Was Kinderzeichnungen verraten

Ermutigen Sie Ihr Kind sich kreativ auszudrücken und helfen Sie ihm damit, seine Gefühlswelt sichtbar zu machen.

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Zeichnungen und Gefühle

Kinder drücken belastende Gefühle oft nicht direkt aus, sondern benutzen eine Zeichnung um sich mitzuteilen. Wenn Eltern lernen diese Botschaften zu verstehen, finden sie einen Zugang zum innersten Wesen des Kindes. Glück, Not, Trauer, Freude und Angst werden in der verschlüsselten Sprache der Bilder erkennbar.
Kinder nehmen die Welt aus einem völlig anderen Blickwinkel wahr als Erwachsene. Das zeigt sich auch in ihren Zeichnungen. Sie hinterlassen im Laufe ihrer Entwicklung “Spuren” auf Papier, die Aufschluss geben können über ihre Empfindungen. Kinderpsychiater Univ. Prof. Dr. Max Friedrich: “Zeichnungen sind für die Gefühle der Kinder die Straße der Befreiung, wenn ihnen die Worte fehlen”.

Seit ungefähr hundert Jahren werden Kinderzeichnungen erforscht. Dabei wurde festgestellt, dass beim Malen in unterschiedlichen Kulturen ähnliche Entwicklungen durchlaufen werden: In der Regel beginnen Kinder im zweiten Lebensjahr mit dem Kritzeln.

Der Stift wird nicht abgesetzt und das Blatt voll gemalt. Mit drei Jahren beginnt das Kind bestimmte Formen zu malen, wobei kaum Ähnlichkeiten mit dem tatsächlichen Objekt zu erkennen sind. Nach diesen ersten Phasen beginnt das gegenständliche Malen.

Zeichnungen und Motive

Folgende Motive tauchen bei allen Kindern im Laufe ihrer zeichnerischen Entwicklung auf:
Kreise – “Kopffüßler”: Der Kreis steht nun für den Menschen, von dem Arme und Beine als Striche abgehen
Tiere: Mit ungefähr fünf Jahren beginnen sie Tiere zu zeichnen, die anfangs von Menschen nicht zu unterscheiden sind – meist ein runder Kopf mit Haaren, Nase, Augen und Mund. Je älter das Kind wird, umso differenzierter werden die Tiere.
Häuser: Im Vorschulalter sind sie wichtige Symbole für Geborgenheit.
Bäume: Die ersten Bäume erinnern an armlose Menschen. Mit ungefähr vier werden sie dann detaillierter gezeichnet.
Blumen: Sie sehen aus wie Sonnen und der Blütenkopf bekommt manchmal Augen.
Fahrzeuge: Oft sind diese erst durch Hinweise des Kindes als solche zu erkennen. So wird ein Rechteck mit zwei Knäueln darunter als Auto bezeichnet, Schiffe gehören zu den Lieblingsmotiven und Flugzeuge sausen über das Papier.

Wie geht das Kind mit Farbe um?

Sobald das Kind beginnt gegenständlich zu zeichnen, wird auch die Farbe interessant. Dann wird alles bunt, wobei die Farbgebung nicht der Realität entsprechen muss. Ab fünf sind dann Gesichter rosa, der Himmel blau und die Sonne gelb. Später werden Farben gemischt, wobei alle möglichen Abstufungen entstehen.

Zeichnungen und Erfahrungen

Trauer: Hannes ist knapp sechs Jahre alt und seine Mutter ist nach langer Krankheit an Krebs gestorben. Er malt auf jedes Papier, das er kriegen kann, schwarze oder braune Hügel. Ganz tief unten zeichnet er eine “Schatzkiste”. “Da ist meine Mama drinnen”, sagt er. Nach einiger Zeit bekam Hannes eine liebevolle Pflegemutter. Sie ist eine sehr warmherzige Frau, die ihn ermutigte seine Trauer zu zeigen. Langsam entstanden fröhlichere Zeichnungen. Immer öfter malte er bunte Blumen und manchmal sprach er davon, dass er diese Blumen für das Grab seiner Mutti pflücken wolle.

Geschwister: Schwester und Brüder lösen in Kindern starke positive oder negative Gefühle aus. “Warum bist du so dick geworden?”, fragt Anni ihre Mutter. Sie malt ihre Mutter mit durchsichtigem dicken Bauch und stellt viele Fragen. Als das Kind dann auf der Welt ist und Anni sich ganz offensichtlich benachteiligt fühlt, malt sie den Kinderwagen alleine inmitten eines Waldes. “Dort haben wir das Baby hingebracht, damit es nicht so stört”, erklärt sie mit ernsthaftem Gesichtsausdruck. Manchmal zeichnen Kinder sich auch mit den Geschwistern, wobei diese unterschiedlich groß dargestellt werden. Das kann heißen, dass der Bruder oder die Schwester entweder als bedrohlich empfunden wird oder aber die Person ist, die sich besonders um das Kind kümmert.

Tiere: Wenn keine schlechten Erfahrungen vorliegen oder Eltern überängstlich reagieren, haben Kinder in der Regel ein sehr gutes Verhältnis zu Tieren. Univ. Prof. Dr. Friedrich: “Wenn Kindern vorgegeben wird etwas zu zeichnen, dass ihnen Freude macht, malen sie meist ein Tier.”

Fernsehen: Malen bietet eine gute Gelegenheit Fernseherlebnisse zu verarbeiten. An Rollenspielen und Zeichnungen ist gut erkennbar, was über den Bildschirm flimmert. Manu und Florian malen Figuren mit Sprechblasen in denen “Peng” steht. Das Fernsehen bietet eine unerschöpfliche Quelle für Kinderbilder. Durch Zeichnungen und begleitende Gespräche können sie Eindrücke besser verarbeiten.

Angst: ist für Kinder ein sehr bedrohliches Gefühl. Martha malt einen riesigen Elefanten und ein Mädchen, das winzig klein ist. “Ich hab Angst, dass der Elefant auf mich tritt”, sagt sie, “einmal hat einer mit seinem Rüssel ein Kind ins Gehege geholt und niemand hat es gesehen. Ich träume die ganze Nacht davon.” Christine malt einen Polizisten und sagt: “Ich habe Angst, dass er mich ins Gefängnis gibt, weil alle Polizisten tun das. Und die schießen auch Leute tot”. Pauli hat Angst vor seiner schreienden Mutter. Er malt seine Mama und aus ihrem Mund kommen “laute Sachen”. Helena malt einen Löwen, der alles “auffrisst, wovor ich Angst habe. Ich kuschle mich an ihn und dann ist alles wieder gut”.
Auch sehr tief liegende Ängste können in Bildern zum Ausdruck kommen. Michael malt den Kindergarten. Er steht ganz alleine davor und dicke Tränen kullern ihm über die Wangen. “Ich habe Angst, dass meine Mama mich nicht abholt. Und der Papa auch nicht.” Seine Eltern sind geschieden und das kann er zur Zeit nicht bewältigen. In der Zeichnung kommt die tiefe Verlustangst zum Ausdruck.

Wünsche: Die Eltern von Kurt streiten sehr viel. Er malt ein Bild, in dem sie sich die Arme entgegenstrecken und in der Sprechblase steht: “Vertragen wir uns wieder?” Babara zeichnet sich und ihren Vater, wie sie Hand in Hand spazieren gehen. Der geschiedene Vater ist zuwenig bei seiner Tochter und die gemeinsamen Unternehmungen sind leider nur Fantasie.

Familiensituationen: Die Familie ist für das Kind das Allerwichtigste. Sonja malt ihr Zuhause. Sie sitzt mit dem Vater auf dem Boden und baut einen Turm. “Die Mama hat nie Zeit zum Spielen, weil sie immer putzen muss. Das ist sehr schade”. Conny malt sich, die Geschwister und ihre Mutter. Der Vater fehlt auf dem Bild. “Er muss immer arbeiten und ist fast nie da”, sagt sie traurig. Peter zeichnet ein Bild, auf dem seine Familie ganz groß gemalt ist. Er selbst kommt zunächst überhaupt nicht vor und dann platziert er sich klein und dünn an den unteren linken Rand. Er ist der jüngste mit großem Abstand zu den anderen Geschwistern und viel allein.

Zeichnungen und Seelenleben

Es ist sehr wichtig Kinderzeichnungen sensibel zu betrachten. Die Kinder offenbaren darin ihre Seele und es ist durchaus sinnvoll, das Geschehen am Bild vorsichtig zu interpretieren. Solange die Zeichnungen bunt und lebensfroh sind, kann man sich daran erfreuen. Doch was bedeutet es, wenn dunkle Farben vorherrschen, unklare Szenen oder diffuse Situationen gemalt werden?

Univ. Prof. Dr. Friedrich: “Kommt das häufiger vor, kann man davon ausgehen, dass das Kind gefühlsmäßig belastet ist und es ihm nicht gut geht. Ich bin aber der Meinung, dass Zeichnungen alleine nicht wirklichen Aufschluss geben. Niemand sollte zum Beispiel nur auf Grund eines Bildes sexuellen Missbrauch vermuten. Wenn hier überinterpretiert wird, kann mehr Schaden als Nutzen entstehen.”

Es ist wichtig zu wissen, dass nicht jede Kinderzeichnung eine tiefe Bedeutung enthält. Kinder malen aus Freude an der Bewegung, aus der Lust heraus Spuren zu hinterlassen, oder weil es im Moment nichts anderes zu tun gibt. Auch wenn ein Bild keine dramatischen Botschaften enthält, wirken “verstandene” Kinderzeichnungen auf die ganze Familie zurück. Bilder sind eine wichtige Möglichkeit, das Gefühlsleben des Kindes zu erfassen und damit eine wichtige Kommunikationsbrücke von Herz zu Herz.


Was Eltern tun können:

Ausreichend Material zur Verfü-gung stellen (verschiedene Stifte, Malfarben, Kreiden, Fingerfarben, Zeichenblock, Tapetenreste, Packpapier…..)
Kleidung bereitstellen, die auch schmutzig werden darf
Nicht korrigieren oder in das Bild hineinmalen
Keine Kritik!
Erklärungen des Kindes zu dem Gezeichneten respektieren
Nicht auf “realistische” Darstellungen drängen
Interesse zeigen.

Foto: vvoe/Shutterstock.com