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    Spannenlanger Hansl oder Däumelinchen ?



    Spannenlanger Hansl oder Däumelinchen Sie haben sich wahrscheinlich schon des Öfteren dabei ertappt: Sie vergleichen Ihr Kind mit anderen: Ist meines auch so geschickt? Kann es genauso schnell laufen?

    Alles, was nicht dem allgemeinen Niveau entspricht, verunsichert besorgte Eltern. Dazu gehört auch das Größenwachstum des Sprösslings. fratz&co ist der Problematik von Wachstumsstörungen nachgegangen.

    Es liegt in den Genen. „Da Kinder aufgrund von Erbanlagen völlig unterschiedliche Wachstumsvoraussetzungen haben, kann meist nicht durch eine einzelne Messung das Wachstum bewertet werden. Voraussetzung ist eine Kontrolle über einen längeren Zeitraum“, betont der Endokrinologe Oberarzt Dr. Klaus Kapelari vom Department für Kinder- und Jugendheilkunde an der Universitätsklinik Innsbruck.

    Manchmal liegt die Diagnose bereits bei der Geburt des Kindes vor, manchmal zeigt sich eine Auffälligkeit erst bei den langfristig angelegten Vorsorgeuntersuchungen für den Mutter-Kind-Pass. Bei den Messungen werden die Größe und das Gewicht des Kindes mit spezifisch für Buben und Mädchen entwickelten Tabellen verglichen und festgestellt, ob sich die Entwicklung innerhalb der Norm abspielt. Kinder von kleinen Eltern sind meist im unteren Bereich der Wachstumskurve angesiedelt, während es sich bei Kindern von großen Eltern umgekehrt verhält.

    Dementsprechend als unbedenklich gilt, wenn das Kind dem oberen oder unteren Verlauf der Wachstumskurve folgt. Wie wichtig das Wissen um die familiäre Veranlagung im Wachstums- und Entwicklungsverlauf ist, zeigt sich auch bei einer „vorübergehenden“ Wachstumsauffälligkeit, der konstitutionellen Entwicklungsverzögerung bzw. -beschleunigung. Das Kind ist, wie meist auch ein Elternteil, im Teenageralter kleiner oder größer als seine Altersgenossen, setzt mit der Pubertät später oder früher ein, erreicht aber eine normale Erwachsenengröße.

    Kleinwuchs

    Diagnose oder Symptom

    „Wächst ein Kind in einem Zeitraum von sechs bis zwölf Monaten langsamer, als es das entsprechend seiner Altersgruppe sollte, so muss man sich das genauer ansehen“, sagt Kapelari. „Abklärungsbedürftig ist eine Wachstumsstörung, wenn ein Kind mit seiner Körpergröße unter drei Standardabweichungen des Normalbereichs liegt bzw. unter 2,5 Standardabweichungen bei mindestens zwei Messungen im Abstand von sechs Monaten“, so der Experte. Es kann aber auch eine Störung vorliegen, wenn das Kind „nur“ bei minus zwei Standardabweichungen liegt: Das kann der Fall sein, wenn das Kind große Eltern hat, erwartungsgemäß also im oberen Bereich der Wachstumskurve angesiedelt sein müsste.

    Die Auslöser für Kleinwuchs sind vielfältiger Natur. Die Zahl der betroffenen Kinder lässt sich dementsprechend schwer abschätzen, hebt Kapelari die Mannigfaltigkeit dieser Störung hervor, denn „die Wachstumsstörung ist oft nicht die Diagnose, sondern das Symptom einer anderen Erkrankung.“

    Die Diagnose Kleinwüchsigkeit durch einen Wachstumshormonmangel liegt vor, wenn in der Hirnanhangdrüse zu wenig Wachstumshormone gebildet werden. Festgestellt wird dies durch eine Blutuntersuchung. Drei von 10.000 Kindern weltweit gelten aufgrund eines Mangels an Wachstumshormonen als zu klein.

    Oskar aus der Blechtrommel

    Zudem verursachen viele chronische Erkrankungen quasi als „Nebenwirkung“ Kleinwüchsigkeit, wie etwa Lungen, Nieren- oder Leberfunktionsstörungen. Wird die Grunderkrankung erfolgreich therapiert, so normalisiert sich auch das Wachstum der Patienten wieder, betont Kapelari.

    Eine schwere psychosoziale Vernachlässigung – Kapelari nennt hier die prominente Romanfigur „Oskar“ aus der Blechtrommel als Beispiel, kann ebenso Kleinwuchs bewirken. Auch der Verlauf der Schwangerschaft, das Verhalten der Mutter, kann bei Kleinwüchsigkeit eine Rolle spielen.

    Durch Gifteinflüsse wie Alkohol und Nikotin oder auch Infektionen können Kinder bei der Geburt zu klein und/oder zu leicht sein. Sie werden als SGA-Kinder (Small for Gestational Age) bezeichnet.

    Wachstumshormone

    Hormonell bedingter Kleinwuchs kann durch die Gabe von Wachstumshormonen behandelt werden. Doch diese Hormone kommen nicht nur bei derartigen Fällen zum Einsatz. Die Regelungen dazu sind international nicht standardisiert. In Österreich gibt es eine genau festgelegte Indikationsliste, bei welchen Erkrankungen Wachstumshormone erlaubt sind, beispielsweise bei: Mädchen mit einem Ullrich-Turner-Syndrom (statt zwei Chromosomen existiert nur ein X-Chromosom), Kindern mit chronischer Niereninsuffizienz oder SGA-Kindern, wenn sie bis zum 4. Lebensjahr das Wachstum nicht ausreichend nachgeholt haben.

    Andere Länder sind mit der Vergabe von Wachstumshormonen an Kinder weit weniger restriktiv.

    Der optimale Behandlungsbeginn eines Wachstumshormonmangels erfolgt im Alter zwischen vier und fünf Jahren. Die Dauer richtet sich nach dem Knochenalter bei Buben soll es etwa 17 Jahre und bei Mädchen ungefähr 16 Jahre betragen – beziehungsweise bis das Wachstum unter zwei Zentimeter pro Jahr sinkt. Daneben gibt es Kinder, die gar kein Wachstumshormon bilden. Bei diesen muss die Behandlung auch im Erwachsenenalter fortgeführt werden.

    Die genaue Abklärung einer vorliegenden Kleinwüchsigkeit gestaltet sich teilweise als kniffelige Detektivarbeit. Ob nun z. B. die Ursache für ein SGA-Kind in der Schwangerschaft zu suchen ist oder ob eine genetische Störung der Auslöser ist, kann oft nicht mit Bestimmtheit gesagt werden.

    „Ist das Kind wegen einer Erkrankung des Skelettsystems zu klein, nützt die Gabe von Wachstumshormonen wenig“, weist Kapelari auf die noch vorliegenden Grenzen der Therapiemöglichkeiten hin. Durch die Weiterentwicklung in den genetischen Untersuchungen und Diagnoseverfahren werden in den nächsten Jahren hier große Fortschritte erwartet.

    Großwuchs

    Klein und groß

    Wie auch beim Kleinwuchs muss man zuerst feststellen, ob es sich um eine „Normalvariante des Wachstums“, einer familiären Ausprägung handelt. „Liegt hingegen eine krankhafte Form vor, so ist der Grund häufig eine Genmutation: Das Marfan-Syndrom beispielsweise, eine Bindegewebserkrankung, äußert sich unter anderem in einem zu großen Längenwachstum“, erklärt Kapelari.

    Eine Behandlung von Großwuchs ist möglich, wird aber später als beim Kleinwuchs empfohlen. Die Pubertäts und Sexualentwicklung wird vorverlegt. „Eine derartige Manipulation der Pubertätsentwicklung ist wichtig, um die Wachstumsfugen an den Knochen zu verschließen“, betont der Mediziner. Dabei wird den Buben Testosteron und den Mädchen Östrogen hoch dosiert verabreicht.

    Nutzen oder Risiko

    „Aufgrund der Nebenwirkungen von Östrogen und Testosteron ist dieses Verfahren nicht ganz komplikationsfrei“, unterstreicht Kapelari mögliche Risiken. „Nehmen Mädchen hormonelle Verhütungsmittel, so weiß man ja auch, dass es zu Nebenwirkungen wie Thrombosen oder Blutdruckproblemen kommen kann.

    „Deshalb ist es sehr wichtig“, sagt Kapelari, „Nutzen und Risiko einer solchen Behandlung abzuwägen“. Empfohlen wird eine Hormontherapie, wenn die Prognose des Größenwachstums bei Buben über zwei Metern und bei Mädchen über 1,87–1,90 Metern liegt. „Aus dem Verlauf des Wachstums und der Berechnung der Endlängenprognose ergibt sich ein relativ sicheres Bild“, erklärt der Spezialist und fügt an, dass „keine Aussagen auf den Zentimeter genau gemacht werden können, auch wenn sich die Betroffenen das noch so sehr wünschen“.

    Gerade für ein Mädchen kann es eine sehr großes Problem sein, wenn der Arzt sagen muss, dass es erst ab einer entsprechend erwarteten Körpergröße behandelt werden kann. „Großwuchs ist ja nicht immer eine Krankheit, sondern kann in der Familie liegen ist also oft „nur“ ein optisches bzw. soziales Problem, geht aber häufig mit einer schweren psychischen Belastung für die Betroffenen Hand in Hand“, bringt Kapelari das Dilemma auf den Punkt.


    Foto: swissmacky/Shutterstock.com






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