Geschwisterrivalität

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Geschwister sind Verwandte, Spielkameraden und Rivalen. Wie können Eltern verborgene Konflikte zwischen ihren Kindern erkennen und positives Verhalten fördern?

Hans und Christa spielen einträchtig mit dem neuen Kaufmannsladen. Sie haben offensichtlich Spaß, der sich in lautem Gekicher äußert. Plötzlich ertönt Geheul, das in wenigen Augenblicken die Qualität “markerschütternd” erreicht. Dann gibt es einen wilden Tumult. Das eben noch einträchtig befeilschte Obst fliegt unsanft durch die Gegend und Bruder Hansi gleich hinterher.
Da nun auch Schmerzensschreie ertönen, eilt die Mutter zum Kampfplatz und wird von einer zornesroten Christa empfangen: “Mama, das ist mein Einkaufswagerl, sag ihm, dass er das nicht nehmen darf. Der Hansi ist total blöd.”

Identitätsfindung

Geschwister tragen dazu bei, dass ein Kind seine Identität findet. Sie gehören neben den Eltern zum unmittelbaren Umfeld und mit ihnen macht es seine ersten Beziehungserfahrungen. Die Psychotherapeutin Dr. Katharina Lichtenberger- Reinberg, eines von sieben(!) Geschwistern und selbst Mutter von vier Kindern: “Geschwisterbeziehungen gehören zu den tiefsten Bindungen, auch wenn es von außen betrachtet nicht so aussieht.
Wenn sie sich als Erwachsene entzweien, ist das trotz möglicherweise triftiger Gründe für beide ein schwer zu verarbeitendes Erlebnis.” Wie entscheidend die Gefühle des Kindes zu den Geschwistern in den ersten Lebensjahren sind, hat sich in psychologischen Untersuchungen gezeigt: Erwachsene mit Beziehungsproblemen handeln oft nach einem problematischen Muster, das sie in früher Kindheit mit Bruder oder Schwester ausgebildet haben. Sind diese Beziehungsmuster aber positiv, profitieren sie ein Leben lang davon.

Kinder verhalten sich entsprechend ihrer angeborenen Eigenschaften, der körperlichen Konstitution, sowie auch nach den Reaktionen der Eltern. Es ist also sehr wichtig, die Unterschiede zwischen ihnen wohlwollend zu akzeptieren. Jedes Kind nimmt sein Umfeld anders wahr. Obwohl Geschwister in einer Familie aufwachsen, leben sie doch entsprechend ihrer Eigenpersönlichkeit unterschiedliche Leben. Aber sie beobachten zum Bespiel sehr genau, wie die Eltern ihre Liebe verteilen. “Du hast die Gabi viel lieber als mich”, ist ein häufiger Satz aus Kindermund, wenn die Mutter zwar beide Sprösslinge liebt, aber das Kleinere altersgemäß mehr umsorgt. Jedes Kind will das Lieblingskind sein.

Der pädagogische Alltag aber zeigt: Wirkliche Gerechtigkeit puncto Liebe gibt es warscheinlich nicht. Fast alle Eltern haben – oft uneingestanden – einen Favoriten. Das kann der Jüngste sein, der einzige Bub oder das herzige Mädchen, der Talentierte, die Extrovertierte oder der Ruhige. Manchmal bekommt auch ein krankes Kind sehr viel mehr Zuwendung als die anderen. Ist ein Geschwisterchen gestorben, wird das Familienklima auch davon geprägt. Geschwister reagieren auf ein Kind, das von den Eltern bevorzugt wird, mit Eifersucht, Rivalität oder auch Ablehnung.

Niemals sollte ein Kind zugunsten des anderen vernachlässigt oder abgewertet werden. Das hat nicht nur Auswirkungen auf die Gefühle der anderen, sondern auch auf das ganze spätere Leben. Ein von den Eltern lässig hingeworfenes: “Verena kann das viel besser als du, obwohl sie jünger ist”, kann tiefe seelische Verletzungen hervorrufen, die sich in späteren Minderwertigkeitsgefühlen bemerkbar machen. Eltern sollten wissen, dass jedes ihrer Kinder nicht nur seine Persönlichkeit, sondern auch ein eigenes Entwicklungstempo hat.

Geschwisterposition und Geschlecht

Bettina Mähler in ihrem Buch “Geschwister”: “Es muss mit absoluter Deutlichkeit gesagt werden, dass sich aus einer gewissen Position in der Familie nicht zwangsläufig bestimmte Folgen ergeben müssen.
Trotzdem gibt es einige Erfahrungswerte: Häufig sind das älteste oder jüngste Kind in der Familie etwas Besonderes. Forschungen auf diesem Gebiet haben ergeben, dass erstgeborene Kinder eher die Einstellungen und Gewohnheiten der Eltern übernehmen. Da dieses Kind durch die Geburt des nächsten quasi ‚entthront’ wurde, ist es eifersüchtiger, ängstlicher und unzufriedener als die anderen.

Das Jüngste genießt häufig Privilegien und wird deshalb von den anderen beneidet. Oft ist es sehr verwöhnt oder aber auch unterdrückt. Um sich gegen die Übermacht der ‚Großen’ durchzusetzen entwickelt das jüngste Kind gewisse Strategien oder einen ausgeprägten Charme.” Bevorzugung oder Benachteiligung wegen des Geschlechts sind in unserer Zeit zwar eher selten, aber sie kommen vor. Wird ein Kind zum Beispiel nach der tief sitzenden Überzeugung früherer Zeiten behandelt “Ein Bub ist mehr wert”, so ergeben sich für die Mädchen der Familie fast zwangsläufig schwerwiegende Probleme, die später vielleicht sogar therapeutisch aufgearbeitet werden müssen.


Was sind Hauptprobleme zwischen Geschwistern?

Sie beanspruchen die Spielsachen des Bruders, machen Besitztümer der Schwester kaputt, schlagen, beschimpfen und demütigen einander, sind eifersüchtig auf das neue Baby oder schließen sich gegenseitig aus.

Was ist der Hintergrund dieses Verhaltens?

Wirkliche Ursache ist die tief sitzende Angst nicht genug Zuwendung zu bekommen oder sie zu verlieren. Jedes Kind will ungeteilte Liebe der Eltern, die ihnen alleine durch Existenz der anderen Geschwister streitig gemacht wird. So führen sie ihre Kriege aus Rivalität, Langeweile, Eifersucht, oder schlechter Laune.

Wann sollen Eltern eingreifen?

Dr. Lichtenberger-Reinberg: “Es empfiehlt sich zu warten, ob Kinder ihre Streitigkeiten auch alleine lösen können. Besteht Verletzungsgefahr oder sind Kinder noch sehr klein, ist es wichtig, dass Eltern helfen. Auf keinen Fall sollte Streiten grundsätzlich verboten sein. Geschwister können bereits in der Familie lernen, dass Meinungsverschiedenheiten vorkommen und Auseinandersetzungen etwas Normales sind. Kinder, die Aggressionen unterdrücken müssen, leiden später oft sehr darunter.”

Positives Verhalten fördern

Die Therapeutin: “Besonders wichtig ist es, die Rangfolge einzuhalten. Das älteste Kind war zuerst da und bekommt zum Beispiel bei der Verteilung von Schokolade auch als erstes. Das zweite als nächstes und soweiter. Es erzeugt auch immer wieder Unruhe, wenn ein älteres Kind mit den anderen schlafen gehen muss. Eltern können den anderen erklären, dass der Ältere eben länger aufbleiben darf und die Jüngeren werden das in der Regel auch gut akzeptieren. Viele Konflikte entstehen überhaupt erst, wenn diese Rangreihung missachtet wird.”
Wann sollte professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden?
Dr. Lichtenberger-Reinberg: “Wenn Sie das Gefühl haben: Wir wissen einfach nicht mehr weiter. Ich vertrete dabei einen sehr eindeutigen Standpunkt – Kindertherapie geht meist besser über Elterntherapie. Oft sind schwere Probleme in der Familie dafür verantwortlich, dass Kinder auffälliges Verhalten zeigen. Wenn Eltern lernen mit diesen Schwierigkeiten besser umzugehen, wirkt das automatisch auf die Kinder zurück und die Dinge wenden sich zum Besseren.”

Der Vorteil für ein Kind mit Geschwistern besteht darin, dass es schon früh den Umgang mit anderen lernt. Auch bei ungemütlichen Familienverhältnissen haben es Kinder mit Brüdern und Schwestern leichter, weil sie dann nie alleine sind. Eltern sollten wissen, dass bei allen eventuell vorhandenen Differenzen Geschwister sich sehr mögen. Sie sind von ungekünstelter Lebendigkeit und genau das können wir von unseren Kindern lernen: selbstverständliche Solidarität, den natürlichen Wechsel von Nähe und Distanz und die Fähigkeit trotz allem Trennenden den Kontakt nicht abreissen zu lassen.

Tipps für Eltern von Geschwistern

Akzeptieren Sie die Unterschiede zwischen den Kindern und gehen Sie darauf ein
Bevorzugen Sie ein Kind nicht wegen seines Geschlechtes, eines Talentes oder eines besonderen Persönlichkeitsmerkmales. Braucht eines Ihrer Kinder wegen einer Krankheit oder einer Behinderung besondere Zuwendung, zeigen Sie auch den anderen verstärkt Ihre Liebe.
Werten Sie niemals ein Kind ab, wenn es etwas Ihrer Meinung nach nicht gut genug kann.
Greifen Sie bei Streit nur dann ein, wenn Verletzungsgefahr droht, Sie ausdrücklich darum gebeten werden oder eine gerechte Lösung nicht anders möglich scheint.
Respektieren Sie jedes Ihrer Kinder als eigene Persönlichkeit
Übertragen Sie negative Gefühle gegen den Expartner nicht auf ein Kind
Sollte Ihre Familie auch aus Stiefgeschwistern bestehen – GEDULD!!!

Foto: Cheryl Casey/Shutterstock.com

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