Wenn Eltern zu viel Gutes wollen
Freies Spielen
Die Luft, die den überforderten Kindern fehlt, ist die Zeit zum Spielen. Freies Spiel, ohne jegliche Vorgabe, ohne Ziel, ohne Programm und ohne Einsagen der Eltern gehört zum Wertvollsten und Wichtigsten für jedes Kind. Und ohne das Spiel gibt es auch kein Lernen: „Die Kinder brauchen Zeit und Raum, etwas Erfahrenes auch zu tun und umzusetzen. Wenn Kinder von einem Termin zum anderen geschleppt werden, haben sie keine Zeit dazu“, beschreibt Katharina Kamelreiter das Phänomen. Beim freien Spielen sind die Kinder in ihrer eigenen Kreativität gefordert, können aus dem Nichts Szenen, Situationen oder Träume erschaffen und wieder verwerfen. Sie erforschen ihre Umgebung und experimentieren mit allem, was ihnen in die Finger kommt. Das Handy kommt in den Videorecorder, der Teddy in die Küchenlade, der USB-Stick in den Geschirrspüler – lauter faszinierende Experimente. Mit Eigeninitiative, Mut und auch einer gesunden Portion Frustrationstoleranz erobern sich die Kinder ihre Welt. Und sie schütteln sich so einiges von der Seele, wenn zum wiederholten Male die Bauklötze durch die Gegend fliegen.
Lernparadoxon
Auf manche Eltern mögen diese Aktionen sinnlos, ja sogar destruktiv oder aggressiv wirken. Tatsächlich hat aber alles, was die Kleinen tun, einen Sinn. Sie machen Erfahrungen und lernen dadurch. „Kinder brauchen genug Zeit zum Spielen, etwas aus sich heraus zu tun. Das ist die Grundlage des Lernens. Wenn das nicht gelernt wird, kommt es später in der Schule zu Problemen. Das Kind fragt ständig ‚Und was kommt jetzt?’ und kann sich kaum konzentrieren“, bringt es Katharina Kamelreiter auf den Punkt. Das ist wohl das größte Paradoxon der Kleinkind-Förderfalle: Wenn Kinder zu früh lernen müssen, werden sie nie das Lernen lernen.
Das Beste und mehr
Die Balance zu halten zwischen gesunder Förderung und Überforderung, das ist die Aufgabe der Eltern. Sie wird nicht leichter dadurch, dass die meisten Eltern unserer Generation ihre Kinder immer später im Leben bekommen und dass viele von uns davor noch nie ein Kind haben aufwachsen sehen. Katharina Kamelreiter: „Dazu kommt eine Informationsflut zum Thema Kindererziehung. Das eigene Gefühl wird dann oft gering geschätzt. Und das Wissen der Großeltern, von dem man profitieren könnte, wird nicht mehr angenommen.“ Das Resultat ist große Verunsicherung. Man will das Beste für sein Kind – und weil man sich kaum entscheiden kann, was das ist, macht man einfach alles. „Eltern waren noch nie so im Stress wie heute. Es ist eine Überforderung, die aus den eigenen hohen Ansprüchen kommt“, so Kamelreiter.
Kinderwünsche
Es lohnt sich also, eine Kontrollfrage zu stellen: Was sind die Bedürfnisse meines Kindes, was sind in Wirklichkeit meine Bedürfnisse? Wünsche nur ich mir einen dreisprachigen Hochbegabten mit Faible für theoretische Physik oder hat mein Kind tatsächlich diese Tendenzen? Tue ich meinem Kind einen Gefallen, wenn es alles bekommt, was ich nie hatte? Was will mein Kind wirklich? Das herauszufinden ist selbst dann nicht leicht, wenn das Kleine schon sprechen kann. Da hilft kein Experte und kein Programm. Nur das eigene Gespür für die Signale des Kindes – und der Mut, dem eigenen Bauch zu vertrauen.
Mag. Markus Widmer
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