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Süßer Babyschlaf



Wenn sie schlafen, sind sie engelsgleich. Seidige Wimpern auf rosigen Wangen, die Händchen entspannt, der Atem ruhig und gleichmäßig. Ein Baby im Land der Träume – Inbegriff des Friedens.
Aber wehe, die Kleinen machen die Nacht zum Tag, wollen nicht schlummern, sondern herumgetragen oder sonstwie unterhalten werden. Dann mutiert der Frieden rasch zum Kampf. Zum verzweifelten Kampf erschöpfter Eltern um die wohl verdiente Nachtruhe, denn permanenter Schlafentzug kommt einer Folter gleich, schwächt das Immunsystem und lähmt die Lebenslust. Der Schlafrhythmus des Babys ist ein zentrales Thema in jungen Familien – gibt es damit länger andauernde Probleme, überschatten sie den gesamten Alltag.


Babys schlafen anders

Wobei Problem ein sehr subjektiver Begriff ist, wie Dr. Josephine Schwarz-Gerö, Leiterin der Säuglingspsychosomatik mit Schrei- und Schlafambulanz am Wiener Wilhelminenspital, betont.
“Was die eine Mutter als normal erlebt, zum Beispiel dass das Baby in der Nacht mehrmals aufwacht und gestillt werden will, bringt die andere an den Rand ihrer Nervenkraft. Deshalb geht es in unserer Arbeit in der Ambulanz weniger um das objektive Schlafverhalten des Kindes, sondern primär um das von den Eltern subjektiv erlebte Schlafproblem.”


Dennoch gibt es Fakten, die den nächtlichen Terror zumindest verständlich machen. Und damit Lösungsansätze liefern. So haben Babys deutlich kürzere Schlafzyklen, sie wechseln öfter zwischen Tiefschlaf und aktiven Traumphasen. Während Erwachsene das alle eineinhalb bis zwei Stunden tun, folgen Babys einem 50-Minuten-Takt.


Während dieser Übergänge sind sie besonders gefährdet aufzuwachen. “Auch wir Erwachsene wachen nachts regelmäßig auf, checken unbewusst, ob rundherum alles in Ordnung ist, und tauchen dann wieder in den Schlaf ein, ohne das Aufwachen bemerkt zu haben”, weiß Spezialistin Dr. Schwarz-Gerö. Genau das können viele Babys nicht: Sie werden munter und brauchen Hilfe, um wieder in den Schlaf zu finden.


Babys verbringen außerdem rund die Hälfte ihrer Schlafenszeit in den seichteren Traumphasen, in denen sie vom Aufwachen nur durch eine dünne Schicht getrennt sind. Erwachsene hingegen verträumen im Bett höchsten 25 Prozent.


Durchschlafen bedeutet, diese Schlafphasen verbinden zu können, und das ist eine Fertigkeit, die das Neugeborene erst lernen muss. Erst mit rund drei Monaten schaffen es die meisten, zumindest zwischen 0 und 4 Uhr im Land der Träume zu bleiben – ein erster Ansatz zur herbei gesehnten Nachtruhe.


Der große Hunger

Dazu kommt der Hunger, der das Kleine regelmäßig quält. Während es in der Schwangerschaft über die Nabelschnur permanent und perfekt versorgt wurde, muss es jetzt lernen, Nahrung und Flüssigkeit portionsweise aufzunehmen. Da die Speicherkapazität in den ersten Monaten gering ist, ist ein Säugling häufig hungrig – am Tag ebenso wie in der Nacht. Es dauert seine Zeit, bis sich ein stabiler Tag-Nacht-Rhythmus einstellt.
Und obwohl ein Kind theoretisch ab dem zweiten Lebenshalbjahr weder Mutterbrust noch Milchfläschchen bräuchte, weil es mindestens ach Stunden ohne Nahrung auskommen kann, wachen, so Dr. Schwarz-Gerö, etwa die Hälfte aller einjährigen Kinder immer noch ein bis zwei Mal in der Nacht auf.


Warum aber schlummert der Sohn der Nachbarin verlässlich von acht Uhr abends bis morgens um sieben, während der gleichaltrige eigene Sprössling einen Nacht für Nacht auf Trab hält?

“Schlafverhalten und Schlafbedarf sind sehr individuelle Größen”, erklärt Dr. Schwarz-Gerö, “Babys können Kurz- oder Langschläfer sein. Im Schnitt brauchen sie im ersten Halbjahr zwischen 14 und 16 Stunden Schlaf, gegen Ende des ersten Jahres zwischen 12 und 14 Stunden. Stabil ist allerdings der jeweilige 24-Stunden-Bedarf. Wenn die Kinder also tagsüber viel schlafen, ist der Nachtschlaf entsprechend kürzer. Das wird von den Eltern oft falsch eingeschätzt, besonders wenn die Kinder um das erste Lebensjahr herum aktiver und anstrengender werden.”

Tipps

Was also können Eltern tun, um dem Kind das Schlafen (und sich das Leben) zu erleichtern? “Tagesrhythmus und Abendritual”, nennt Dr. Schwarz-Gerö zwei Schlagworte, die in diesem Zusammenhang von großer Wichtigkeit sind.
Ein geregelter Tagesablauf, vorhersehbar und berechenbar, gibt dem Kind sichere Anhaltspunkte dafür, wann üblicherweise gegessen, gespielt, eingekauft und eben auch geschlafen wird. Dabei ist darauf zu achten, dass gegen Ende des Tages keine aufregenden Dinge mehr passieren, die das Kind erst verarbeiten muss.


Das Abendritual signalisiert Ruhe und Entspannung, es erleichtert ihm den Abschied von den Aktivitäten des Tages und stimmt es auf die Nacht ein: Baden, Pyjama anziehen, ein Buch vorlesen, ein Schlaflied singen, die Spieluhr aufziehen – schon sehr kleine Kinder erkennen an bestimmten Zeichen, dass es an der Zeit ist, ins Bett zu gehen. Eltern können dieses Ritual ganz individuell gestalten, sollten allerdings darauf achten, dass es zeitlich nicht ausufert und damit zur Belastung wird. Schließlich soll es täglich absolviert werden, und das vermutlich über Jahre hinweg.


Hilfreich beim Einschlafen können auch ein Kuscheltier oder weiches Tuch sein, das seinen fixen Platz im Bett hat. “Eltern machen häufig den Fehler, dass sie sofort eine Aktivität setzen, wenn das Kind im Bettchen unruhig wird”, gibt Schlaf-Expertin Dr. Schwarz-Gerö zu Bedenken, “dadurch werden die Kindern bei der Entwicklung einer persönlichen Einschlaftechnik regelrecht gestört.”


In der von ihr geleiteten Schrei- und Schlafambulanz wird Eltern daher folgender Merksatz zum Thema abendliche Einschlafhilfe empfohlen: So viel wie nötig, so wenig wie möglich. Denn meist fordern Kinder, die in der Nacht aufwachen und schreien, die gleiche Situation ein, in der sie eingeschlafen sind.


Deshalb sollte man das Baby auch möglichst wach in sein Bett legen. So kann es die Schlafumgebung wahrnehmen und fühlt sich nicht fremd, wenn es zwischendurch kurz munter wird. Wer seinen Sprössling hingegen in den Schlaf füttert, trägt oder schaukelt, muss das meistens auch in der Nacht machen, um ihn zum Weiterschlafen zu bewegen.


Absolute Ruhe ist hingegen nicht nötig. An Geklapper aus der Küche, Stimmengewirr oder Musik ist das Baby gewöhnt, die übliche Geräuschkulisse – zu der lautstarke Diskussionen oder eine hochgedrehte Stereoanlage natürlich nicht zählen – vermittelt ihm ein Gefühl der Geborgenheit und Vertrautheit.
Wird das Baby in der Nacht noch gefüttert, sollte diese Unterbrechung möglichst unattraktiv und kurz gestaltet werden: Kein oder nur gedämpftes Licht, kein Schmusen oder Plaudern, Wickeln nur wenn unbedingt nötig.


Von den so genannten Schlafen-Lern-Programmen, wie zum Beispiel der von Prof. Richard Ferber propagierten Methode, hält Dr. Schwarz-Gerö übrigens nicht viel. “Wenn das alleine im Bett liegende Kind mit zunehmender Lautstärke und Intensität schreit, ist das immer ein Zeichen der Überforderung. Fixe Programme werden der kindlichen Individualität selten gerecht”, lautet ihr Urteil.


Viel wichtiger ist eine Eigenschaft, die Eltern im Umgang mit den Schlafgewohnheiten ihres Kindes am nötigsten brauchen, nämlich Geduld. Nach einer Studie des deutschen Schlafforschers Dr. Ullrich Rabenschlag haben 40 % aller Kinder unter drei Jahren Schwierigkeiten beim Einschlafen, 55 % beim Durchschlafen. Erst mit vier bis sechs Jahren haben die meisten einen stabilen Schlafrhythmus gefunden, davor gibt es immer wieder Phasen mit unruhigen, anstrengenden Nächten oder nervigem Theater beim Schlafengehen.


“Gehirnreifung und Entwicklungsfortschritte verändern auch das Schlafverhalten des Kindes”, weiß Dr. Schwarz-Gerö, “deshalb sollten Eltern regelmäßig überprüfen, ob die Strategien, die sie anwenden, überhaupt noch stimmig sind und sie gegebenenfalls neu anpassen.” Und eines ist sicher: Irgendwann schlafen alle durch.


Tipps für übermüdete Eltern in der Krise

· Beziehen Sie andere Personen in die Betreuung ihres Kindes ein – nehmen Sie jede Hilfe an, die Sie bekommen können
· Vereinbaren Sie mit Ihrem Partner wechselweise “Nachtdienste” – so ist wenigstens einer halbwegs ausgeschlafen
· Leben Sie sich tagsüber mit Ihrem Kind hin – passen Sie sich seinem Rhythmus an
· Lassen Sie sich in einer Schrei- und Schlafambulanz beraten – dort geht man individuell auf Ihr Kind und Ihre Familiensituation ein
· Im absoluten Notfall werden Sie dort mit Ihrem Kind sogar stationär aufgenommen – zum Beispiel wenn Sie Angst haben, dem Baby etwas anzutun oder vor Übermüdung in einen seelischen Ausnahmezustand geraten sind


Foto: Olesia Bilkei/Shutterstock.com






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