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Früher Schuleintritt

Früher Schuleintritt

Keanu ist sechs...

Keanu ist sechs, ein richtiger Lausbub und stolzer Träger einer Schultasche. Moritz ist auch sechs Jahre alt und geht trotz Hochbegabung in den selben Kindergarten, den Keanu besucht. Beide Buben sind nicht schulpflichtig, aber schulreif… oder doch nicht?

Spätestens wenn der Brief vom Landesschulrat mit der Information über die Schülereinschreibungen für die 1. Klasse der Volksschulen in den Briefkasten flattert, wissen wir: Unser Kind ist schulpflichtig. Meist hat man sich im Kindergarten mit Eltern gleichaltriger Kinder ausgetauscht oder an „offenen Tagen“ die zukünftige Volksschule inspiziert. Speziell in Wien waren heuer einige Familien überrumpelt, weil der Brief „mit den besten Grüßen“ der Amtsführenden Präsidentin des Wiener Stadtschulrates noch vor Weihnachten kam. Fanden in den Bundesländern Schuleinschreibungen z. T. bereits im Oktober statt, so drehte sich das Einschreib-Karussell in Wien immer erst im Februar.

Diesmal aber mussten alle schulpflichtigen Kinder bereits bis zum 20. Januar mit ihren Dokumenten in die Volksschule kommen. „Der Grund für die Vorverlegung der Einschreibzeiten ist die Sprachstandserhebung, die zum ersten Mal für das kommende Schuljahr Österreichweit zum Tragen kommt“, erklärt Gerlinde Keglovits von der Schulinfo Wien. Von all dem bekommt jedoch nichts mit, wer sein Kind zufällig zwischen dem 1. September und dem 31. Dezember (das betrifft immerhin ein Drittel der Kinder, die alljährlich mit der Schule beginnen!) auf die Welt gebracht hat.

Begabte „Spätgeborene“ müssen Antrag auf frühzeitige Einschulung stellen...

Begabte „Spätgeborene“ müssen einen Antrag auf frühzeitige Einschulung stellen

Erwartet man einen Brief, der einen auf die dräuende Schulpflicht aufmerksam macht, so wartet man vergeblich, und wenn er dann kommt, wäre es zu spät für eine „frühzeitige Einschulung“. Die „Spätgeborenen“ werden nämlich grundsätzlich nicht „vorgewarnt“. Stichtag für die zum Schuleintritt Bestimmten ist der 31.August als Geburtstag. Glück gehabt. Das Kind mit dem Geburtstermin 1. September darf noch ein Jahr Kind sein. So die landläufige Meinung. Viele verschwenden nicht mehr als einen bzw. gar keinen Gedanken an eine Früheinschulung.

Außerdem hält sich in der Elternschaft hartnäckig das Gerücht, dass man sich das irgendwie aussuchen kann, wann ein solches Dispenskind in die Schule geht. „Das ist ein Irrtum“, erklärt Mag. Christiane Wendelberger, die Leiterin des Begabtenförderungszentrums beim Wiener Stadtschulrat, „eine frühzeitige Einschulung ist speziell für begabte Kinder vorgesehen. Die Erziehungsberechtigten bzw. die Schule muss für das Kind einen ‚Antrag auf frühzeitige Einschulung’ stellen. Das kann man natürlich grundsätzlich niemanden verwehren, aber die Schulleitung entscheidet das.“ „Eine getrennt geführte Vorschule gibt es leider bei uns nicht mehr“, so Gerlinde Keglovits weiter, „daher tragen die SchulleiterInnen gerade hier eine Riesenverantwortung. Bei fünf ein halb Jährigen muss man extrem aufpassen. Die Ansicht, es sei weniger verhackt, wenn man sein Kind später in die Schule schickt, stimmt insofern, dass es die Möglichkeit gibt, noch während der ersten Klasse in die zweite überzutreten.“ – „Zum Unterschied zum Überspringen einer Klasse, was nur am Schuljahresende möglich ist.

Die Altersdispens soll außerdem ab dem übernächsten Schuleinstiegsjahr bis zum 1. März ausgeweitet werden.“, ergänzt Christiane Wendlinger, „Es muss immer im Interesse des Kindes und ganz individuell gehandelt werden. Das Alter sagt nicht viel aus über die Schulreife. Es stimmt wohl, dass man dem Kind etwas nimmt von seiner Kindheit, man nimmt aber begabten Kindern wiederum etwas von dem, was sie interessiert, wenn man sie nicht ihrem Wissensstand entsprechend fördert.“ Ähnlich auch die Meinung der Landesreferentin für schulpsychologische Fragen in Linz, Dr. Agnes Lang: „Man merkt ja, wenn sein Kind anders ist als der Durchschnitt. Fragt es viel, oder ist es mehr auf Spielen aus? Welchen Wortschatz hat es? In diesem Alter ist das Gehirn besonders aufnahmefähig und sollte entsprechend gefördert werden. Es gibt nichts Schlimmeres, als ein Kind nicht zu fördern.“


Wenn es im Kindergarten fad wird

Was macht man nun mit so einen knapp fünfjährigen Vifzack, der schon „sooo gerne in die Schule will, weil`s im Kindergarten so faaad ist!“? Zunächst versuchte Keanus Mutter, Julia Sigl, 45, im Kindergarten zu erreichen, dass der Bub in die Aktivitäten der Vorschulkinder eingebunden wird. Nicht so sehr, weil sie eine Früheinschulung im Auge hatte, sondern weil ihr Keanus Zugehörigkeitsgefühl und seine sozialen Bindungen innerhalb der Gruppe wichtig waren.

Man spürte, der Junge saß zwischen den Stühlen, sobald die um ein paar Monate älteren „Vorschul“-Kinder unterwegs waren. Doch wer ein Vorschulkind ist, bestimmt der Kindergarten. So hat es zumindest Keanus Mutter erlebt. Die Leiterin, Elisabeth Rust, 44, hat als Novembergeborene mit ihrer eigenen Einschulung im Alter von knapp Sieben nur positive Erfahrungen gemacht: „Als Leiterin werde ich immer wieder gefragt, wie ich zu einer vorzeitigen Einschulung stehe. Meine Erfahrungen beruflich und privat bestärken mich in der Ansicht, Kinder eher später als früher einzuschulen.

Gerade in unserer schnelllebigen Zeit empfinde ich es als Geschenk ein Jahr länger spielen zu dürfen, denn im Spiel können die Kinder in ihrem eigenen Tempo Erfahrungen sammeln und Lernschritte vollziehen. Dadurch erfahren die Kinder das Lernen als lustvolle Betätigung.“ Wie aber definiert man Schulreife? Im letzten Jahr vor dem Schuleintritt beobachtet man bei Kindern einen enormen Entwicklungsschritt, die sogenannte Sechsjahreskrise, die ein paar Monate früher oder später eintreten kann, vergleichbar mit Phasen im Trotzalter, oder der Pubertät.

Die Ausgangsvoraussetzungen der Eltern sind wesentlich

Bei Keanu ging dann alles ziemlich schnell. Nach einem Test bei einer Kinderpsychologin im Mai stellte sich heraus, dass er mit fünf ein halb das allgemeine Bildungsniveau eines Siebenjährigen hatte und auch durchaus die Ausdauer, sich einer Aufgabe längere Zeit zu widmen. Julia Sigl ist als Dezembergeborene selbst ein gebranntes Kind, das in den 60er Jahren mit dem Argument: „Mädchen verlieren kein Jahr mit dem Bundesheer.“ erst mit knapp sieben in die Schule geschickt wurde und fand sich beinahe täglich in einer Schul-Diskussion mit ihrem Sprössling wieder.

Keanus erste Worte mit zehn Monaten waren ein astreines „Mami Milch?“ beim Anblick eines Milchfläschchens. Mit zwei ein halb Jahren sprach Keanu in ganzen Sätzen und hatte eine komplette Lautpalette ohne die üblichen H-, Sch- oder R-Probleme. „Es ist von Kind zu Kind ganz individuell zu klären“, meint Gerlinde Keglovits weiter, „und es kommt natürlich auch auf die Familiensituation an.“ Keanus Mutter ist Alleinerzieherin. Selbst als Einzelkind aufgewachsen hat Julia Sigl immer darauf geachtet, dass ihr Bub von ganz klein auf schon in Kindergruppen eingebunden ist. Sein kleiner im Juni 2003 geborene Bruder Takeshi spricht, mittlerweile genau in dem Alter, in dem Keanu schon einen Wortschatz hatte, über den sich die halbe Verwandtschaft wunderte, immer noch „Keshisch“.

Julia Sigl hatte den direkten Vergleich und sah daher keine andere Möglichkeit, ihren älteren Sohn seinem Wissensdurst entsprechend zu fördern, als ihn frühzeitig einschulen zu lassen. Ganz anders lief es bei Moritz. „Zum Thema wurde das ganze, als Moritz´ Entwicklung anders vor sich ging als bei ‚normalen’ Kindern“, erzählt seine Mutter Ulrike Geromin-Pukl, „Im Alter von vier Jahren konnte Moritz bereits mühelos im Zahlraum bis 100 addieren und subtrahieren, Zahlenreihen fortsetzen, das Wiener U-Bahnnetz auswendig und war im Begriff, sich das Lesen beizubringen. Gleichzeitig bemerkten wir, dass seine soziale Kompetenz nicht mit seiner geistigen Entwicklung Schritt hielt. Er forderte sehr viel Aufmerksamkeit von uns ein, konnte jedoch mit Gefühlen wie Lachen und Weinen nichts anfangen.“

Als er mit drei Jahren ein Brüderchen bekam, nahm seine Eifersucht und Ich-Bezogenheit ein Ausmaß an, mit dem seine Eltern nicht mehr umgehen konnten. Der Weg der Familie führte zu einer Beratungsstelle für Entwicklungsdiagnostik, wo man Moritz´ Hochbegabung bestätigte. „Dort wurde uns sehr geholfen“, so seine Mutter weiter, „man riet uns, ihn so früh wie möglich einzuschulen, da er sonst Gefahr laufen würde, der Klassenkaspar zu werden.“ Ein halbes Jahr lang kämpfte Ulrike Geromin-Pukl mit zwei Seelen in der Brust. Die im Novembergeborene erinnerte sich an die schlechten Erfahrungen mit ihrer eigenen Früheinschulung, dass sie sich immer als kleiner und weniger selbstbewusst erlebte als ihre KollegInnen. Dazu kamen kritische Meinungen wie z. B. eine angebliche Tendenz, jedes Kind für schulreif zu erklären, damit die Klassen gefüllt werden können, oder Erfahrungen eines Lehrers, der seine eigenen „spätgeborenen“ Kinder nicht früher in die Schule schicken würde. Buchstäblich im letzten Moment entschieden sich die Geromin-Pukls gegen den frühen Schuleintritt. „Es war letztlich Moritz´ eigene Entscheidung. Er erklärte, dass er noch ein Kindergartenjahr mit seinem kleinen Bruder machen und erst mit sechs in die Schule gehen wollte. Dennoch hätte ich mir sehr gewünscht, wenn man mir bei den vielen Gesprächen von Anfang an reinen Wein eingeschenkt hätte.“ Der da lautet: Die soziale Entwicklung ist weit wichtiger als jede noch so hohe kognitive Begabung. Auch Keanus Mama hatte ständig das Gefühl, gegen Gummiwände zu stoßen. „Die ehrgeizige Mutter, die ihren Sohn überfordert.“ Oder: „Sie wissen doch, dass Buben in der Entwicklung hinter den Mädchen herhinken.“ Alles Mögliche bekam sie zu hören nur nicht, wo sie sich wirklich informieren konnte.

Der Rettungsanker war die Schulleiterin der Volksschule Stiftgasse im siebten Wiener Bezirk. Hier hatte sie endlich das Gefühl, ernst genommen zu werden, und dass nach besten (Ge)Wissen alle Faktoren möglichst objektiv abgewogen wurden. Auch hier war es Keanu, der meinte, lieber in die Schule gehen zu wollen als noch ein Jahr im Kindergarten zu verbringen. Natürlich muss klar sein, dass nicht die Kinder selbst diese Entscheidung treffen können. Aber die Schulleitung ist der Schlüsselpunkt und hat an dieser Stelle eine wichtige Verantwortung, dem Kind gegenüber, das ein Leben lang durch das Erlebnis des ersten Schultages geprägt sein wird. Und den Erziehungsberechtigten gegenüber, denn Eltern, die den Gedanken an eine Früheinschulung aus welchen Gründen auch immer nicht sofort wieder verwerfen, brauchen eine kompetente und ehrliche Beratung. Die Tatsache, dass zwei von Keanus Kindergartenspezis mit ihm in die selbe Klasse gehen und der Umstand, dass die Stiftgasse, die als Partnerschule des Pädagogischen Instituts in Wien einen hervorragenden Ruf hat, zufällig Keanus Sprengelschule ist, werden ihm mit Sicherheit die richtige Förderung zuteil werden lassen. Egal ob Früh- oder Normaleinschulung, letztendlich kommt es wirklich auf die Schule an. Traurig nur, dass durch die in den letzten Jahren meist wegen ideologischer Interessensunterschiede erfolgte Ausdünnung unseres Bildungssystems genau das nicht mehr gewährleistet ist. „Sprachtickets“ aufgrund einer Sprachstandserhebung werden daran nicht wirklich viel ändern können, so lange die Schulreife nach einseitigen Kriterien beurteilt und kognitive Fähigkeiten (wir brauchen mehr Techniker- und WissenschaftlerInnen!?) zu hoch bewertet werden.


Foto: Katerina Davidenko - shutterstock.com


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