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Es geht auch anders

Es geht auch anders

Platzt Ihr Schrank schon aus allen Nähten und geht das Kinderzimmer förmlich über? Die österreichische Autorin Nunu Kaller verrät in ihrem Buch, wie Sie dem Shopping-Wahn entkommen und dadurch auch noch glücklich werden.
fratz&co: In Ihrem Buch beschreiben Sie sich als modisch sehr interessiert. Was war für Sie das Schlüsselerlebnis, sich für eine „Kleidungs-Shopping-Diät“ zu entscheiden?

Nunu Kaller: Ich hatte eine sehr schwere Zeit familiärer Natur, eine nahestehende Verwandte starb ganz plötzlich, meine Mutter wurde schwer krank, im Job war ich permanentem Stress und Druck ausgesetzt. Meine Ausflüge zu Textilschwede und Co. sowie die Abende, die ich in Online-Shops herumsurfend verbrachte, wurden immer häufiger. Da schnell mal ein Rock, dort ein Oberteil, und nach drei Tagen Online-Suche die Weste gefunden, die ich an einer wildfremden Frau am Flughafen so toll gefunden hatte – ich lenkte mich ab, ich belohnte mich, ich tröstete mich. Der Gedanke, wie dieses möglicherweise neue Teil zu meinen Sachen im Kleiderschrank passen würden, ließ mich die Konzentration auf andere, oberflächliche Dinge lenken – weg von Gedanken wie die Angst um meine Mutter oder die gewaltige Trauer. Noch nicht finaler Auslöser, aber Schlüsselerlebnis war eine Shoppingtour auf der Suche nach einem eleganten Kleid für eine edle Hochzeit. Ich kam nachhause mit einem Cordrock und einem Baumwolltop, beide wirklich schön, aber meilenweit von „elegantem Kleid für eine edle Hochzeit“ entfernt. Auf die Hochzeit zog ich dann ein acht Jahre altes Kleid an – für das ich jedes Mal Komplimente kassiere. Im Urlaub, mit etwas Abstand und nach einer Diskussion mit meinem Freund über meine fehlende Konsequenz, kam dann die Idee für die Auszeit.


fratz&co: Wie haben Sie Ihre „Shopping-Diät“ aufgezogen und warum musste es für Sie gleich ein ganzes Jahr Shopping-Abstinenz sein?
Nunu Kaller: Ich glaube, „weniger ist mehr“ hätte ich nicht durchgehalten. Hätte ich mir kein Verbot gesetzt, wäre ich weiterhin aus obengenannten Gründen (Trost, Ablenkung, Belohnung) shoppen gegangen. Zusätzlich verstörte mich der Gedanke, dass ich eigentlich nichts „brauche“, weil ich mit dem Inhalt meines Kleiderschranks locker fünf Jahre durchkomme, und dass ich vor allem nicht mehr wusste, wann ich das letzte Mal einkaufen war, weil ich etwas „gebraucht“ hatte, und nicht, weil ich halt einfach nur Lust auf Shopping hatte. Außerdem „durfte“ ich mir immer wieder mal von Menschen, die mich sehr gut kennen, erklären lassen, es mangle mir an Konsequenz – und sie könnten unter Umständen recht damit haben. Der Gedanke war dann: Wenn ich es im Bereich einer meiner größten Schwächen, dem Kleidershopping, schaffe, ein Jahr ohne durchzuhalten, dann beweise ich gleich auch mal Konsequenz. Ist gelungen, yey! :)


fratz&co: Einkaufen gehört heute zum Leben dazu. Wie hat Ihre Umgebung auf Ihre Abstinenz reagiert?

Nunu Kaller: 99 Prozent waren sehr positiv, bewunderten die Idee und motivierten mich damit gewaltig. Viele Männer im Freundeskreis reagierten zwar am Anfang befremdet („Das passiert mir manchmal sogar“.), verstanden es aber nach Erklärungen („Stell dir vor, du darfst ein Jahr lang keine Platten/keine Elektronika/keine Sportgeräte kaufen“.) meist sehr schnell und wurden teilweise sogar zu treuen Lesern meines Blogs. Es gab zwei Menschen, die nicht an mich glaubten – einer sogar so wenig, dass er sich traute, mit mir um 50 Euro zu wetten. Die Wette hat er verloren und seinen Wetteinsatz auch brav eingelöst. Es war mein direkter Vorgesetzter :).


fratz&co: Welchen Stellenwert hat das DIY für Sie bekommen?

Nunu Kaller: Einen sehr, sehr hohen. Beim Nähen und mir ist es zwar eher eine On-Off-Beziehung, das Stricken ist jedoch meine neue, heiße Liebe. Dieser Stolz, selbst ein Kleidungsstück hergestellt zu haben, mit dem man sich auch aus den eigenen vier Wänden heraustraut, ist ein ganz besonderes Gefühl. Und: Nichts entspannt bei Schlechtwetter mehr als einen guten Film im TV zu sehen und mit Strickzeug am Sofa zu sitzen. Stricken ist das neue Yoga!


fratz&co: Welche Gründe hat Ihrer Meinung nach die Jagd unserer Gesellschaft nach äußerem Überfluss?

Nunu Kaller: Ich glaube nicht unbedingt, dass das eine bewusste Jagd nach Überfluss ist. Ich sehe den Grund für Überfluss-Shopping eher in einer Entwicklung beheimatet, die sowohl sehr positiv als auch sehr negativ ist: Es gibt inzwischen für jede Geldböse unglaublich viel Angebot. Nicht nur Kleidung gibt es in jeder Preisklasse, sondern so ziemlich alles, was man überhaupt kaufen kann. Daraus hat sich wahrscheinlich bei vielen Menschen eine Art Anspruchsdenken entwickelt – man kann es sich nicht nur leisten, man muss es. Werbung und Marketing haben in den letzten fünfzig Jahren gewaltig dazu beigetragen, dass man sich mehr und mehr über die Dinge identifiziert, die man kauft und besitzt. Ich habe an mir selbst bemerkt, dass ein temporärer Ausstieg aus dieser immer schneller werdenden Konsumspirale einem hilft, sich wieder auf Dinge zu konzentrieren, die viel mehr wert sind als Produkte, die man kaufen kann.


fratz&co: Welche positiven Effekte hat ein geändertes Einkaufsverhalten auf die Gesellschaft / die Umwelt?

Nunu Kaller: In Sachen Umwelt ist die Antwort einfach: Das ökologischste Kleidungsstück ist jenes, das nicht produziert wird. Die Fast-Fashion-Industrie produziert im Endeffekt einen unermesslich hohen Müllberg, da die Stücke nur kurz getragen werden und dann aufgrund fehlender Qualität oder einer nicht mehr trendigen Optik weggeschmissen werden. Doch nicht nur das „Danach“ ist problematisch, auch das „Davor“: Baumwollanbau ist extrem Wasser- und Pestizideinsatzintensiv (bestes Beispiel ist der Aralsee, ein ehemals riesiger Binnensee, der inzwischen auf zehn Prozent seines ursprünglichen Wasservolumens zurückgegangen ist, weil das Wasser in die umliegenden Baumwollplantagen gepumpt wird). Eine Rückbesinnung auf wenige, aber hochqualitative Kleidungsstücke hat definitiv Vorteile für die Umwelt.Im gesellschaftlichen Sinne: Die konventionelle Modeproduktion ist globalisiert. In Billigstlohnländern wie Pakistan oder Bangladesch nähen Arbeiterinnen unter unsicheren Bedingungen zu Mindestlöhnen, von denen sie nicht eben können, ohne Pause. Wie katastrophal die Zustände dort sind, zeigt sich am Beispiel von Rana Plaza, dem Fabriksgebäude, das über 1200 Menschen unter sich begrub. Hier besteht die Hoffnung, dass den Menschen durch eine Reduktion dieses Konsumtempos mittelfristig dort bessere Zustände geboten werden können. Dass das ein sehr schwieriger Weg mit vielen Hürden ist, ist mir klar.



Interview: Priska Reich
Foto: Dmytro Vietrov - shutterstock.com

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