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Sandkastenliebe



„Ich heirate einmal den Tim“
, sagte mein Sohn Lukas mit drei. Meine Mutter verdrehte die Augen. Ich warf ihr meinen strengsten Mach-ja-keine-blöde-Bemerkung- Blick zu, und sie verbiss sich den Satz, den sie auf den Lippen hatte. Von wegen „Aber das ist ja ein Bub“!

Wenn ich an die vielen Worte – hauptsächlich aus dem Mund meiner Großmutter - denke, die mich und meine Geschwister als Kinder und Jugendliche zu einer „normalen“ Sexualität hinführen sollten, habe ich bis heute ein unangenehmes Gefühl: „Vom Onanieren fallen einem die Finger ab, vom Küssen bekommt man Syphilis, Schwule sind krank und Aids ist die Strafe dafür.“ Aber was hat das alles mit Lukas’ Bemerkung über seine erste Sandkastenliebe zu tun? In Wirklichkeit gar nichts! Denn im Hinblick auf die Entwicklung von Liebe und Sexualität im Kindesalter ist es wichtig, zwei

Bereiche zu unterscheiden: einerseits die Sandkastenliebe und dann die infantile (kindliche) Sexualität bzw. psychosexuelle Entwicklung. Beides aber ist ganz klar abzugrenzen von der Bedeutung, die Sexualität für Erwachsene hat.

Mit ihm kann ich so schön spielen

„Zeitweise kann man erleben, dass sich zwei Kinder quasi in der Sandkiste kennenlernen, es scheint wie Liebe auf den ersten Blick und die beiden sind ab diesem Zeitpunkt fast unzertrennlich. Wahrscheinlich ist es so, dass einfach die Chemie zwischen den beiden stimmt, sie sich gut verstehen“, erklärt der Sonder- und Heilpädagoge Mag. Robert Schmid MA, psychoanalytisch-pädagogischer Erziehungsberater bei den Wiener Kinderfreunden. Das findet man zwischen Buben und Mädchen ebenso wie zwischen Buben oder zwischen Mädchen. Hin und wieder bleibt eine solche Liebe oder Freundschaft sogar bis ins Erwachsenenalter bestehen. Schmid hält es für wichtig und gut, wenn man im Rahmen der Lebensumstände bzw. der außerfamiliären Einrichtungen auf diese Beziehung Rücksicht nimmt und sie nicht auseinanderreißt. Für ihre soziale Entwicklung lernen Kinder daraus, wie angenehm und schön sich eine jahrelange Freundschaft anfühlt. Und das gibt Kontinuität und Sicherheit. „Ich würde dies aber nicht in den engeren Bereich der infantilen Sexualität rechnen. Nur im weiteren Sinne, da spätere Sexualität etwas mit Vertrauen, Zärtlichkeit und starken Gefühlen zu tun hat. Und solche Gefühle wird es sehr wahrscheinlich auch in einer so frühen Beziehung geben“, so Robert Schmid.

Orale Phase und Forscherdrang

Die psychosexuelle Entwicklung der Kinder beginnt am ersten Lebenstag. Sie läuft zunächst in vier Stufen ab: der oralen Phase, der analen Phase, der urethralen Phase und der genitalen Phase. „Sie sind grundsätzlich zeitlich begrenzt und werden nach den Körperregionen benannt, denen Kinder in dieser Zeit besondere Aufmerksamkeit schenken. So wird in der oralen Phase, die im ersten Lebensjahr das Handeln des Kindes bestimmt, fast alles mit dem Mund untersucht: nichts, was nicht dort landet, abgeschleckt oder zerkaut wird. Es folgt im zweiten und dritten Lebensjahr die anale bzw. urethrale Phase, für die der lange Prozess des ,Sauberwerdens‘ Ausdruck ist. Danach geht die Entwicklung in die genitale Phase über, wo es zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit den eigenen Genitalien kommt“, erklärt Pädagoge Schmid.

Mittlerweile wissen wir ja, dass Kinder in ihren ersten Lebensjahren täglich enorm viel dazulernen – mehr als in jeder anderen Lebensphase. Ein wichtiger Motor dafür ist ihr großer Wissensdurst und Forscherdrang. Der eigene Körper und jener des anderen sind dabei ganz zentrale „Forschungsgebiete“. So werden Mama, Papa oder ältere Geschwister genau beobachtet. Kinder zwischen drei und sechs Jahren nehmen die körperlichen Unterschiede wahr, machen sich darüber Gedanken und entwerfen Erklärungshypothesen – so wie sie es auch in anderen Bereichen tun.

Erklärungsansätze der Kinder

Dieses Interesse ist normal und Kinder brauchen auch immer wieder mal Aufklärung, damit sie in ihrem Erfassen der Welt weiterkommen. Dabei ist es wichtig, dass die Eltern auf die Erklärungsansätze der Kinder eingehen. Etwa mit der Frage „Warum glaubst du denn, dass Mama so aussieht?“, wenn Kinder wissen wollen, warum das Geschlechtsteil der Mutter anders aussieht als das des Vaters. „Eine Erklärung für sehr junge Kinder könnte sein, dass die Mama im Gegensatz zum Papa ein Nestchen im Bauch hat, in dem ein Baby wachsen kann“, so Schmid, der auch eine private Praxis, die „Erziehungswerkstatt“, führt.

Auf keinen Fall sollte Verhalten, das in genau diesem Erforschen und den daraus entstehenden Ideen wurzelt, als „Schlimmsein“ missinterpretiert werden. Zur Aufklärung von Kindern gibt es übrigens eine Reihe sehr guter Bilderbücher.

Die natürliche Entwicklung zulassen

Damit Kinder den natürlichen Zugang zu ihrem Körper nicht verlieren und eine gute Einstellung zur Körperlichkeit in Beziehungen zu anderen entwickeln können, ist es wichtig, dass ihre erwachsenen Bezugspersonen richtig mit dem beschriebenen Wissensdrang umgehen. Das ist gar nicht einfach. Denn nach der Pubertät, für Erwachsene, hat die Sexualität eine andere Bedeutung.
Schmid: „Selbstverständlich sind die früher infantil besetzten Körperregionen auch in der erwachsenen Sexualität wichtig, aber eben mit der eindeutigen genitalsexuellen Betonung.“ Immer wieder einmal geschieht es, dass Erwachsene Kinder bei ihren Forschungen beobachten und das Handeln der Kinder falsch interpretieren. Der analytisch arbeitende Erziehungsberater beschreibt beschreibt zwei typische, wenngleich falsche Vorgangsweisen:
„Entweder wird infantile Sexualität komplett geleugnet, was dazu führt, dass das Kind in seinem Streben überhaupt nicht wahrgenommen wird. Oder dieses Streben wird mit der Brille der Erwachsenensexualität betrachtet. So werden Dinge hineininterpretiert, die überhaupt nicht im Kind sind und damit Angst machen.“

„Doktorspiele“ sind in den meisten Fällen normale Auseinandersetzungen mit diesem Thema unter Kindern. Hin und wieder benötigen Kinder die eine oder andere Leitlinie, damit ein Kind nicht verletzt wird, aber meist ist das nicht notwendig. „Was es aber auf keinen Fall braucht, ist ein Verteufeln und Verurteilen dieser Strebungen, weil sie Auswirkungen auf das spätere Sexualverhalten haben können“, so Schmid.

Der Pädagoge bedauert, dass viele Kinder heute keine Möglichkeit haben sich zurückzuziehen, sich den beobachtenden Augen der Erwachsenen zu entziehen: „Früher waren wir ,Wettpinkeln‘ und haben dabei etwas über uns selbst gelernt – heute wird das gleich als ,Verhaltensauffälligkeit‘ bezeichnet.“

Er bestätigt auch, dass es „normal“ ist, wenn sich Kinder an den Genitalien streicheln oder auch onanieren, und dass sie vielleicht nur einen Rahmen bekommen müssen, wo sie das tun können, ohne andere zu belästigen. Nur wenn ein Kind sehr exzessiv onaniert, würde der Sonder- und Heilpädagoge anraten, eine tiefenpsychologisch orientierte Erziehungsberatung aufzusuchen, um draufzukommen, warum es dies tut. „Es macht wenig Sinn – bzw. kann auch gefährlich sein –, nur ein Symptom wegzubekommen. Symptome von Kindern sagen uns meist etwas ganz Wichtiges. Wir müssen nur in der Lage sein, es zu verstehen“, so Robert Schmid.


Anlaufstellen für Hilfe in Erziehungsfragen und bei Problemsituationen:

Bundesministerium für Wirtschaft, Familie und Jugend
Tel. 0800/240 262
www.familienberatung.gv.at

Familienberatung der Wiener Kinderfreunde
Tel. 01/401 25-33
www.kinderfreunde.at

Erziehungswerkstatt Mag. Robert Schmid
Tel. 0699/111 31 604
www.erziehungswerkstatt.at

Österreich sozial“ im BM für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz
Tel. 0800/20 16 11
www.infoservice.bmask.gv.at/infoservice2/oesterreichsozial/einleitung.html

Rat auf Draht
Tel. 147
rataufdraht.orf.at

Hilfswerk Österreich
Tel. 01/404 42-0
www.hilfswerk.at


Titelfoto: Warren Goldswain/Shutterstock.com








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