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Wenn die Blase überläuft







Nicole schämt sich. „Bettnässerin“, sagt ihre große Schwester zu ihr. Peinlich. Nicoles Eltern sind beunruhigt. Jetzt geht das Mädchen schon in die dritte Klasse Volksschule und ihre Blase läuft nachts immer noch über. Eines gleich vorweg: Weder muss sich Nicole genieren noch ist Bettnässen eine Krankheit. Vielmehr ist es ein Symptom mit verschiedenen – sowohl physisch als auch psychisch bedingten – Ursachen. Außerdem lässt sich das Problem mit der richtigen Therapie lösen.

Etwa 60.000 Kinder und Jugendliche in Österreich sind Bettnässer. Gründe für das Bettnässen sind weder fehlgeleitete Mutter-Kind-Beziehungen noch Schulangst oder psychischer Druck. Univ.-Prof. Dr. Christian Radmayr, Leiter der Abteilung für Kinderurologie an der Medizinischen Universitätsklinik Innsbruck, betont: „Fälschlicherweise werden sehr oft psychische Probleme oder Unreife als Ursache vermutet. Seelische Störungen sind jedoch vorrangig für die Entstehung einer sekundären Enuresis (Bettnässen, Anm.) verantwortlich – wenn das Kind schon mindestens sechs Monate durchgehend trocken war. Bei einer primären Enuresis spielt die Psyche fast ausschließlich nur als mögliche Folge einer unbehandelten Enuresis eine Rolle.“

Erbanlage

Die medizinisch als Enuresis nocturna bezeichnete Erkrankung wird durch ein Enuresis-Gen verursacht. Hat es ein Elternteil, haben die Kinder ein 43-prozentiges Risiko, das Problem zu entwickeln. Haben es beide Elternteile, steigt das Risiko auf 75 Prozent. Kinder mit derartigen Erbanlagen leiden unter einem Mangel an Antidiuretischem Hormon (ADH). Es ist verantwortlich dafür, dass die Harnmenge auf ein Maß reduziert wird, das der Größe der Harnblase entspricht.

Wird jedoch zu wenig Adiuretin produziert, bildet sich verstärkt Harn, der von den Kindern nicht gehalten werden kann. 80 Prozent der Bettnässer haben eine verminderte Ausscheidung des Hormons Adiuretin. Sie erwachen erst, wenn die Blase schon übergelaufen ist. Eltern sollten daher, wenn ihr Kind im Alter von fünf Jahren mindestens zwei Mal pro Monat im nassen Bett aufwacht, mit diesem den Arzt aufsuchen.

Psychischer Druck

Zum ernsten Problem wird die Sache, wenn das Kind durch die belastende Situation des Bettnässens psychischem Druck ausgesetzt ist, wenn das Übernachten bei Freunden oder das Mittagsschläfchen im Kindergarten zur Risikozeit werden. Eltern sollten daher das Problem mit entsprechender Behutsamkeit thematisieren und nicht noch zusätzlichen Druck machen. Eine Behandlung des Hormonmangels ist heute gut möglich. Nach einem Gespräch mit dem Arzt kann dieser spezielle Hormonersatzstoffe verordnen, die in Form eines Nasensprays oder von Tabletten verabreicht werden. Sie wirken auf die Nieren und führen dort zu einer Konzentration des Harns in der Nacht. Nach etwa neun Monaten stabilisiert sich üblicherweise die körpereigene Produktion des ADH-Hormons. Und dann können die jungen Patienten wieder sorglos durchschlafen!

Foto: Renata Osinska/Shutterstock.com







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