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    Im Schußfeld


    Längst heißt es in der Schule nicht nur lernen – in zunehmendem Maße sind Kinder mit schwierigen psychologischen Rahmenbedingungen konfrontiert. Mobbing-Attacken darf man als Elternteil daher keinesfalls auf die leichte Schulter nehmen. Text: Beate Giacovelli




    Auslachen ist noch die harmlose Variante. Weiter geht es mit Anspucken, Verspotten, Beschimpfen – bis hin zu regelrechter Brutalität mit Schlagen, Treten. Es bilden sich Gruppen, das Kind steht allein da. Oft rufen Täter sogar auf zum „Alle-gegen-einen“. Im Internet tauchen peinliche Fotos oder bösartige Handy- Filmchen auf. Mobbing an Schulen – auch bekannt als „bullying“ - ist längst Bestandteil schulischen Alltags. Ziel der Mobber: ausgrenzen, demütigen, tyrannisieren. Öffentlich bekannt werden aber meist nur jene Fälle, bei denen rohe Gewalt im Spiel ist.

    Mobbing fügt der Seele Schmerz zu
    Meist unbeachtet bleiben Demütigungen, die im Verborgenen stattfinden: verbale Gewalt oder Ausgrenzung (mit dir spreche ich nicht). Perfid dabei: Immer mutiger werden Täter, immer mehr schämen sich Gemobbte. Aus eigener Kraft dem Terror entkommen? Un.Mög.Lich. So scheint es. Aus Angst selbst Angriffsfläche zu bieten, rotten sich viele Schüler auf Seite des Mobbers zusammen oder schweigen. Signalisieren: Mobber, du hast freie Bahn!

    „Nicht jeder versteckte Turnschuh oder Streit ist Mobbing“, erklärt Rosa Stieger, Klinische- und Gesundheitspsychologin, BHS-Professorin an einer Tourismusschule in Wien. „Mobbing ist ein Prozess, ein aggressives Vorgehen, das immer wieder passiert.“ Über Wochen, Monate, gar Jahre. Die Mobbing-Expertin beschäftigt sich mit Gewaltprävention an Schulen, beobachtet, dass „Häufigkeit und Härte der Fälle alarmierend zunehmen.“ Immer mehr Kinder starten mit einem Gefühl der Angst in den Schulmorgen: die einen fürchten Lernstress, die anderen ihre Klassenkameraden.

    Keine Spur Empathie
    „Wer mobbt, handelt stets mit Absicht und Kalkül: Dem anderen soll bewusst Schaden zugefügt werden“, weiß Rosa Stieger. Mobber treiben ihre Mitschüler in die Verzweiflung, geben sich abgeklärt. Auf Empathie, Respekt oder Menschenwürde haben sie „null Bock“. „Typisch bei Mobbing ist ein Machtungleichgewicht zwischen Opfer und Täter“, so Rosa Stieger. Stets kämpft ein Schwächerer gegen einen überlegenen Einzelnen oder eine Gruppe. Meist auf verlorenem Posten.

    Panik vor der Schule
    Eltern ist nicht immer klar, was sich zwischen Kids abspielt. Bedrängte Kinder und Jugendliche neigen dazu, sich zurückzuziehen, in der Seele das beklemmende Gefühl: jetzt geht´s bergab. Und Schuld daran bin ich. Rosa Stieger macht deutlich: „Eltern müssen achtsam sein, verdächtige Symptome wahrnehmen: Ist das Kind traurig? Plötzlich – außerpubertär – aggressiv? Klagt es über Kopf-oder Bauchschmerzen? Appetitlosigkeit? Alpträume? Kommt es mit beschädigten Schulsachen, blauen Flecken oder Kratzern nach Hause?“

    Eingreifen - ein Muss!

    „Potentielle Mobber kristallisieren sich bereits zu Schulbeginn schnell heraus“, weiß Rosa Stieger. „Diese Negativ- Leader überschreiten Grenzen, agieren manipulativ, können mit Ärger oder Zorn nicht umgehen.“ Täter müssen Widerstand spüren: Bis hierher. Nicht weiter! Je früher desto besser. „Die Spirale der Gewalt muss durch beherztes und intelligentes Eingreifen unterbrochen werden“, so die Expertin. „Zuschauen, Wegschauen, Stillschweigen ist die schlimmste Form von Aggression. Deshalb müssen LehrerInnen Ich Stärke und Zivilcourage zeigen. Klar machen: bin präsent, unterstütze wer Schutz braucht, lasse nicht zu, was nicht zugelassen werden darf.“ Punkt. Täter spürten in der Regel schnell, dass sie hier keine Chance haben.

    Nein,
    ein wichtiges Wort

    Einer gegen alle? Viele gegen einen?
    Gemobbt wird quer durch alle Nationalitäten und Bildungsschichten. „Typische Mobbing-Opfer gibt es nicht“, sagt Rosa Stieger. Die neuere Mobbing-Forschung interessiert sich weniger für die Person als für die Situation. Was tut ein Jugendlicher, um Opfer zu werden. Und vor allem - was nicht? „Heranwachsende müssen lernen sich zu wehren. Auf sozialverträgliche Weise“, so Rosa Stieger. „Wie sage ich: Nein! Hör auf oder gibt das zurück!“ Vor allem die Körpersprache entscheide darüber, wie Kids bei anderen ankommen. Sich aufrecht und breitbeinig hinstellen, wütend schauen, mit den Augen rollen signalisiert: Nicht mit mir! Der Mobber erfährt Unerwartetes, tritt einen Schritt zurück. Manchmal genügt schon ein kleiner – einstudierter - Satz, eine selbstbewusste Antwort auf eine Hänselei.

    Mobber:
    süchtig nach Macht

    „Mobber sind meist Ich-schwache Menschen“, sagt Rosa Stieger. „Sie sind süchtig nach dem Gefühl der Erhöhung. Merken, dass sie Angst auslösen können. Das gefällt.“ Gleichzeitig treten sie forsch und selbstbewusst auf. Vermitteln: „Du bist klein, du musst dich unterordnen, sonst...“

    Unterstützung suchen statt schweigen
    Eltern empfiehlt die Mobbing-Expertin „Beobachtungen und Vorfälle in einem Mobbing-Tagebuch festzuhalten. Sofort bei Lehrer oder Klassenvorstand Unterstützung zu suchen, das Fehlverhalten auch gleich öffentlich zu machen. Gemeinsam mit den Lehrern und der Schulleitung an einem Strang zu ziehen und - auf keinen Fall zu schweigen.“ Kinder und Jugendliche brauchen Hilfe in der Not. Ebenso die Dulder und Schweiger, denn auch sie plagen Schuldgefühle. Viele wollen helfen, zaudern aber aus Angst das nächste Opfer zu werden.

    Rosa Stiegel warnt davor, ein Kind vorschnell von der Schule zu nehmen. Zuerst müssten alle Lösungsversuche (Schule reagiert lasch oder gar nicht, Schulleistung sackt rapide ab) gescheitert sein, bevor Eltern den Notausgang Schulwechsel in Erwägung zögen. Mobbing ist mehr als nur Kinderkram oder alterstypische Rangelei. Kann nur gedeihen, wo das Verhalten des Täters toleriert wird. Rosa Stiegler bringt es auf den Punkt: „Stillschweigen bedeutet immer Zustimmung.“ Spürt der Mobbing- Initiator konsequenten Widerstand, dann hat es sich schnell ausgemobbt.





    Foto: CristinaMuraca by Shutterstock.com
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