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Zappel-Philipp und Hans-Guck-in-die-Luft

Zappel-Philipp und Hans-Guck-in-die-Luft

Für Kinder, die in der Schule "auffällig" sind, zeigen Erziehungsberaterin Andrea Zwettler und Ganzheitsmedizinerin Birgit Brandner einen Weg ohne Medikamente. Die beiden Expertinnen über das Beispiel der kleinen Sophie.
Zappel-Philipp“ oder „Hans-Guck-in-die-Luft“ sind gerne verwendete Begriffe für Kinder, die in der Schule entweder ein wenig verträumt sind oder einfach mit den Gedanken bei ganz vielen anderen Sachen, nur nicht beim öden Lehrstoff sind. „Meine Tochter Sophie geht jetzt in die 2. Klasse Volksschule und bei ihr ist ein Konzentrationsproblem, ja eigentlich ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom festgestellt worden“, erzählt Sabine, die Mutter des 8-jährigen Mädchens. Sie muss handeln, denn das „Problem“ wird ihr von den Lehrern aufgezeigt. „Ich soll ihr doch ein Medikament besorgen, hat es in der Schule geheißen, aber ich will das einfach nicht,“ sagt sie ein wenig trotzig. Computer müssen funktionieren, U-Bahnen regelmäßig fahren und alles soll im Maximaltempo passieren. Diese Erwartungshaltung des schnellen und problemlosen Funktionierens wird in unserer Gesellschaft auch auf Kinder übertragen. Die Versuchung, das „Nichtnormale“ schnell und einfach mit Medikamenten zu beheben, ist groß. Oft heißt es dann: Ein unruhiges oder unkonzentriertes Kind hat ein Aufmerksamkeitsdefizit- und/oder Hyperaktivitätssyndrom, in der Fachsprache auch AD(H)S genannt.

Der Kurzschluss "Auf ADHS folgt eine medikamentöse Behandlung" ist bereits hartnäckig im klinischen und schulischen Alltag verankert. In den letzten 20 Jahren hat sich die Menge der verschriebenen Präparate in Deutschland verfünfzigfacht! Das beliebteste Mittel zur Behandlung von AD(H)S nennt sich Ritalin. Ritalin unterliegt dem Suchtmittelgesetz und hat viele Eigenschaften, die Kokain ähneln. Dies bleibt nicht ohne Folgen: Mit Ritalin behandelte Kinder werden später im Leben eher dazu neigen, vom Rauchen oder anderen stimulierenden Substanzen abhängig zu werden. Dabei gab es bisher noch keinen Nachweis, dass eine Behandlung mit Ritalin einer langfristigen schulischen Leistungsbesserung dient. Deswegen Achtung: Kinder werden öfters in einem Schnellschussverfahren analysiert und in eine Schublade gesteckt. Tatsächlich sind aber die Situationen vielfältiger, sodass man sich ruhig ein wenig Zeit nehmen sollte, um nicht nur Symptome, sondern Ursachen zu beheben - und damit die seelische Gesundheit des Kindes langfristig zu sichern.

Konzentration ist ein Prozess

Konzentration ist nicht angeboren, sondern eine Fähigkeit, die Kinder erst beim Spielen und in der Schule erlernen. Es gibt einen stetigen Wechsel zwischen Phasen mit hoher und geringer Konzentration. Untersuchungen zeigen, dass die Zeitspanne, in der Kinder ihre Aufmerksamkeit voll ausrichten können, recht kurz ist. Wenn nun bei einem Kind Konzentrations- bzw. Aufmerksamkeitsstörungen auftreten, so sind in den meisten Fällen seelische oder körperliche Ursachen verantwortlich. Und beides gehört abgeklärt.

Bei der Erziehungsberatung

Sabine hat sich im Internet und bei ihrem Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde über eine medikamentöse Therapie informiert und sich dagegen entschieden. Im Gespräch mit der Erziehungsberaterin erfährt Sabine, dass aus Sicht der psychoanalytischen Pädagogik AD(H)S keine Begründung für ein bestimmtes Verhalten ist. Mit dieser Diagnose fängt unser Nachdenken erst an: Warum zeigt Sophie dieses Verhalten? Seit wann sind diese Probleme überhaupt zu beobachten? Es geht um die Entwicklung von Hypothesen, welche zum Verstehen des Kindes beitragen sollen. Die Sichtweise der Eltern und die Verknüpfung der Lebensgeschichte des Kindes mit entwicklungspsychologischen Zusammenhängen stehen im Fokus. Die Lehrerin ist informiert und der Druck in der Schule lässt nach. Da Sophie nun in „Behandlung“ ist, entspannt sich die Lage bereits ein wenig. Und das hilft schon einmal ordentlich. In Bezug auf die familiäre Situation stellt sich heraus, dass sich die Eltern kurz vor dem Schuleintritt getrennt haben. Sophie hat auf die S tuation der Scheidung und den Auszugs ihres Vaters nicht sichtbar reagiert. Erst seit einigen Wochen würde sie die Mama immer wieder fragen, wann der Papa wieder nach Hause kommen würde. Dabei fällt der Mutter auf, dass dies ungefähr der Zeitpunkt war, wo die Lehrerin ihr mitgeteilt hatte, Sophie würde sich in der Schule kaum konzentrieren können, sie wirke oft „wie abwesend“. Ein Ansatzpunkt, der in weiteren Gesprächen mit den Eltern vertieft und dann gemeinsam mit Sophie besprochen werden kann. Denn die Wahrnehmung von Sophie ist hier das Entscheidende, gesucht werden ihre Ängste, Sorgen und Befürchtungen. Um dieses Bild diagnostisch zu komplettieren, schließen dann einige Stunden mit Sophie an. Dabei werden unterschiedliche Tests durchgeführt, unter anderem solche, mittels derer man einen Einblick bekommen kann, wie sie die Welt wahrnimmt und erlebt, was ihre Ängste, Sorgen, Befürchtungen sind. Und um es vorwegzunehmen: Sophie konnte geholfen werden. Indem man ihr geholfen hat, ihre Sorgen besser zu verarbeiten, wurde der Weg freigemacht, sich wieder auf das Neue zu konzentrieren und den Blick nach vorne zu richten.

Bei der Ganzheitsmedizinerin

Über das Internet und spezielle Elternforen hat Sabine erfahren, dass auch bestimmte Nährstoffmängel sich auf das Verhalten von Sophie auswirken können. Jeder Entwicklungsschritt eines Kindes hängt davon ab, wie gut sein Gehirn funktioniert. Es gibt Nährstoffe für das Gehirn – essentielle Fettsäuren, Vitamine, Mineralien, Spurenelemente, Aminosäuren – die absolute Voraussetzung sind, damit das Kind sein volles Potential entfalten kann. Sabine versteht nicht, wie es sein kann, dass Sophie an solchen Mängeln leidet, wo sie doch sehr auf gesunde Ernährung bedacht ist. Leider hat durch Umwelteinflüsse der Gehalt an Mikronährstoffen in unseren Lebensmitteln drastisch abgenommen, Mangelerscheinungen häufen sich. Aber auch durch körperliche Belastungen und psychischen Stress – wie im Fall von Sophie – können Mangelerscheinungen entstehen oder verstärkt werden. „Wissenschaftliche Studien zeigen, dass bei Kindern mit verminderter Konzentrationsfähigkeit die Versorgung mit bestimmten Nährstoffen deutlich niedriger ist, als bei Kindern mit guter Konzentrationsfähigkeit.“, wird Sabine erklärt. „Und diese Nähstoffmängel wirken sich nicht nur auf die Leistungen des Gehirns aus, sondern auch auf die allgemeine Gesundheit und die körperliche Entwicklung des Kindes.“ So konnte in Untersuchungen ein Zusammenhang zwischen der Versorgung der Kinder mit B-Vitaminen und essentiellen Fettsäuren und ihren Schulnoten hergestellt werden. Selbst geringfügige Mängel an B-Vitaminen können nämlich geistige Abläufe deutlich beeinträchtigen. Essentielle Fettsäuren wiederum sind der „Baustoff“ des Gehirns. Viele Mütter kennen den Umstand, dass sie in der Schwangerschaft plötzlich sehr vergesslich waren. Diese sogenannte „Schwangerschaftsdemenz“ kommt daher, dass das Baby dem Gehirn der Mutter die Fettsäuren raubt, um sein eigenes aufzubauen. Durch eine Blutabnahme und Analyse im Labor können Mangelerscheinungen nachgewiesen werden. Bei Sophie wird ein Mangel an Zink, Eisen und Magnesium festgestellt. Dieser kann zu Motivations- und Konzentrations örungen, Rastlosigkeit und Schlaflosigkeit führen. Sophie erhält nun die ihr fehlenden Stoffe in Tropfen- oder Kapselform. Das Erkennen und Korrigieren des Ungleichgewichtes verbessert ihre Aufmerksamkeit, ihre Konzentration und ihr Verhalten. Sophie und seine Eltern waren froh, das Problem an der Wurzel gepackt, und nicht nur das Symptom bekämpft zu haben.


Dr. Birgit Brandner
ist Allgemeinmedizinerin in Wien mit den Schwerpunkten Orthomolekulare Medizin und Akupunktur. Sie beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Mikronährstoffen und deren Einsatz in Prävention und Therapie. Mit den zusätzlichen Ausbildungen in Mikroimmuntherapie und Darmdiagnostik ist es ihr möglich, gesundheitliche Probleme ganzheitlich zu betrachten und dementsprechend zu behandeln.
Weitere Informationen zur Autorin finden Sie unter: www.aktivesleben.at


Mag. Andrea Zwettler
ist Diplompädagogin und Erziehungsberaterin in freier Praxis in Wien. Ihre Schwerpunkte sind Erziehungsberatung (u.a. bei Scheidung/Trennung, AD(H)S) sowie die Förderung von Kindern mit Schulproblemen (u.a. mittels therapeutischem Zaubern). Aufgrund ihrer langjährigen Tätigkeit ist ihr die Vorbeugung von Entwicklungs- und Lernproblemen ein großes Anliegen. Sie berät daher einerseits bereits werdende Eltern und Eltern von Babys in Bezug auf Fragen zur Entwicklung und Erziehung und arbeitet andererseits mit Kindern, die hinsichtlich ihrer Vorläuferfähigkeiten für Lesen, Schreiben und Rechnen lernen noch Förderung benötigen, um einen guten Schulstart zu haben. Die Autorin ist auch als Kinderbeistand tätig.
Weitere Informationen zur Autorin finden Sie unter:
www.erziehungsberatungspraxis.at


Text: Priska Reich
Fotos: Gladskikh TatianaSuzanne Tucker, Shuravaya - shutterstock.com

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