Schulangst: So helfen Sie Ihrem Kind

Angst kann krank machen – das gilt besonders für die Angst vor der Schule. Was wir Eltern tun können um dieses Gefühl erst gar nicht aufkommen zu lassen.

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Als Benni um die letzte Ecke vor dem Schulgebäude biegt, beginnt ihn ein eigenartiges Ziehen in der Magengrube zu plagen. Nun verlässt den Sechsjährigen der Mut. Die Worte seines Vaters vom Abend davor klingen nach: „Morgen beginnt für dich der Ernst des Lebens, mein Junge! Du musst dich anstrengen, damit du viel lernst und wir stolz auf dich sein können!“ „Der Ernst des Lebens“ … welch schreckliche Vorstellung! Und außerdem: Was, wenn er nicht brav lernt? Sind die Eltern dann nicht mehr stolz auf ihn? Jetzt hat Benni auf einmal richtig Angst.

Spirale der Angst

Mit Aussagen wie „Jetzt beginnt der Ernst des Lebens“ und „Du musst dich schon anstrengen“ glauben viele Eltern, ihre Taferlklassler zu motivieren und sie mit Ehrgeiz auszustatten. Gut gemeint ist oftmals das Gegenteil von gut – das zeigt sich auch hier: Denn scheinbar unbedeutende Formulierungen wie diese können insbesondere in der heiklen Phase des Schuleintritts nachhaltige Wirkung haben. Sie lösen eher Angst vor der Schule aus. Angst ist aber ein denkbar schlechter Motivator. Angst vor der neuen Umgebung, Angst vor den Lehrern, Angst davor, seine Zeit plötzlich nicht mehr in der schützenden Atmosphäre der elterlichen Wohnung verbringen zu können: Noch geht es zwar weniger um Lerninhalte, an die Taferlklassler in den ersten Monaten ohnedies spielerisch herangeführt werden. Es geht um das Gefühl, plötzlich alleine verantwortlich zu sein … Und: Schulangst ist ein ständiger Begleiter, zumindest für rund 35 Prozent aller SchülerInnen der ersten Schulstufen. Angst zu versagen, Angst vor schlechten Noten, Angst vor den drohenden Konsequenzen – die Spirale beginnt sich zu drehen. Angst erzeugt weitere Angst. Ein schier endloser Kreislauf …

Krankmacher Schulangst

Wir machen einen Zeitsprung. Benni ist mittlerweile acht Jahre alt; und er kämpft ganz offensichtlich mit den Auswirkungen des beschriebenen Kreislaufs: Benni leidet an massiver Schulangst. Motivation fürs Lernen und Mitarbeit in der Schule sind kaum noch vorhanden; beinahe täglich gibt es irgendeine tränenreiche Szene, in der es um die Schule geht. Immer öfter fühlt Benni sich auch unwohl …  Mit seinen Beschwerden ist Benni nicht alleine. Denn auch wenn der Schulbesuch für Kinder „normalerweise“ eine aufregende und interessante Angelegenheit darstellt, liefert er einigen von ihnen doch Grund für Angst oder Panik. Meist tritt die Angst, die einer augenscheinlichen Ursache entbehrt, in der Vorschule oder im ersten Schuljahr auf; ihren Höhepunkt erreicht sie im zweiten Schuljahr. Und sie äußert sich mehr oder weniger subtil: Kurz bevor das Kind morgens das Haus verlassen sollte, treten beispielsweise Kopf-, Hals- oder Magenschmerzen auf. Oder das Kind weigert sich schlicht, aus dem Haus zu gehen.

Darf es bleiben, lässt die „Krankheit“ nach – um am nächsten Morgen vor dem Schulbesuch wieder aufzuflammen. Die Weigerung, zur Schule zu gehen, beginnt oft nach einer Zeit, die Kinder – mit viel Nähe zur Mutter – zu Hause verbracht haben, z. B. nach den Sommerferien oder nach einer kurzen Krankheit. Wenn ein Kind sich krank fühlt, „krank spielt“ oder körperliche Beschwerden vorbringt, um nicht die Schule besuchen zu müssen, sollten Eltern dies ernst nehmen. Das fällt nicht immer leicht: Denn Eltern sind am Geschehen emotional beteiligt. Leidet allerdings ein Kind an Ängsten und bekommt es keine adäquate Hilfe, wiegen die möglichen Langzeitfolgen schwer. Bei manchen Kindern giltes daher die tiefer liegenden Ursachen zu klären und über einen längeren Zeitraum hinweg zu behandeln.

Wie löst man das Problem?

Ein anderer erster Schultag: Chris, neun Jahre alt, hat sich schon wochenlang auf diesen Tag gefreut, der jedes Jahr ein ganz besonderes Erlebnis für ihn ist. Nicht nur, dass er ab heute zu den „Großen“ gehört, weil er in die vierte Klasse seiner Volksschule aufgestiegen ist. Da ist noch etwas anderes, das den ersten Schultag aus seiner Sicht alljährlich überaus erinnernswert macht: Seine Eltern haben es offenbar fertig gebracht, die gesamte bisherige Schulzeit für ihren Sohn zum rundum positiven Erlebnis zu machen. Chris’ Eltern geben ihm durch positiv formulierte Aussagen und ihr großes Interesse zu spüren, dass die Schule ein Ort ist, der für alle spannend sein kann – aber auch lustig und voller neuer Dinge, die ein Kind erfahren darf, ohne dass es langweilig wird. So machen Lernen und Schule sowie das ganze „Drumherum“ auch genug Spaß! Ein „Geheimtipp“ übrigens für alle Formulierungen, die mit Lernen und Schule zusammenhängen: „Du darfst etwas lernen“ statt „Du musst“ … Nirgendwo wird der kleine Unterschied, der so viel ausmacht, deutlicher! Kinder tragen die Neugierde sozusagen genetisch bedingt in sich. Wenn es um die Beseitigung von Angst geht, sollte also auch oberste Priorität sein, diese Neugierde zu stärken …

Drei Lösungsansätze wider die Angst

von Gerhard Spitzer, Familien-Coach und Erziehungsberater

• Gehen Sie während der Schulzeit von Herzen locker, humorvoll und entspannt mit Ihrem Kind um. Ganz automatisch wird sich die Schulangst vermindern oder bald vollständig verschwinden.
• Servieren Sie Ihrem Kind die Schule nicht als Ort der permanenten Anstrengungen: „Ab jetzt musst du …!“ Auch hier können positive Formulierungen den großen Unterschied in der kindlichen Wahrnehmung ausmachen: „Ab jetzt wartet viel Interessantes und Neues auf dich. Ich freu mich schon mit dir darauf …!“
• Lassen Sie Ihr Kind vor allem spüren, dass Sie selbst seine Schulzeit als positiv und schön empfinden. „Papa und ich freuen uns schon so auf deine Schule …“; „Ich bin schon so neugierig, was du als Erstes lernen wirst …“; „Wir freuen uns schon sehr auf deine Klassenlehrer … deine neuen Freunde … auf deine Geschichten!“ Ihre eigene Neugier vermag Ihr Kind um vieles mehr zu motivieren als jede Anspielung auf Gehorsam, Leistung und Erwartung. So bleibt für Schulangst kein Platz mehr!

Für Gerhard Spitzer gibt es „keine schwierigen Kinder, nur schwierige Umstände“! Der Gründer des Vereins KiddyCoach und Autor von „Entspannt Erziehen“ weiß, wovon er spricht: Schließlich kann er auf 26 Jahre Praxis in der außerschulischen Jugendarbeit und im Lehrberuf verweisen. Durch seine humorvollen Vorträge zum Thema „Entspannt Erziehen“ sowie seine Auftritte im Hörfunk ist Gerhard Spitzer einer breiten Zuhörerschaft bekannt.

Buchtipp
Entspannt erziehen. Mit den Augen Ihres Kindes sehen.
Stressfrei reagieren Von Gerhard Spitzer
Ueberreuter Verlag ISBN 978-3-8000-7238-5


Link www.kiddycoach.or.at

 

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Bild: pixabay/PublicDomainPictures

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