Spiel mit mir!

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„Wenn ich Rollenspiel oder Verkleiden höre, stellt’s mir alle Haare auf“, gestand mir meine Freundin B., als ihre Kinder vier und sechs Jahre alt waren. Und ich – damals noch Mutter eines vier Monate alten Frischlings und vollgelesen mit Elternratgebern – dachte: Rabenmutter! Heute, 13 Jahre später und ein weiteres Kind reicher, meine ich: Die Aussage könnte von mir sein. Gott sei Dank haben meine Jungs schon sehr früh begonnen, ihre Dinos, Pokemons, Gogos, Bionicles miteinander in Schlachten zu führen, Gut und Böse zu definieren, Kampfregeln aufzustellen und ob deren einseitiger Korrekturen ihre Konflikte auszutragen.

Auch die emsig angeschafften Fachbücher von „Spielen durch die Jahreszeiten“ über „Die schönsten Spiele im Freien“ bis „Wie fördere ich mein Kind durch Spiele“, wurden zwar konsumiert … Aber zur Umsetzung von mehr als ein zwei Tipps sind wir nie gekommen.

Hingegen erinnere ich mich an die schönsten Spiele-Abende zu dritt, zu viert oder mit einer befreundeten Familie. Die werden mir mittlerweile zu rar – mangels Interesses meiner Kids. Das liegt nach intensiven Ausflügen in die Welt der Pokemon- und Yugioh-Kartenspiele mittlerweile im Table-Top-Bereich zwischen „Heroescape“ und „Herr der Ringe“ – eine Leidenschaft, die sie glücklicherweise mit ihrem Vater teilen. Angesichts der vier Kilo schweren Regelbücher tröste ich mich über den Frust, mit meiner Lust auf Activity und Rummikub regelmäßig abzublitzen, mit ausgedehntem Relaxen in der Badewanne hinweg.

Tatsächlich ist es in unserer rasenden und hektischen Gegenwart für Eltern nicht einfach, über Beruf, Schule, Fußballtraining und Legastheniestunde hinaus die Zeit für ausgedehnte Spielaktivitäten zu finden. Doch das gemeinsame Spielen ist ein ganz wichtiges Ritual, das den Kindern die kostbare ungeteilte Aufmerksamkeit der Eltern sichert – und den Eltern ermöglicht, ihr Kind ganz intensiv zu erleben.

Qualität vor Quantität

Schon im alten Ägypten und Mesopotamien (dem heutigen Irak) erfreuten sich die Menschen an Brettspielen. Auch der kubische Würfel, wie wir ihn heute kennen, war bereits bekannt (siehe Kasten „Eine kleine Geschichte des Spiels“). Noch heute ist – trotz mancher Unkenrufe von wegen Kinder mit quadratischen Fernsehaugen – laut einer aktuellen Studie aus dem Hause Lego das Spielen von Gesellschaftsspielen die häufigste gemeinsame Freizeitaktivität in der Familie. Betonung auf gemeinsam. Aus derselben Studie geht übrigens hervor, dass nur knapp 40 Prozent der deutschen Familien mehr als zehn Stunden pro Woche gemeinsam verbringen. Die zweithöchste Nennung waren vier bis sieben Stunden (ca. 27 Prozent). Diese knappe Zeit gilt es gut zu nützen!

Das tun vor allem berufstätige Eltern, speziell teilzeitbeschäftigte Mütter, wie Ass.-Prof. Mag. Dr. Harald Werneck, Klinischer Psychologe und Gesundheitspsychologe am Institut für Entwicklungspsychologie und Psychologische Diagnostik der Uni Wien, ausführt: „Aus einer älteren AK-Studie wissen wir, dass etwa auch teilzeitbeschäftigte Mütter absolut gesehen sogar mehr Zeit ausschließlich ihren Kindern widmen (u. a. mit Spiel) als Mütter, die ausschließlich zu Hause beim Kind sind; die Zeit wird also intensiver und bewusster genützt.“

Eltern oder Freunde

Und dazu eignet sich das Spielen ideal. Wobei es natürlich vom Alter des Kindes abhängt, welche Form des Spiels wichtig ist. Gehört zuerst das In-den-Mund-Nehmen, Tasten, Visuell-Erkennen und Unterscheiden zu den „spielenden“ Lernaktivitäten eines Kindes, werden zunehmend die Beschäftigung mit Gegenständen, die in ihrer eigentlichen Funktion genutzt werden, und dann auch das Spiel mit anderen Kindern wichtig (siehe dazu Kasten Spiele nach Entwicklungsphasen).

Mag. Marianne Mairhofer-Dornauer, Klinische Psychologin sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin: „Von Beginn an können Kinder mit Gleichaltrigen andere Erfahrungen machen als mit Eltern – wichtiger werden Gleichaltrige ab der Pubertät, da es dann um die Ablösung von den Eltern geht. Bis dahin ist es immer gut, beide Erfahrungsbereiche zu haben.“ In dieser Lebensphase werden Eltern dann eher peinlich – sind aber höchst willkommen (und sollten auch da sein), wenn es ums Lösen von Problemen und ums Loswerden von psychischen Lasten geht.

Bis dahin ist das regelmäßige gemeinsame Spiel aber in vielerlei Hinsicht wichtig: als haltgebendes Ritual, zum Sammeln von grundlegenden Erfahrungen für den Alltag (Teamfähigkeit, Ideenentwicklung, Konzentration, Zuhören, dem Umgang mit Sieg und Niederlage und dem Akzeptieren von Regeln), zur Schulung des Gedächtnisses, des logischen Denkens und zum Entwickeln von Phantasie.

Und Eltern können dabei ganz viel über ihre Kinder lernen. So kommen oft ganz überraschende Erkenntnisse zutage. Meine Freundin S. beispielsweise erzählte mir über ihre Überraschung, als ihre damals fünf Jahre alte Tochter, die immer gerne mal die Regeln zu ihren Gunsten interpretierte, plötzlich beim Spielen meinte: „Mama, schummeln darf man aber nicht!“

Mairhofer-Dornauer nützt in ihrer psychotherapeutischen Praxis den natürlichen Zugang des Kindes zum Spiel bei der Spieltherapie: „Hier können die Kinder ihre Probleme, ihre Traumata oder einfach ihr Erleben mit unterschiedlichsten Materialien im Spiel ausdrücken (zuerst auch mal ohne Sprache). Im nächsten Schritt kann die Therapeutin im gemeinsamen Spiel mit dem Kind, innerhalb des Spiels mit dem Kind neue Herangehensweisen oder Lösungen ,erspielen‘. Der Prozess des Spielens alleine wirkt schon positiv, da es eine Ausdrucksmöglichkeit ist, mit der das Kind ernst genommen und damit das Selbstvertrauen der Kinder gestärkt wird.“ Sieg und Niederlage Dabei wird das Selbstvertrauen beim Spielen aber auch auf die Probe gestellt. Laut der Lego-Studie, die anlässlich der Lancierung der ersten zehn Lego-Gesellschaftsspiele beauftragt wurde, lassen durchschnittlich 40 Prozent der Eltern ihre Kinder bewusst gewinnen. Ob das gut ist, hängt laut Werneck „sehr vom Entwicklungsstand und den individuellen Bedürfnissen und emotionalen Kompetenzen des Kindes ab, aber auch von situativen Gegebenheiten. Wenn das Kind etwa (emotional) überfordert ist, weil es oft verloren hat (oder gerade vom älteren Geschwister verspottet wurde etc.), kann man es durchaus einmal gewinnen lassen, aber nicht zu oft“, meint der Psychologe.

Dabei ist auch zu beachten, dass das Nichtverlieren-Können meist tiefere Ursachen hat, wie auf der Homepage des Frankfurter Vereines „Mehr Zeit für Kinder e.V.“ zu lesen ist: „Schuld ist nicht das Spiel. Es bringt nur ans Tageslicht, was im Kind schlummert. Vielleicht ist das Selbstwertgefühl zu hoch oder zu niedrig? Kann es sein, dass das Kind nur nicht daran gewöhnt ist, auch mal einen Wunsch nicht erfüllt zu bekommen? Oder hat es das Gefühl, dass es immer und ständig Pech hat, auch im richtigen Leben?“

Mairhofer-Dornauer meint, dass es durchaus sinnvoll ist, Kinder bis rund sechs bis sieben Jahre auch mal bewusst gewinnen zu lassen. „Denn erst ab diesem Alter versteht das Kind, dass verlieren nicht heißt dass ich immer verliere, sondern dass es von unterschiedlichen Faktoren abhängt und in der nächsten Spielrunde das Glück auf meiner Seite sein kann“, meint die Gesundheitspsychologin. Danach sollte man das Kind allerdings langsam darauf hinführen, dass man den Spielverlauf nicht mehr beeinflusst und es den „normalen“ Regeln folgt. Laut Psychologin Mairhofer-Dornauer ist allerdings das Vorbild der Eltern besonders wichtig. „Wenn diese selbst nicht verlieren können und z. B. dann schimpfen oder traurig sind, kann man nicht vom Kind verlangen, dass es das einfach so hinnimmt“, erörtert sie und ergänzt, man müsse dem Kind auch erklären, dass jeder lieber gewinnen möchte und niemand sich darüber freut, wenn er verliert, aber man damit zurechtkommen kann. Denn das Glück ist bei jeder Runde anders aufgeteilt. „Und auch wenn ein Kind bei einem Geschicklichkeitsspiel verliert, ist es wichtig, ihm zu erklären, was es dafür alles gut kann – und dass niemand alles gut kann“, rät die Psychotherapeutin. Wie wahr – wenn ich da an die Table-Top-Regelbücher denke …

fratz tipps

Spielen ist Lernen von Beginn an
Wie Kinder in den jeweiligen Entwicklungsphasen spielend die Welt entdecken

Erkunden von Gegenständen
Oral (ab der Geburt), manuell (5.–15. Monat) und visuell (intensiv zwischen dem 7. und dem 9. Lebensmonat): unter anderem Unterscheidung zwischen Formen und Farben.

Spiel mit Mittel-zum-Zweck-Charakter Beginnt um den 8. bis 10. Monat: Das Kind drückt am Lichtschalter – das Licht geht aus
und an.

Entwicklung der Objektpermanenz
Ab ca. 9 Monaten: Das Kind erinnert sich an etwas, auch wenn es weg ist. Wenn etwa ein Ball wegrollt, beginnt es danach zu suchen. Typisch in dieser Phase: „Guck-Guck-Spiel“. Im Laufe der Entwicklung übernehmen die Kinder eine immer aktivere Rolle, zweijährige Kinder lieben es etwa, sich zu verstecken und suchen zu lassen.

Spielverhalten mit räumlicher Charakteristik
„Inhalt-Behälter-Spiel“ – ab ca. 18 Monaten: Durch spontanes Kippen eines Behälters wird etwa die darin enthaltene Kugel herausbefördert.

Vertikales Bauen: Zwischen 18 und 24 Monaten möchte das Kind alles stapeln. Horizontales Bauen: Zwischen 24 und 30 Monaten löst das Zugspiel den Turmbau ab. Vertikales/Horizontales Spielen: Mit ca. 2,5 Jahren baut es etwa eine Mauer.
Mit 24 bis 27 Monaten ist sein räumlichfunktionelles Verständnis so weit ausgebildet, dass es beim Spiel mit Puppenmöbeln die Sessel zum Tisch stellt, den Tisch deckt und die Puppen zum Tisch setzt.

Dreidimensionales Bauen: ab ca. 3–4 Jahren. Bis zum 5. Lebensjahr ist das räumliche Vorstellungsvermögen so weit ausgebildet, dass das Kind mit Bausteinen, Lego oder anderen Materialien komplexe Gebilde wie Häuser und Autos bauen kann.

Kategorisieren
Zwischen 18 und 24 Monaten erkennen Kinder, dass die Gegenstände durch verschiedene Eigenschaften ähnlich sind (wirkt wie Ordnungssinn).

Spielverhalten mit Symbolcharakter:
Funktionelles Spiel: Etwa zwischen 12 und 18. Lebensmonat beginnt das Kind Gegenstände funktionell richtig zu verwenden – so fährt etwa ein Auto hin und her. Repräsentatives Spiel: um den 12. bis 18. Lebensmonat. Die ersten Schritte für Symbolfunktionen – z. B. mit dem Löffel essen – kann das Kind nun nicht nur bei sich selbst, sondern auch bei anderen anwenden, etwa indem es die Mutter füttert oder die Haare des Vaters kämmt. Im nächsten Schritt (repräsentatives Spiel I) überträgt es die Handlungen auch auf die Puppe.

Sequenzielles Spiel
Mit 21 bis 24 Monaten beginnt das Kind Handlungen nachzuahmen, indem es mit den Puppen eine Szene nachspielt

Symbolisches Spiel
Ca. zwischen 24 und 30 Monaten: Das Kind setzt beispielsweise eine Puppe in einen Schuh und stellt sich vor, er wäre ein Auto. Rollenspiel entwickelt sich zwischen dem 3. und 5. Lebensjahr: Das Kind bezieht andere ins Spiel mit ein und plant das Spiel auch mit ihnen. Alles kann gespielt werden, auch ohne Materialien („Tun wir so, als ob ich die Ärztin wär“, „Tun wir so, als ob ich telefonieren tät“).

Mag. Marianne Mairhofer-Dornauer nach: Remo Largo, Caroline Benz „Spielend lernen“, in: „Spiel und Kreativität in der frühen Kindheit“ von Mechthild Papousek und Alexander von Gontard (Hg), Klett-Cotta-Verlag 2003

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Foto: Shutterstock.com Monkey Business Images

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