit ihrem Sprössling ist eine absolute Notwendigkeit, ohne die das Sprechenlernen nicht funktionieren würde. Kinder, deren beide Elternteile taubstumm sind, benötigen sprechende Erwachsene in ihrer Umgebung, um das Sprechen zu erlernen.
Die ersten Lall- und Gurrlaute beginnen nach ca. 8 Wochen. Der Säugling fängt an, Kehlkopf, Zunge, Lippen und die 86 Muskeln, die später beim Erwachsenen beim Sprechen im Gesicht tätig sind, zu trainieren. Ohne dieses permanente Training und ohne das ständige Sprechen der Erwachsenen mit dem Kind, das ihm die Sprach- und Lautmodelle liefert, würde es nicht mit ungefähr zwölf Monaten sein erstes “Mama” oder irgendein anderes Wort hervorbrabbeln.
Das Kind lernt umso leichter, wenn eine Handlung und die begleitenden Worte eines Erwachsenen korrelieren. Wenn das Baby gefüttert, gebadet oder gewickelt wird und diese Vorgänge gleichzeitig von konkreten Begriffen begleitet werden, beginnt das Kind zu verstehen, noch lange bevor es selbst in der Lage ist, Worte zu artikulieren. (Mit abstrakten Begriffen oder Erklärungen haben Kinder bis ungefähr zum neunten Lebensjahr Schwierigkeiten; sie finden sich eigentlich nur in konkreten Situationen zurecht. Bittet man zum Beispiel einen Zweijährigen, bei der Ampel stehen zu bleiben, wenn das rote Licht leuchtet, so mag er das vielleicht tun, weil dies eine konkrete Handlung ist. Aber die Komplexität der Situation und die Signalsprache der Ampel -rotes und grünes Männchen - begreift er erst mit zunehmenden Alter.)
Kinder “rekonstruieren” die Welt bzw. die Wirklichkeit!
Das Kind übernimmt also schon vor der Geburt die Sprache der Erwachsenen – und damit letztendlich auch ihre Erkenntnisse und Sichtweisen über die Welt. Die Eltern nennen ein bisher unbekanntes Ding “Tisch”. Darauf stellen sie ihr Essen, darauf schreiben sie, aber eines tun sie nicht: sie setzten sich nicht darauf. Diesen Gegenstand nennen sie nämlich “Sessel”. Das Kind erhält von den Erwachsenen Informationen, die es aufnimmt, verarbeitet und in das bestehende kognitive System einordnet. Natürlich machen Kinder dazu auch eigene Erfahrungen; schließlich agieren sie in ihrer Umgebung und erobern diese Schritt für Schritt.
So entsteht sozusagen ein eigenes Bild von der Welt – eine Mischung aus kulturellen und individuellen Erfahrungen. Oder anders ausgedrückt: Kinder “rekonstruieren” die Welt bzw. die Wirklichkeit. Neues Wissen dockt sozusagen an vorhandenes Wissen an und “ordnet” sich ihm unter. Ein unbekanntes, neues Wort interpretieren verschiedene Kinder oft unterschiedlich; in der Regel orientieren sie sich an dem, was ihnen vertraut ist. Das ist die Erklärung dafür, warum derselbe Sachverhalt von unterschiedlichen Menschen unterschiedlich wahrgenommen werden kann.
Warum wir trotzdem nicht permanent aneinander vorbeireden, liegt daran, dass in der Sprachwelt eines Kulturkreises die gemeinsamen Symbole überwiegen bzw. wir uns auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen.
Wenn ich zu einem Kind (aber auch zu einem Erwachsenen) sage: “Gestern habe ich einen Tisch gekauft”, so weiß es aufgrund des geschilderten Spracherwerbs-Prozesses, dass ich einen Tisch und nicht einen Sessel erworben habe. Wie dieser Tisch allerdings aussieht, ob er vier oder drei Beine hat oder ob er über eine eckige oder runde Platte verfügt, wird sich das Kind in seiner Fantasie aufgrund seiner bisherigen Erfahrungen und Erkenntnisse aus der Welt zusammenstellen.
Außer natürlich, wir beschließen kollektiv, ab sofort jeden Tisch “Sessel” zu nennen!
Mitreden:
| Kommentar schreiben: | Artikel empfehlen: |

