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Hygiene - weniger ist mehr

Hygiene - weniger ist mehr

Muss man Milchflascherl, Schnuller & Co. immer auskochen oder reicht es, sie gründlich auszuspülen? Und wie viel Schmutz verträgt mein Kind?
Hurra! Das Warten hat ein Ende, Ihr Baby ist endlich da. Mit dem kleinen Wonneproppen kommen aber auch täglich neue Fragen auf Sie zu. Erste Zweifel piksen wie winzige Nadelstiche ins Gewissen: Muss ich vor jedem Wickeln oder Stillen Hände waschen, gar desinfizieren? Der Schnuller kullert auf den Boden – und jetzt? Auskochen, bloß abspülen oder einfach zurück in den Mund stöpseln? Im ersten Lebensjahr sind Babys für Viren, Bakterien und Parasiten noch sehr anfällig. Magen- und Darmverstimmungen können sie verursachen, die fiesen Eindringlinge. Auch Brechen, Durchfall oder Dehydrierung.

Rundherum gut geschützt

„Selbstverständlich müssen Fläschchen nach jedem Füttern ausgekocht werden!“, ein Credo, das bereits Generationen von Müttern in Säuglingspflegekursen auswendig gepaukt haben. Der Grund: Aufgewärmte Milch kühlt langsam ab, erreicht die „Wohlfühltemperatur“ von Bakterien und Keimen, die sich in der idealen Brutstätte suhlen und rasant vermehren. „Flaschennahrung soll deshalb stets frisch zubereitet und sofort verfüttert werden“, sagt Prof. Franz Ferdinand Reinthaler vom Hygieneinstitut der Medizinischen Universität in Graz. „Ein mal aufgewärmte Milch und Reste eignen sich nicht mehr für Babys Flascherl.“

Für gesunde Kinder gilt:

  • Fläschchen bei 65–70 Grad im Geschirrspüler spülen oder mit Spülmittel und Flaschenbürste sorgfältig schrubben, anschließend mit klarem Wasser gut ausspülen.
  • Sauger und Schraubgewinde unter fließendem Wasser säubern und anschließend in kochendem Wasser ca. 5 Minuten sprudeln lassen oder (wenn dafür geeignet) in einem Vaporisator reinigen.
  • Klebrig gewordene oder rissige Latex-Sauger durch neue ersetzen.
  • Wichtig: das Fläschchen nach dem Säubern mit der Öffnung nach unten auf ein sauberes Geschirrtuch stellen, damit keine Feuchtigkeitsreste zurückbleiben.
  • Trinken Sie niemals selbst aus der Flasche, etwa um die Temperatur zu überprüfen. So können Kariesbakterien übertragen werden – selbst wenn Ihr Kind noch keine Zähne hat.
Ist das Immunsystem von Neugeborenen geschwächt (kranke Kinder, oder Frühgeburten), gilt: Fläschchen, Sauger, Schraubverschlüsse, Trichter, Messlöffel (nicht bei allen Marken möglich, daher öfters austauschen) und Schnuller in den ersten sechs Monaten sicherheitshalber desinfizieren.

Essen, spielen, sauber machen

Nach einigen Monaten nuckeln Säuglinge am Zipfel der Lieblingsdecke, belutschen Fingerchen, Zehen und Spielzeug, werden mit einem sauberen – nicht desinfizierten – Löffel gefüttert. „Und das ist auch gut so“, bestätigt der Experte für Hygiene. „Das Fläschchen kann jetzt in größeren Abständen desinfiziert werden – etwa nach jeder dritten Trinkmahlzeit.“ Vorteil: Ihr Baby wird an harmlose Haushaltskeime gewöhnt, zugleich wird die übermäßige Vermehrung von Bakterien verhindert. „Totale Keimfreiheit ist jetzt nicht mehr nötig, es genügt, wenn die Fläschchen keimarm sind“, sagt Prof. Reinthaler. Gegen Ende des ersten Lebensjahres können Sie das Desinfizieren der Fläschchen in aller Regel (nach Absprache mit Ihrem Kinderarzt) endgültig beenden.

Heißgeliebter Schnulli

„Der Schnuller sollte einmal am Tag desinfiziert werden“, empfiehlt Prof. Reinthaler. Den Gummistöpsel heiß abspülen und anschließend drei Minuten in kochendem Wasser wallen lassen. „Wer mit Kind unterwegs ist, spült den Sauger notfalls nur mit Wasser ab.“ Von Aufklauben und einfach zurück in den Mund stecken, rät der Experte ab. Immer schön locker bleiben Hände desinfizieren vor jedem Wickeln oder Stillen? „Völlig übertrieben“, meint Prof. Reinthaler. „Desinfektionsmittel haben im Haushalt und Alltagsleben nichts zu suchen“, betont der Experte. „Übertriebene Hygiene schadet mehr, als dass sie nützt. Ein besonders keimfreies Umfeld kann die Wahrscheinlichkeit eine Allergie zu entwickeln steigern, ein bisschen Schmutz hingegen helfen, das Immunsystem der Kinder zu stärken.“ Von Rosskuren ist allerdings abzuraten. Gewisse Hygienestandards müssen stets eingehalten werden, um gefährliche Infektionskrankheiten zu vermeiden.

Willkommen im Reich der Viren

Geschnieft, gehustet, gefiebert wird im Winter und in den ersten Frühlingswochen überall. Niest ein verschnupfter Mensch, dann sausen seine Erkältungsviren mit einer Geschwindigkeit von 160 Stundenkilometern durch die Luft, verteilen sich im Umkreis von vier Metern. Wichtigste Hygienemaßnahme: Händewaschen. Laut Prof. Reinthaler „die simpelste Methode, um Staub und Keimen den Garaus zu machen.“ Das Immunsystem von Kindern braucht vor allem eines: Zeit. Und hin und wieder ein bisschen Schmutz aus der mikrobiellen Welt. Denn um heimtückische Eindringlinge, die Krankheiten verbreiten wollen, abzuwehren, muss der Körper in der Lage sein, potenzielle Krankheitserreger von harmlosen Bakterien zu unterscheiden. Das gelingt am besten, wenn Kleinkinder möglichst viele Viren, Keime und Bakterien kennen lernen. „Wenn möglich natürlich auch durch entsprechende Impfungen“, sagt Prof. Reinthaler. So lernt die körpereigene Polizei stets dazu und macht potenzielle Krankheitserreger sofort dingfest. Das erklärt auch, warum es völlig normal ist, dass Kinder in den ersten Lebensjahren immer wieder Erkältungen ausbrüten (im ersten Lebensjahr durchschnittlich sieben Mal). „Nur im Falle einer Immunschwäche des Babys ist es sinnvoll, dass verkühlte Erwachsene Mundschutz oder Handschuhe tragen“, rät Prof. Reinthaler. Ansonsten gilt: immer schön locker bleiben!

Damit am Ende das Gute siegt

Erkältungswetter gibt es nicht: Auch Babys sollten täglich ins Freie. Stärken Sie die körpereigenen Abwehrkräfte Ihres Sprösslings von Geburt an: Mit Tageslicht, frischer Luft, gesunder Kost und – ein bisschen Schmutz. Dazu eine Riesenportion Elternliebe – denn glückliche Kinder sind gesündere Kinder.


Hygiene leicht gemacht

  • Regelmäßiges Händewaschen vergrault Keime und Bakterien, und es kann vor ansteckenden Krankheiten schützen. Vor allem nach dem Händeschütteln, nach der Toilette, vor dem Essen, nach der Arbeit. Und so geht’s: Hände gründlich nass machen, mit Seife einschäumen (am besten Flüssigseife, Desinfektionsmittel ist nicht nötig), etwa 20 Sekunden lang reiben und vor dem Abtrocknen unter fl ießendem Wasser gründlich spülen. Und weil Händewaschen relativ wenig Mühe macht, sollte man sich an diese Regel halten.
  • Auskochen: Flaschen und Sauger zehn Minuten in sprudelnd kochendem Wasser (alle Teile müssen bedeckt sein) desinfi zieren. Danach alle Utensilien mit der Öffnung nach unten auf ein ausgekochtes Tuch stellen, mit einem zweiten Tuch abdecken. Nachteil: Sauger können klebrig oder porös werden.
  • Im Vaporisator umwirbelt heißer Wasserdampf (95 bis 97 Grad) die zu desinfizierenden Teile. Es werden keinerlei chemische Mittel zugesetzt. Nur hitzebeständiges Equipment verwenden. Achtung: Nicht am heißen Dampf verbrennen!
  • Mikrowellen: In einer für Mikrowellen geeigneten Box werden Fläschchen und Sauger im Wasserdampf in nur wenigen Minuten desinfiziert. Achtung: Fläschchen nicht verschließen, da sich durch die Erhitzung Druck aufbaut.
  • Chemische Reinigung: Dafür werden spezielle Lösungen oder Tabletten verwendet, die Keime abtöten. Die vorgereinigten Teile in frisch angesetzte Lösung legen, Luftblasen vermeiden. Vor Gebrauch Flasche und Sauger mit abgekochtem Wasser ausspülen. Wasser oder Dampf seien der Chemie stets vorzuziehen, so Prof. Reinthaler.


Hilfe, mein Baby ...

  • …kuschelt mit Katze oder Hund Achtung: Infektionsgefahr ist relativ groß. Katzen schlecken ihr Fell sauber, Hunde schnüff eln im Kot ihrer Artgenossen. Wurmeier, Salmonellen und andere Keime können im Fell und auf der Schnauze lauern.
  • … hat eine Fliege verschluckt Klingt ekelig. Macht aber nichts. Vorsicht jedoch bei: Bienen, Wespen und Hornissen.
  • … lutscht an Staubflankerln und Schmutz vom Boden. Halb so wild. Mit normalem Hausstaub wird das Abwehrsystem locker fertig. Trotzdem: Kinder sollten Sachen vom Boden nicht gewohnheitsmäßig in den Mund stopfen.
  • … lutscht an einem Streichholz Der rote Phosphorkopf oder das mit Paraffin getränkte Hölzchen sind nicht gesundheitsschädlich. Gefährlicher wäre ein Verschlucken – das Streichholz könnte im Hals stecken bleiben.
  • … schiebt sich Sand oder Erde in den Mund „Saubere“ Erde oder Sand (keine Düngemittel, kein Tierkot etc.) im Mund – kein Grund zur Aufregung. Hat Ihr Kind Dünger verschluckt – sofort zum Notarzt!

Fotos: ESB Professional, Roman Sorkin - shutterstock.com


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