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Entwicklungsverzögerung



Und so packen Sie das Maxi Cosi mit Ihrem Neugeborenen und haben ja keine Ahnung, dass Sie sich auf den längsten Wettlauf Ihres Lebens einlassen: den mit der Norm nämlich.
Die ersten Boten treten meist in der Maske der Großeltern auf: “So g’scheit schaut es schon! Und das in DEM Alter!” Und die stolzen Eltern freuen sich. Dann kommt die Tante Erni: “Ist es nicht ein bisserl klein? Also meine haben schon bei der Geburt besser ausgeschaut!” Und die stolzen Eltern lächeln säuerlich.

Die schwangere Freundin doziert: “Die Frühförderung sollte schon nach der Geburt einsetzen, weil sich sonst wichtige synaptische Verbindungen nicht aufbauen.” Die stolzen Eltern beißen die Zähne zusammen. Und schließlich, die Begegnung mit der Stillgruppe: “Also, kann deiner das Kopferl immer noch nicht heben?

Schau, wie meiner sich schon aufstützt! Urlieb, wenn er das Mamasagen probiert! Wirst sehen, deiner macht das auch bald. Und wenn nicht, kann man heut ja schon so viel tun...” Spätestens jetzt sind unsere stolzen Eltern endlich geplatzt.


Schneller, höher, stärker

Und Recht haben sie. Schneller, höher, stärker: Ein Motto, das nicht nur für Olympia gilt. Wär ja langweilig, nur alle vier Jahre! Der Babywettbewerb findet täglich statt. Und das auch dann, wenn man es selber gar nicht will. “Als ich bei meinem ersten Sohn breit wickeln musste, war ich verzweifelt. Ich sah ein Leben im Rollstuhl für ihn voraus.”
Nun, der ehemals Breit-Gewickelte sitzt gerade im Kirschenbaum und plant einen Überfall auf uns. “Und als meine Tochter sich noch mit drei Jahren weigerte, mehr als einen Satz pro Tag zu sprechen, konnte mich nicht einmal eine Logopädin beruhigen.” Vermutlich wissen Sie, dass die ehemals Schweigsame heute mit Bestechungsgeschenken zum Mundhalten gebracht werden muss. Und trotzdem: Ganz so heiter geht es nicht immer aus.


Wissen Sie, was eine Perzentile ist?

Entweder nein. Dann sind Sie erst schwanger. Oder ja. Sie zucken zusammen? Gratuliere, Sie sind Mutter! Wenn der Kinderarzt die Entwicklungskurve zückt, wird es meist ganz still im Ordinationszimmer. Liegen wir noch drin? Der breite Bereich ist die 50ste Perzentile – da schwirren die Wachstums-Werte der Hälfte aller Kinder umher.

Oberhalb des 50er-Bereiches, in der 90sten, 95sten oder 97sten Perzentile, finden sich die Großen. Und auch das kann manchmal auffällig werden – ganz besonders dann, wenn nicht alle Werte mitziehen. Je weiter man sich nach unten entfernt – zur zehnten, fünften, dritten Perzentile, desto kleiner ist das Baby. “Fällt es aus der Kurve heraus”, kann eine Gedeihstörung vermutet werden.

Dann überlegt sich der Arzt ein paar Maßnahmen. Allerdings ist für manche Kinder, häufig für Frühchen, ein etwas kleinerer Wuchs ganz normal. Wenn Sie Sorgen haben, wenden Sie sich an Ihren Kinderarzt, er kann gut abschätzen, ob sie berechtigt sind. Spezielle Entwicklungsambulanzen vereinen verschiedene diagnostische und therapeutische Möglichkeiten unter einem Dach.

Ein kompletter Entwicklungscheck dauert etwa einen Tag und enthält meist einen Termin bei der Neurologie, der Ergotherapie, der Physiotherapie, der Psychologie, der Logopädie und im Labor. Bei Entwicklungsstörungen, bei denen eine spätere Behinderung nicht ausgeschlossen werden kann, hilft eine Therapie dem Kind seine eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten zu entdecken und vielleicht sogar den Umgang mit seiner Behinderung zu erlernen.


Wahrnehmungsstörungen

Doch was, wenn eine Störung im Bewegungsapparat nicht die Ursache, sondern nur ein Symptom der Entwicklungsverzögerung ist? Diagnose Wahrnehmungsprobleme: Eine weder geistige noch körperliche Beeinträchtigung, sondern eine Art Kommunikationsfehler zwischen den Sinnesorganen und der Reizverarbeitung im Gehirn.
Das Propriozeptive System gibt dem Gehirn normalerweise Rückmeldung über Gliederstellung, Bewegung, Druck und Zug an Muskeln, Sehnen und Bändern.
Ist es gestört, kann ein Kind seinen eigenen Körper nicht fühlen hat es Probleme damit, Bewegungen auszuführen, wenn es sie nicht mit den Augen kontrollieren kann wirkt es besonders ungeschickt
kann es kein Selbstbildnis malen Das Taktile System teilt dem Reizzentrum etwas über Berührungen, Temperatur, Schmerz und Vibration mit.

Ist es gestört, vermeidet das Kind Berührungen. Kopf waschen, Einkremen etc. werden zur Qual
neigt es zum Krabbeln nur auf den Fingern, später zum Zehenspitzengang verzögert sich die Feinmotorik, weil das Kind kaum Erfahrung mit verschiedenen Materialien gemacht hat wirkt es ablehnend und aggressiv.
Das Vestibuläre System liegt im Innenohr und gibt Rückmeldung über Gleichgewicht, Stellung und Bewegung des Körpers im Raum.

Ist es gestört, sind die Bewegungen wenig koordiniert und zappelig kann das Kind Anstrengungen nicht lange durchhalten wirkt es wenig koordiniert liebt es besonders Reize durch die Augen (fernsehen)
Fehlhörigkeit wird oft spät erkannt, weil das Kind ja selbst nicht einschätzen kann, dass es anders hört als andere. Nicht mit Schwerhörigkeit zu verwechseln!


Ist die Hörwahrnehmung gestört, bittet das Kind häufig, das Gesagte zu wiederholen.
ist es extrem geräuschempfindlich und lässt sich auch leicht durch Töne ablenken verwechselt es Laute, Buchstaben und Wortfolgen spricht es unverhältnismäßig laut Haben Sie schon einmal eine Spieltherapie mitgemacht? Nein? Schade. Schade für Sie. Können Sie sich das Gefühl vorstellen mit Rasierschaum auf einem Spiegel zu zeichnen? Mit einem zwei Meter großen Ball herumgerollt zu werden?

Oder bäuchlings auf einem Riesenskateboard liegend durch einen Slalomparcours gezogen zu werden? Ergotherapie soll Spaß machen – an positive Reize erinnern wir uns ja bekanntlich viel besser und viel länger. Allerdings will es so manchem Kind nicht gelingen, seine Freude auch auszudrücken.


Spracherwerbsstörungen

Ist der Spracherwerb gestört, dann kann es nur schlecht mit anderen kommunizieren. Versuchen Sie einmal, sich einen Tag lang nur durch Gesten zu verständigen: Ein einfaches Gespräch übers Wetter wird zum Projekt. Kinder, deren sprachliche Entwicklung gestört ist, ziehen sich häufig in sich selbst zurück und vereinsamen.

Und genau hier kann wieder die Ergotherapie zusammen mit der Logopädie wichtige Unterstützung bieten. Logopädie also. War das nicht diese Therapie, bei der man mithilfe eines Spiegels das Lispeln wegtrainiert? Schon auch. Aber eben nicht nur. Die Logopädie widmet sich der Fehlhörigkeit und Problemen des Spracherwerbs, der Lautbildung bis hin zur Mundgymnastik und zum richtigen Atmen.

Therapiemöglichkeiten gibt es also genug, zumindest im städtischen Bereich. Kein Grund zu verzweifeln also? Frau Mag. Martina Kohlbacher-Hess erinnert sich: “Die Ärzte beruhigten uns und verwiesen auf unterschiedliche Entwicklungsgeschwindigkeiten sowie ganz einfach auf die Zeit, die speziell für meine Tochter notwendig sei.

Wir ließen uns auch gerne beruhigen und waren dankbar dafür.” “Umso mehr traf uns dann die Diagnose, vor allem auch die große Unsicherheit, die diese Diagnose mit sich bringt. Entwicklungsverzögerung ist, wie viele andere Diagnosen im Kleinkindalter, eine Diagnose, die den endgültigen Verlauf über Jahre offen lässt. Das erzeugt natürlich große Unsicherheit und spannt den Bogen von Hoffnung zu Verzweiflung.”


Am Anfang steht die Ursachenforschung:

Die Eltern beginnen jeden Tag seit der Schwangerschaft zu zerfasern. Ist das Glas Sekt, das ich in der 24. Schwangerschaftswoche getrunken habe, schuld? Habe ich nicht genug Entwicklungsreize geboten? Sind die Ärzte verantwortlich? Entwicklungsverzögerte Kinder werden optimal therapiert – die Eltern sind in die Therapie nur als Helfer und Schofför einbezogen.

Im Brennpunkt des Interesses steht das Kind, klar, schließlich ist es der Patient um den es geht und dessen Situation möglichst zu verbessern ist. Aber: Die Eltern stehen alleine da. Mit anderen, nichtbetroffenen Familien zu reden ist schwierig. Und andere betroffene Eltern ziehen sich häufig zurück. Zusammen mit anderen Familien, in denen “besondere Kinder” leben, erarbeitet Frau Mag. Kohlbacher-Hess in einer Elterngruppe unter der Leitung einer Hebamme und einer Psychologin – beide selbst Mütter von “besonderen Kindern” – den Mut zum “Anderssein”.

“Das ist keine Therapie, wir sprechen über den Alltag und tauschen Tipps aus. Ich wünsche allen Eltern, die in einer ähnlichen Situation sind wie wir, dass auch sie Unterstützung finden!" Unterstützung, das bedeutet auch Akzeptanz – nämlich die Kinder so zu akzeptieren wie sie sind. Integration, das abgenutzte Schlagwort, bedeutet nicht, über die Entwicklungsverzögerung hinwegzusehen. Der Wettlauf um die Norm geht weiter. Jeden Tag. Und wetten, auch “besondere Kinder” erreichen ihr Ziel? Und das vielleicht früher als wir.


Foto: Ruslan Kerimov/Shutterstock.com






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