Burnout bei Kindern – wenn das Leben zu sehr stresst

Stress in der Schule, eine immer mehr auf Leistung getrimmte Umwelt und der Verlust von sozialen Kontakten im Zuge der Pandemie. Auch bei Kindern und Jugendlichen ist Burnout längst ein ernstzunehmendes Thema geworden.

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Burnout durch Überbelastung am Arbeitsplatz ist in aller Munde. Doch nicht nur Erwachsenen macht Stress zu schaffen. Auch immer mehr Schulkinder sind davon betroffen: Schon vor einigen Jahren warnte die APP, der Arbeitsgemeinschaft für Präventivpsychologie, dass bereits bereits jedes dritte Schulkind über zehn Jahren massiv unter Stress leidet. Dem nicht genug: Rund 60.000 österreichischen Schülern droht laut APP ein Burnout mit gravierenden Folgen.

Dass die Zahlen der österreichischen Psychologen nicht aus der Luft gegriffen sind, zeigt eine forsa-Erhebung, die vor einiger Zeit in Deutschland durchgeführt wurde. Sie kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Bei der im Auftrag der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK) durchgeführten Untersuchung meinten 42 % der Eltern, dass sie bei ihren Kinder Stresssymptome bemerken, bei jedem fünften Kind treten sie sogar häufig bis sehr häufig auf. Fast noch alarmierender ist, dass laut dieser Erhebung 12 % der gestressten deutschen  Schüler Medikamente schlucken, um mit der Belastung in der Schule fertig zu werden.

Die Corona-Krise hat die Situation noch einmal verschärft. Bei einer im Jahr 2021 durchgeführten fora-Umfrage meinten  77 Prozent der rund 1.000 befragten Mütter und Väter sagen, dass die Pandemie ihr Kind belastet und zusätzlichen Stress auslöst. In der Gruppe der Eltern von Zehn- bis Zwölfjährigen haben dies sogar 83 Prozent beobachtet. Viele Eltern befürchten durch die Krise zudem langfristige negative Folgen für ihr Kind.

Veränderte Bedingungen

Ursache für die Stresssituation vieler Kinder und Jugendlicher ist nicht, dass in der Schule mehr gelehrt wird als früher. „Die Anforderungen sind nicht größer geworden, sie sind anders geworden“, erklärt etwa die Wiener Psychologin und Pädagogin Michaela Ziegler. Sehr ähnlich äußert sich Brigitte Bösenkopf, Psychologin bei APP: „Nicht die Schule wurde strenger, sondern die gesamten Rahmenbedingungen“, sagt  sie. Die familiäre Situation und Stress der Eltern, der aufs Kind übertragen wird, sind nach Meinung der Psychologen entscheidende Faktoren: „In einer gestressten Umgebung aufzuwachsen, ist keine ideale Basis“, meint Bösenkopf. Eine wesentliche Rolle spielt auch der Leistungsdruck unserer Gesellschaft.
Viele Eltern glauben, dass Schulerfolg  unbedingte Voraussetzung für einen guten Job sei. Das schafft hohen Erwartungsdruck. Dazu kommt, dass Kids heute viel weniger Freizeit haben, um ungestört zu spielen und ihren ganz persönlichen Interessen nachzugehen. „Unbedingt ein Musikinstrument lernen, alle Sportarten beherrschen, auch das kann Stress für Kinder bedeuten“, meint Bösenkopf. Fatal ist, dass die meisten Kids gegen zu große Belastungen nicht protestieren, sondern bestrebt sind, die Erwartungen der Eltern zu erfüllen, weiß Bösenkopf: „Wenn Eltern wenig Zeit für Ihre Kinder haben, glauben diese, dass sie über Leistung jene Anerkennung und Zuneigung erhalten, die sie vermissen.“

Den Weg bis zum völligen Burnout-Zusammenbruch hat Psychologin Bösenkopf in zwölf Schritte unterteilt. Die ersten Warnzeichen zeigen sich schon relativ früh: Schlafstörungen, Verspannungen, Kopfschmerzen, Bauch- und Magenschmerzen. „Das sind deutliche und starke Signale, die Eltern ernst nehmen müssen“, meint Bösenkopf. Spätestens jetzt sollten Mutter oder Vater den Dialog mit ihrem Kind suchen. In verständnisvollen, aber zugleich unaufdringlichen Gesprächen soll dem Kind ein Gefühl der Sicherheit vermittelt und ihm gezeigt werden, dass man seine Probleme und Gedanken ernst nimmt.

Dem Kind Rückhalt geben

„Geborgenheit, Vertrauen, Wertschätzung, Mitbestimmung des Kindes sind die richtigen Motivationsfaktoren und nicht falsch verstandener Leistungsdruck“, sagt Michaela Ziegler. Gefördert werden sollten von den Eltern nach Meinung der Psychologin und Pädagogin auch Ruhezeiten, Sport, Treffen mit Freunden, „all das macht Kinder psychisch stark“, so Ziegler. Wurde die Kontaktaufnahme in der ersten Phase versäumt oder war sie nicht erfolgreich, steigern sich die Warnzeichen. Das Kind wird aggressiver und nervös, es bricht den Kontakt mit Freunden  weiter ab und zieht sich immer mehr zurück. Die schulischen Leistungen müssen in dieser Phase nicht unbedingt schlechter werden. Im Gegenteil: Der Drang, Leistung zu erbringen, steigert sich oft zur regelrechten „Lernsucht“. In der nächsten Phase kommen Angst und Panikattacken sowie Suchtverhalten.  Das kann Ess- oder Internetsucht sein, Kaufrausch und bei Drogen sowie Alkohol. Am Ende droht das Burn-out, das im schlimmsten Fall zum totalen Zusammenbruch des Schülers führen kann.

Hilfe suchen

Je früher man in diese Entwicklung eingreift, desto leichter lässt sie sich  stoppen. Kommen Eltern mit den Problemen des Kindes nicht zurande, sollten sie sich nicht scheuen, professionelle Hil fe in Anspruch zu nehmen. Es empfiehlt sich, Kontakt mit einem Vertrauenslehrer aufzunehmen. Auch der schulpsychologische Beratungsdienst bietet Unterstützung. Wer hier nicht die richtigen Ansprechpartner  findet, sollte einen Psychologen oder -therapeuten kontaktieren: „Es ist nicht  ungewöhnlich, dass Eltern mit gewissen  Situationen überfordert sind“, sagt Michaela Ziegler, „aber wie man bei einer Grippe mit dem Kind zum Arzt geht, sollte man auch bei psychischen Problemen den entsprechenden Spezialisten kontaktieren.“ Vor allem in frühen Phasen der Burnout-Kette helfen oft schon wenige Beratungsgespräche. Eine bessere Organisation von Lernen und Freizeit, eine andere Einstellung zum Lernerfolg, einfache Entspannungsübungen und vor allem eine auf eine neue Vertrauensbasis gestellte Beziehung zu den Eltern sind dabei die wesentliche Eckpunkte. Lernen mit der richtigen Motivation ist nämlich keineswegs Stress, sondern Lust: „Kinder sind neugierig, sie kommen in die Schule und wollen etwas lernen, zu Schulstress kommt es nur, wenn Druck und Angst da sind“, meint die Psychologin Ziegler.

Andauernder Stress, Druck und Angst sind die schlechtesten Begleiter für Schüler: „Stresshormone haben eine fatale Auswirkung auf die Gedächtnis- und Konzentrationsleistung, Dauerstress führt zu Persönlichkeitsveränderungen und hat auch Auswirkungen auf die Gesundheit“, erklärt Psychologin Bösenkopf. Wobei ganz ohne Stress geht es nicht, „aber wichtig sind die Regenerationsphasen. Eltern sollten daher alles fördern, was zur Freude am Leben beiträgt, dafür sorgen, dass ihr Kind viele Momente mit Freude und Fröhlichkeit verbringt. Lebensfreude ist das beste Mittel zur Stressbewältigung“, so Bösenkopf.

Foto: Pixabay Gerd Altmann
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