Der Waldkindergarten

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Bald wurden die Nachbarn auf “die Waldkinder” aufmerksam und da zu dieser Zeit die Kindergartenplätze rar waren, baten sie die Frau auch ihre Kinder jeden Vormittag mit in den Wald zu nehmen. Also zog die Frau mit einer Gruppe von “Waldzwergen” täglich durch die dänischen Wälder.
Martina Gmeiner
Gerlinde Heil

Vorbild Dänemark

Das alles passierte tatsächlich in den fünfziger Jahren in Sölleröd, Dänemark. Ella Flatau war die Initiatorin des ersten Waldkindergartens, der seither ein fixer Bestandteil der Kindergartenlandschaft in Dänemark ist. Deutschland folgte dem dänischen Vorbild Ende der sechziger Jahre und gründete den ersten Waldkindergarten Deutschlands.
Waldkindergarten klingt sehr romantisch – man stellt sich ein Haus vor, das in wunderschöner Waldlage liegt. Im Garten stehen Schaukeln, eine riesengroße Sandkiste und rundherum ist ein grün gestrichener Gartenzaun. Weit gefehlt. Ein Waldkindergarten findet ganzjährig im Wald statt und benötigt kein Gebäude.

Die Kinder werden von den Eltern an einen bestimmten Treffpunkt am Rande des Waldes gebracht. Das alles muss pünktlich sein, da die Gruppe erst losziehen kann, wenn alle da sind. Die Kinder sind mit Rucksäcken ausgerüstet, in denen sich Essen, Getränke, Ersatzkleidung, ein feuchter Waschlappen für Reinigungszwecke und Regenbekleidung befindet.

In den Taschen der Kindergärtnerinnen sind allerlei Dinge, die einfach notwendig sind wenn man ohne sanitäre Anlagen sein Auskommen finden muss. Und wenn dann alle da sind, beginnt ein Kindergartentag der anderen Art.

Besorgte Eltern denken da jetzt sofort an Schneefälle, Regengüsse oder auch nur an den Ausruf “Ich muss lulu”, wenn das Kind fest eingepackt im Skianzug vor einem steht – und man bedenke, dass ein Kindergarten um die 15 Kinder hat. Bei den Wetterverhältnissen verhält sich der Geschmack der Kinder ja meist völlig konträr zu dem der Erwachsenen.

Freudige Ausrufe, dass es regnet, man Gummistiefel anziehen und in die Regenlacken springen darf, höre ich in meiner Familie nur von der Kinderfront. Daher ist das Wetterproblem eher eines der Erwachsenen als der Kinder. Ist das Wetter eines Vormittages so schlecht, dass den Kindern kalt ist oder sie durchnässt sind, sucht die Gruppe eine Schutzhütte auf, in der sie Unterschlupf findet.

Was aber passiert beim Kloausruf?
Dafür haben die Betreuerinnen Plastiksäckchen mit, in die das jeweilige Häufchen samt Klopapier dann verpackt wird um den Wald nicht zu verunreinigen. Erfahrenen Waldkindergärtnerinnen erzählen jedoch, dass sich der Körper der Kinder nach kurzer Zeit so umstellt, dass die Vormittage meist ohne große Geschäfte vergehen.

Der Körper von “Waldkindern” stellt sich aber auch generell um. Weniger Krankheiten sind eine angenehme Begleiterscheinung. Da die Kinder viel frische Luft bekommen und durch Wind und Wetter abgehärtet werden, wird der Organismus gestärkt und ist nicht so anfällig für Erkältungen oder andere Viruserkrankungen.

Oder anders formuliert unser Körper hat sich, weil wir ihn kaum der Witterung aussetzen und wenig Zeit in der Natur verbringen, so umgestellt, dass wir kaum mehr Abwehrkräfte haben und ein jedes Virus uns umwirft.

Genauso verhält es sich auch beim Spielzeug. Ein Kindergarten ohne Spielzeug – ohne Puzzles, ohne Puppenecke, Bau-ecke, Holzbauernhöfe – wie soll der funktionieren? Da müssen wir wohl bei der Definition “Spielzeug” anfangen. Für Erwachsene ist Spielzeug etwas, das bereits fertig ist, das hergestellt und eigens fürs Spielen gemacht wurde.

Was aber bietet der Wald

Alles, was man möchte! Es kommt nur darauf an, was man daraus macht. Da wird ein abgebrochener Ast zu einem Schwert, Moos zu einem Puppenbett und der Baumstumpf da hinten ist doch eindeutig ein altes Piratenschiff! Die Kreativität der Kinder wird gefördert und gleichzeitig erkennen sie die Natur als Raum, der viele ihrer Bedürfnisse stillt.
Die Kinder eignen sich Fertigkeiten an, die ihnen in der Stadt verwehrt bleiben. Kritiker meinen, dass Kinder in Waldkindergärten feinmotorisch kaum ausgebildet werden und das pädagogische Angebot, das sich im Wald durchführen lässt, zu einseitig wäre. Tatsache ist, dass Feinmotorik sehr gut mit Naturmaterialien erlernbar ist.

Auffallender ist, dass Kinder, die sich wenig in der Natur aufhalten, in der Ausbildung ihrer Grobmotorik hinten nach hinken. Die Zahl der Kinderunfälle – wie Fahrradunfälle, Kletterturmstürze oder ähnliches – ist in den letzten Jahren drastisch angestiegen. Wenn wir wollen, dass sich unsere Kinder “natürlich” entwickeln, dann müssen wir ihnen das auch in der Natur ermöglichen. Ob im Waldkindergarten, bei regelmäßigen Ausflügen oder bei Urlauben – die Faszination des Waldes packt uns alle!

In Österreich gibt es seit einiger Zeit ein paar wenige Waldkindergärten. Für viele Eltern jedoch sind die Öffnungszeiten zu wenig flexibel. Da die Kinder unter anderem um eine bestimmte Zeit gebracht und zu Mittag wieder abgeholt werden müssen, gibt es Alternativmodelle, wie den “integrierten Waldkindergarten” in Aspach (OÖ).

Die Kinder besuchen einen “ganz normalen” Kindergarten und gehen zwei Tage die Woche in den Wald. Der Wald als Spiel- und Lernraum für die Kinder übt auf jeden Erwachsenen Faszination aus. Alina, ein Waldkindergartenmädchen erzählt: “Ich lebe in der Stadt und da bin ich auch gerne.

Aber jeden Vormittag werde ich zu einer Waldfee, da kann ich dann über den Boden schweben und versteh die Würmer, die mir erzählen, wie es unter der Erde so ist. Da gehöre ich zum Wald dazu und spreche die Sprache der Tiere.”

Foto: Hurst Photo/Shutterstock.com