Wenn Dreizehnjährige sich umbringen wollen …

Österreichs Kinder und Jugendliche leiden wie nie zuvor. Nicht ganz zwei Jahre nach dem ersten Pandemie-bedingten Lockdown wird das Ausmaß der Folgen für die Psyche der jungen Generation immer sichtbarer. Und die Zahlen sind mehr als alarmierend.

Erst vor knapp einem Monat titelte die Tageszeitung Heute „AKH warnt – Suizidversuche von Jugendlichen verdoppelt“. Dem Bericht zufolge wurden allein am Wiener AKH im ersten Halbjahr 110 Jugendliche wegen eines Selbstmordversuches behandelt. Doppelt so viele wie im Jahr zuvor. Laut einem Bericht der Kronen Zeitung zum gleichen Thema war das jüngste Mädchen das versucht hat sich das Leben zu nehmen erst 13 Jahre alt. Andere Kinderärzte sprechen sogar davon, dass selbst Elfjährige versucht hätten sich das Leben zu nehmen.

Nur die Spitze des Eisbergs

Doch die Selbstmordversuche sind nur die Spitze des Eisbergs. Paul Plener, Leiter der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie im Wiener AKH erklärte etwa gegenüber der TV-Sendung Wien Heute. „Wir haben generell sehr viele Jugendliche, die mit depressivem Verhalten kommen – und auch mit akuter Suizidalität. Das hat sich sehr zugespitzt die letzten Monate“. Laut dem ORF-Bericht von Ende November kann das AKH Akutfälle nach wie vor behandeln. Andere Kinder und Jugendliche „die eine stationäre Behandlung bräuchten, aber weniger akut das eigene Leben gefährden, warten mitunter monatelang.“ Eine Situation die sich immer mehr zuspitzt. Die starke Zunahme von Depression haben laut dem Arzt ihren Ursprung sehr häufig in der Pandemie, mit dem Wegfallen von sozialen Kontakten und aktuellen Tagesstrukturen.

16 % der Jugendlichen haben Selbstmordgedanken, 55% haben Depressionen

Dass die Pandemie und die damit verbundenen Maßnahmen gravierende Auswirkungen auf die Psyche der Kinder und Jugendlichen haben ist indes schon länger bekannt. Bereits im Februar 2021, also nicht ganz ein Jahr nach Ausbruch der Pandemie förderte eine Studie unter 3052 Schülerinnen und Schülern (unter 14 Jahren) Erschreckendes zu Tage. Der Studienautor Paul Plener warnte schon damals: „Ganz besonders alarmierend ist die Tatsache, dass rund 16 Prozent entweder täglich oder an mehr als der Hälfte der Tage suizidale Gedanken angeben. Das ist im Vergleich zu den letzten verfügbaren Daten aus Österreich ein deutlicher Anstieg.“ Weitere Ergebnisse: 55 Prozent der befragten Jugendlichen litten unter einer depressiven Symptomatik, die Hälfte unter Ängsten und ein Viertel unter Schlafstörungen. Durchgeführt wurde die Studie von der Donau Universität Krems in Kooperation mit der Medizinischen Universität Wien.
Univ.-Prof. Dr. Christoph Pieh (Professor für Psychosomatische Medizin und Gesundheitsforschung an der Donau-Uni) meinte: „Die Ergebnisse machen eines klar: Hier besteht dringender Handlungsbedarf, und zwar an ganz unterschiedlichen Stellen. Es ist ein dringender Appell, bei zukünftigen Entscheidungen die psychosozialen Folgen der Pandemie stärker zu berücksichtigen.“ Neben der raschen psychischen Betreuung sollte aus seiner Sicht auch die körperliche Bewegung gefördert werden.

Eine Art Triage

In einem Interview mit der deutschen Wochenzeitung „DIE Zeit“ erklärte Studienautor Plener im März 2021, dass sich in den Kinder- und Jugendpsychiatrien bereits Anfang des Jahres 2021 gezeigt habe, dass die schweren psychiatrischen Symptome angestiegen sind. Plener im Interview: „Im Jänner waren wir im AKH Wien, aber auch in vielen anderen Kliniken deutlich überbelegt.“ Auf die Frage ob das AKH Jugendliche wegschicken musste erklärte Plener damals: „Ja. Es kam zu einer Art Triage – nicht nur bei uns im AKH, sondern auch in den anderen Kinder- und Jugendpsychiatrien in Österreich. In unserem Fach gibt es generell wenige Plätze, wir sind auch zu Normalzeiten gut ausgelastet. Im Jänner war der Ansturm an Patienten dann so groß, dass wir überlegen mussten, wer stationär behandelt werden kann und wer nicht.“

Psychotherapie: Nichts für arme Leute

Doch nicht nur in den Krankenhäusern und Kliniken Österreichs, dort wo die schwersten Fälle psychischer Erkrankungen behandelt werden, hat sich die Lage dramatisch zugespitzt. Auch bei den niedergelassenen klinischen Psychologen sind Behandlungsplätze nur schwer bzw. wenn überhaupt verbunden mit langen Wartezeiten zu ergattern. Dazu kommen die Kosten, die speziell von wirtschaftlich benachteiligten Familien nur schwer bis gar nicht aufgebracht werden können. Zum Hintergrund: Um in den „Genuss“ eines Psychtoherapieplatzes zu kommen muss eine sogenannte „krankheitswertige Störung“ diagnostiziert werden. Zusätzlich unterliegen vollfinanzierte Psychotherapieplätze in Österreich einem Kontingent und sind häufig mit einer Wartezeit verbunden. Wer mit seinem Kind zu einem Therapeuten seiner Wahl marschiert bekommt – je nach Krankenkasse – 30 bis 50 Euro zurück. Die Kosten je Einzelstunde liegen bei an die 100 Euro. Für eine durchschnittliche Behandlung von 15 Stunden müssen Eltern also mit selbst zu bezahlenden Kosten zwischen 750 und 1050 Euro rechnen. Kein leicht zu bewältigendes Unterfangen.

Absurde Situation

Für die Psychologin Caroline Culen, Geschäftsführerin der Liga für Kinder- und Jugendgesundheit ist es nicht zuletzt deshalb absurd, dass psychosoziale Versorgung in Österreich für Kinder und Jugendliche nach wie vor nicht über die E-Card möglich ist. In einer einer entsprechenden ORF-Geschichte vom 21.Dezember 2021 heißt es außerdem: Für ein Kind, das in eine Depression schlittert, müsse schnelle Hilfe und Unterstützung ohne lange Wartezeiten möglich sein. „Privat können sich das viele Familien nicht leisten.“ Außerdem müsse die psychosoziale Unterstützung „zu den Lebensorten der Kinder und Jugendlichen kommen, zu den pädagogischen Einrichtungen, zu den Freizeiteinrichtungen und in die Familien“. „Kinder und Jugendliche sind keine Anhängsel von Erwachsenen, sondern eine große Bevölkerungsgruppe, die sehr informiert und sehr engagiert ist“, so Culen gegenüber dem ORF (orf.at: „Aufwachsen in einer instabilen Welt“)

Weiterführende Stories:

DIE ZEIT: „Wir haben sehr genau die Suizidstatistik im Auge“ Interview mit Paul Plener, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Wiener AKH vom 11. März 2021.

Donauuniversität Krems: „16 Prozent der SchülerInnen haben suizidale Gedanken“ Presseaussendung vom 2.3.2021

fratz.at: „Wie es den Kindern geht wird ausgeblendet“ – Interview mit der klinischen und Gesundheitspsychologin Judith Raunig u.a. zum Film „Lockdown Kinderrechte“ vom April 2021

 

Foto: pixabay/drabbitod

 

 

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