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Riech mich



Warum nicht, meinen Sie? Nun, Geschmackssache. Der Franzosenkaiser jedenfalls schrieb den Brief aus Ägypten. Und die Reise nachhause sollte ein paar Wochen dauern.

Duftig

So wirklich penibel war man ja am Ende des 18. Jahrhunderts wohl nicht – viele der Gewänder ließen sich sowieso nicht waschen und Häuser mit eigenen Badezimmern, die waren meist ganz und gar nicht seriös. Nichts gegen Hygiene! Wir leben heute doch ein wenig sauberer, ein wenig gesünder und ganz sicher weniger zahnlos. Und Düfte machen Spaß und heben die Stimmung.

Erotisches Knistern mittels Parfüm? Fragen Sie asiastische Frauen. Die kennen sich damit aus: Wenn Sie schon einmal Ihre Nase ins Kamasutra gesteckt haben, so waren Sie sicher von den Wohlgerüchen überwältigt. Wenn schon keine Kleider, dann trugen die Liebenden wenigstens Essenzen aus allem, was duftet. Und das nicht zu knapp, melden zumindest Europäische Nasen.

Denn in Wahrheit, da lieben wir es natürlich. Wenn’s um Sympathie geht, zum Beispiel. Und wenns um Sex geht, ganz bestimmt – eine Vorliebe, die wir mit Insekten teilen. Und mit Mäusen und Fröschen auch. Fragen Sie einmal jemanden, ob er die Sinnesorgane des Menschen aufzählen kann: Tastkörperchen, Ohren, Augen, Mund und Nase.

Aber so ganz stimmt das nicht! Da fehlt nämlich noch eines – das Vomeronasale Organ, in der Verbindung von Mund und Nase gelegen. Vielleicht kennen Sie es von Pferden oder Katzen: Manchmal, da schnuppern die mit hochgezogener Oberlippe nach etwas Unsichtbarem, das ihre ganze Aufmerksamkeit beansprucht. Diese scheinbar magischen unriechbaren Stoffe sind Pheromone, lockende Duftstoffe von Artgenossen, die vom Vomeronasalen Organ aufgenommen werden und Tiere mit den neuesten erotischen News versorgen.

Hormone, die kennen wir alle: Chemikalien, die von Drüsen innerhalb unseres Körpers abgegeben werden und Anweisungen an unsere Organe enthalten. Sie steuern Verdauung, Stimmung, den Verlauf der Geburt und ob wir uns verlieben. Und Drüsen, die nach außen führen? Die geben natürlich Stoffe an die Luft ab.

Und die steuern auch ganz schön viel: Bei Tieren jedenfalls sind Alarmpheromone nachgewiesen worden – sie warnen ihre Artgenossen vor Gefahr. Aggregationspheromone markieren Revier und Nahrungsquelle – und bringen uns zur Verzweiflung, wenn unser liebes Kätzchen schon wieder irgendwohin gepinkelt hat.

Wenn die Nase liest

Am wichtigsten sind aber natürlich jene Stoffe, die von Sex erzählen, für Tiere genauso wie für Menschen. Das männliche Erotikpheromon, Andostradienon, ist in Samenflüssigkeit nachweisbar, im Urin und im Schweiß. Und es stinkt. Furchtbar sogar. Aber trotzdem: Ein Mann ohne Geruch wird von jeder Frau als unerotisch abgetan, egal wie er aussieht.

Ob das vielleicht der Grund dafür ist, dass so ein frisch verschwitztes Mannsbild, so direkt nach dem Sport, schon seine Reize hat? Offenbar. Denn auch die eingeölten Körper der Bodybilder sollten ja unseren Augen eine Schweißschicht vortäuschen und die Zuseherinnen beim Wettkampf ein bisschen fein beeinflussen.

Und wenn Sie an den netten Coca-Cola-Mann denken: Frisch gewaschen wär er doch nur halb so sehenswert. Androstradienon ist darum auch in vielen Männerdeos und –parfüms enthalten, allerdings auf tierischer oder synthetischer Basis. Denn wenn ein Mann schon nicht selbst erotisch duftet, dann muss er die Nasen der Frauen wohl auf andere Art überzeugen!

Frauenkörper sind da etwas dezenter in ihren Duftnoten: Das weibliche Sex-Pheromon, Östratetraenol, ist völlig geruchlos und kann von Nasen nicht erkannt werden. Aber es funktioniert! Vermutet wurde es ja schon länger, als es nachgewiesen ist: Wenn Frauen zusammenleben, dann spielen sich ihre Zyklen aufeinander ein, und offenbar teilen die Körper einander ihren Hormonstatus via Pheromon mit.

Und wenn es schon auf Frauen so wirkt – wie sehr dann erst auf Männer! Professor Karl Grammer von der Universität Wien hat es jedenfalls ausprobiert. Und seine menschenmännlichen Versuchskaninchen haben ihn überzeugt. Zwei Gruppen von Männern wurden Fotos vorgelegt. Was sie aber nicht wussten: Die Nasen der ersten Gruppe worden mit dem weiblichen Pheromon Östratetraenol umweht. Und genau diese Männer fanden alle Frauen auf den Bildern höchst attraktiv – auch jene, die von der pheromonisch unmanipulierten Gruppe als ziemlich hässlich empfunden wurden.

Männer können nämlich sogar per Vomeronasalem Organ erkennen, wann eine Frau fruchtbar ist. Nicht bewusst natürlich. Aber in der Zeit ihrer fruchtbaren Tage schleichen Männer besonders gerne besonders viel um eine Frau herum. Und so fragt sich die British Psychological Society sogar, wie viele erotische Entscheidungen Männer eigentlich tatsächlich selbst überlegt treffen können. Wenige, wenn man den Pheromonforschern glaubt – aber diesen Eindruck hatten Sie sowieso schon länger?

Dass männliche Erotikwünsche gelegentlich den Verstand zu überbrücken scheinen, darüber haben sich schon unsere Urgroßmütter hinter vorgehaltener Hand unterhalten. Und dass Frauen auch einen Sinn für Erotik haben, das ist zumindest unserer Generation nicht mehr entgangen! Allerdings hat das männliche Androstradenion auch ein paar feine Nebenwirkungen, die auf den ersten Blick gar nicht so viel mit Sex zu tun haben: Lässt man Frauen an männlichem Samen, Blut, Schweiß oder Haaren schnuppern, dann reagieren sie – hast du nicht gesehen – sofort mit merkbar erhöhter Gehirnaktivität.

Die Bereiche des Sehens, der Gefühle und der Aufmerksamkeit sind erregt und besonders wach. Und sogar, wenn die Pheromone in unmessbar geringen Mengen vorliegen, dann steigt immer noch die Konzentrationsfähigkeit. Aha. Interessant, sehr interessant! Wenn Sie das nächste Mal schlapp sind, dann wirkt einmal Haareschnüffeln bei Ihrem Partner Wunder – viel besser als Red Bull und Mokka.

Forschung und Medizin

Und wenn Sie wieder einmal Ihr PMS in seinen Krallen hält, wenn Sie in den Tagen vor Ihrer Periode sowieso nur jemanden zum Hassen suchen, dann graben Sie doch Ihre Nase in ein gebrauchtes Hemd Ihres Partners.

Die Pharma-Firma Pherin jedenfalls entwickelt einen Spray, der Pheromone aus Männerblut enthält. Und dieses Medikament – bisher in Österrich noch nicht zugelassen – soll direkt vom Vomeronasalen Organ wahrgenommen werden und das PMS besiegen. Denn Forschungen haben ergeben, dass eine Art von Fruchtbarkeitshormon-Entzug am Schrecken der Tage vor den Tagen schuld ist. Und mit einer Nase voll Männlichkeit könnte der weibliche Hormonspiegel wieder auf “Normal” steigen.

Nun, ein bisschen weit hergeholt scheint das vielleicht dem einen oder anderen schon. Und auch Forscher sind sich da nicht einig, klar. Klar ist aber auch, dass wir den Geruch mancher Menschen als besonders unangenehm empfinden, der (frische!) Schweiß eines anderen stört uns dafür wieder nicht. Und dran ist sicher etwas an der Pheromon-Geschichte, zweifellos.

Denn dafür gibt’s genügend Studien: Wussten Sie, dass man sich im Restaurant besonders gerne einen Platz sucht, auf dem zuvor ein Mensch anderen Geschlechts gesessen ist? Und was glauben Sie, wo die meisten Pheromon-Drüsen sitzen? Genau dort, wo beim Küssen die Nasen liegen, also den Partner ganz besonders gut und intensiv erschnüffeln können. Und natürlich hat auch die Industrie schon entdeckt, dass Pheromone wirken.

Säftchen, Wässerchen, Parfüms und Sprays sind mit Andostradienon für Männer und Östratetraenol für Frauen angereichert. Und findiges Merchandising, gutes Marketing und begabte Verkäufer bringen die Wunderelexiere an einsame Herzen. Ob ein Mann mit dem Schweißgeruch eines anderen zum Sexualcaterpillar wird? Ob eine Frau – nach den fruchtbaren Tagen ihrer Nachbarin duftend – plötzlich Männerherden von ihrer Schwelle prügeln muss?

Keine Ahnung. Probieren Sie es aus. Und nehmen Sie sich richtig Kohle mit: Vielleicht ist das auch das eigentliche Aphrodisiakum dabei. Denn Pheromon-Parfum ist teuer. Wer sich Schweiß für ein paar hundert Euro auf die Haut sprüht, der hat Geld. Und Geld ist bekanntlich erotisch, oder? Ich jedenfalls, ich rieche lieber nach mir. Aber wenn ich PMS habe, dann schnüffle ich an meinem Mann. Sicherheitshalber.

Foto: Shutterstock.com Gafter_Shuster


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