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Wie Kinder die Welt sehen



Aber was ist, wenn die Sprache noch nicht vorhanden ist und sich erst entwickeln muss? Oder anders gefragt: Wie sehen Kinder die Welt?
Der junge Mann seufzte. Ben Whorf, frisch diplomierter Chemiker, arbeitete in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts als Brandverhütungsingenieur für eine große amerikanische Feuerversicherungsgesellschaft. Zu seinem Revier zählte auch das Gebiet der Hopi-Indianer in den Hochebenen Arizonas. Wenn Mr. Whorf gekonnt, wie er gewollt hätte, hätte er sich am liebsten nur mit der Kultur, vor allem mit der Sprache dieses ihn faszinierenden Indianerstammes beschäftigt. Stattdessen musste er langweilige Versicherungsberichte lesen. Ein ödes Unterfangen! Er gähnte und nahm den nächsten Bericht zur Hand. In einer Lederfabrik hatte eine Explosion stattgefunden; ein Arbeiter hatte mit seiner Lötlampe in der Nähe eines Behälters, der explosive Gerbabfallstoffe enthielt, hantiert. Aber die übliche Bezeichnung für derartige Behälter, “Wasserbassin”, hätte ihm suggerierte, dass sich darin nur Wasser befand – was sich natürlich nicht entzünden würde.

Der Versicherungsmann schüttelte den Kopf. Aber dann kam ihm ein Gedanke: Egal, welche Flüssigkeit sich in den Fässern befunden hatte, in der Vorstellung des Arbeiters, in seiner (Gedanken-)Welt, war es Wasser gewesen. Für den armen Unglücksraben war dieses Wasser so real wie seine Socken oder wie seine Lötlampe.

Was hier wie eine Anekdote aus dem amerikanischen Versicherungswesen anmutet, erzählt in Wirklichkeit den Beginn einer der bedeutendsten Thesen der Sprachphilosophie des 20. Jahrhunderts. Benjamin Lee Whorf (1897-1941) hängte irgendwann seinen Job als Versicherungsagent an den Nagel und machte sein Hobby zu seinem/r Beruf/ung. Gemeinsam mit seinem Lehrer, dem Linguistikprofessor Edward Sapir (1884-1935), entwickelte er an der Universität Yale die nach den beiden Wissenschaftlern benannte und bis heute weltweit heiß diskutierte Sapir-Whorf-Hypothese.


Unsere Sprache beeinflusst unsere Erkenntnis über die Welt

Diese besagt, vereinfacht ausgedrückt: Wir können nur das denken, was uns unsere Sprache zu denken erlaubt. Und nur so, wie sie es erlaubt. Unser Denken wird von unserer Sprache begrenzt und geformt. Und da sich alle Sprachen untereinander unterscheiden, “verursachen” sie auch unterschiedliches Denken! Das wiederum bedeutet: Die uns zur Verfügung stehende Sprache beeinflusst in hohem Maße unsere Kognition (Erkenntnis) über die Welt. Wie wir die Welt erkennen, hängt von unserer Sprache und ihrer linguistischen Struktur ab.
Das klingt jetzt komplizierter als es ist. Und lässt sich mit einem einfachen Beispiel verdeutlich. Als Whorf die Sprache der Hopis analysierte, entdeckte er, dass die Indianer keine strikten Begriffe für “Vergangenheit” und “Zukunft” kennen; für sie ist alles “jetzt”. Deswegen haben auch Veranstaltungen keine festen Anfangszeiten, sondern beginnen, wenn die Stunde dafür “reif” ist. Die Hopis haben einen Zeitbegriff, der sich von unserem komplett unterscheidet; und für einen Nicht-Hopi-Indianer, der zum Beispiel ein Stammespalaver besuchen möchte, heißt das: Bitte warten!

Ein anderes Beispiel, diesmal aus dem fernen Australien: Wenn die Aborigines ab der Zahl Drei nur mehr den Begriff “viele” kennen, schränkt das die Gedanken, die in dieser Sprache mitteilbar sind, sehr ein. Nachgedacht und gesprochen werden kann also in einer Gesellschaft nur über das, wofür die jeweilige Sprache Wörter hat. Oder, um den Wissenschaftsjournalisten Dieter E. Zimmer zu zitieren: “Adorno in eine Eingeborenensprache Neu-Guineas zu übersetzen, dürfte so gut wie unmöglich sein.” Ungefähr so unmöglich wie alle Nuancierung des Schnee-Begriffs der Eskimos in eine europäische Sprache.

Wie sehen Kleinkinder die Welt?

So weit, so gut. Nach dieser langen Einleitung nähern wir uns jetzt der eigentlichen Kernfrage dieses Artikels (und ich danke für Ihre Geduld, liebe Leserin und lieber Leser): Wenn die Sprache die Welt macht, wie sehen dann (Klein-)Kinder die Welt, da ihnen die Sprache fehlt bzw. sie diese erst erwerben müssen?
Um diese Frage zu beantworten, muss man den Prozess des Spracherwerbs unter die Lupe nehmen.

Das Erlernen der Sprache beginnt schon vor der Geburt. Im siebten Schwangerschaftsmonat ist das Gehör des Fötus soweit ausgebildet, dass er Laute unterscheiden kann. Bereits im Mutterleib erlebt das Baby (kulturell und individuell bedingte) Sprache und reagiert darauf mit kaum sichtbaren Muskelbewegungen, die einzigartig sind, vergleichbar mit Fingerabdrücken.
Mehr noch: Das tägliche Sprechen der Eltern mit ihrem Sprössling ist eine absolute Notwendigkeit, ohne die das Sprechenlernen nicht funktionieren würde. Kinder, deren beide Elternteile taubstumm sind, benötigen sprechende Erwachsene in ihrer Umgebung, um das Sprechen zu erlernen.

Die ersten Lall- und Gurrlaute beginnen nach ca. 8 Wochen. Der Säugling fängt an, Kehlkopf, Zunge, Lippen und die 86 Muskeln, die später beim Erwachsenen beim Sprechen im Gesicht tätig sind, zu trainieren. Ohne dieses permanente Training und ohne das ständige Sprechen der Erwachsenen mit dem Kind, das ihm die Sprach- und Lautmodelle liefert, würde es nicht mit ungefähr zwölf Monaten sein erstes “Mama” oder irgendein anderes Wort hervorbrabbeln.

Das Kind lernt umso leichter, wenn eine Handlung und die begleitenden Worte eines Erwachsenen korrelieren. Wenn das Baby gefüttert, gebadet oder gewickelt wird und diese Vorgänge gleichzeitig von konkreten Begriffen begleitet werden, beginnt das Kind zu verstehen, noch lange bevor es selbst in der Lage ist, Worte zu artikulieren. (Mit abstrakten Begriffen oder Erklärungen haben Kinder bis ungefähr zum neunten Lebensjahr Schwierigkeiten; sie finden sich eigentlich nur in konkreten Situationen zurecht. Bittet man zum Beispiel einen Zweijährigen, bei der Ampel stehen zu bleiben, wenn das rote Licht leuchtet, so mag er das vielleicht tun, weil dies eine konkrete Handlung ist. Aber die Komplexität der Situation und die Signalsprache der Ampel -rotes und grünes Männchen - begreift er erst mit zunehmenden Alter.)


Kinder “rekonstruieren” die Welt bzw. die Wirklichkeit!

Das Kind übernimmt also schon vor der Geburt die Sprache der Erwachsenen – und damit letztendlich auch ihre Erkenntnisse und Sichtweisen über die Welt. Die Eltern nennen ein bisher unbekanntes Ding “Tisch”. Darauf stellen sie ihr Essen, darauf schreiben sie, aber eines tun sie nicht: sie setzten sich nicht darauf. Diesen Gegenstand nennen sie nämlich “Sessel”. Das Kind erhält von den Erwachsenen Informationen, die es aufnimmt, verarbeitet und in das bestehende kognitive System einordnet. Natürlich machen Kinder dazu auch eigene Erfahrungen; schließlich agieren sie in ihrer Umgebung und erobern diese Schritt für Schritt.
So entsteht sozusagen ein eigenes Bild von der Welt – eine Mischung aus kulturellen und individuellen Erfahrungen. Oder anders ausgedrückt: Kinder “rekonstruieren” die Welt bzw. die Wirklichkeit. Neues Wissen dockt sozusagen an vorhandenes Wissen an und “ordnet” sich ihm unter. Ein unbekanntes, neues Wort interpretieren verschiedene Kinder oft unterschiedlich; in der Regel orientieren sie sich an dem, was ihnen vertraut ist. Das ist die Erklärung dafür, warum derselbe Sachverhalt von unterschiedlichen Menschen unterschiedlich wahrgenommen werden kann.

Warum wir trotzdem nicht permanent aneinander vorbeireden, liegt daran, dass in der Sprachwelt eines Kulturkreises die gemeinsamen Symbole überwiegen bzw. wir uns auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen.

Wenn ich zu einem Kind (aber auch zu einem Erwachsenen) sage: “Gestern habe ich einen Tisch gekauft”, so weiß es aufgrund des geschilderten Spracherwerbs-Prozesses, dass ich einen Tisch und nicht einen Sessel erworben habe. Wie dieser Tisch allerdings aussieht, ob er vier oder drei Beine hat oder ob er über eine eckige oder runde Platte verfügt, wird sich das Kind in seiner Fantasie aufgrund seiner bisherigen Erfahrungen und Erkenntnisse aus der Welt zusammenstellen.
Außer natürlich, wir beschließen kollektiv, ab sofort jeden Tisch “Sessel” zu nennen!


Foto: gorillaimages/Shutterstock.com




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