Hochbegabung

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Irgendwann hatte ich mir geschworen, jede Frage meiner Kinder sofort und wahrheitsgemäß zu beantworten. Absolut jede, absolut sofort und absolut wahrheitsgemäß. Ein Schwur, der natürlich absolut blöd war, das machte mir meine Tochter, damals dreieinhalb, vor einigen Jahren klar.

Ein eigenartiges Kind

Wir standen an der Supermarktkassa, da fragte sie – besonders laut natürlich: “Das mit den Babys im Bauch ist ja logisch. Aber wie hat der Papa seine Spermien auf dein Ei gegeben?” Die Leute rings um uns freuten sich, ich kann nämlich SEHR rot werden. Nun habe ich nichts gegen ein wenig Unterhaltung an der Supermarktkassa, auch wenn man sich nicht mit mir, sondern über mich unterhält. Ich hatte auch nichts dagegen, dass meine Tochter mit vier zu lesen begann und ein wenig später einen Brief an das Christkind verfasste, aber es schien mir doch ein wenig eigenartig. Nicht, dass ich Probleme damit hatte, wenn sie MIR Gutenacht-Geschichten vorlas, aber sicherheitshalber suchte ich doch nach Information.
Die Tierärztin Karin Uhlig, zweifache Mutter, ist Gründerin der Kluge-Kinder-Mailing-List für Eltern begabter Vorschul- und Volksschulkinder. “Wir sind eine Gruppe von etwa 80 Eltern, die sich per Mail über ihre Kinder austauschen. Eigentlich ist die Geschichte fast immer ähnlich: Zweijährige kennen alle Buchstaben, Dreijährige beginnen zu rechnen, Vierjährige ecken im Kindergarten an. Und dann ist es eine Frage, ob die Kinder eben auch überdurchschnittliche soziale Kompetenzen haben, sodass sie mit ihren Alterskollegen trotz der unterschiedlichen Interessen noch gut auskommen können.

” Nun, diesbezüglich waren mir noch keine Probleme aufgefallen, meine Tochter neigt zu Geschaftlhuberismus und bemuttert, belehrt und informiert daher ihre Freunde gerne. Die meisten von ihnen haben sich ihre Schuhe nicht mehr selber gebunden, seit sie mit ihr befreundet sind…Aber ich folgte dem Rat der einschlägigen Literatur und bot ihr allerlei Input: Ich kramte also mein ehrwürdiges Schülermikroskop hervor. Und dann stand ich zitternd vor einem Objektträger, hielt eine Stecknadel in der Hand und war drauf und dran, mich um der Wissbegier meiner Tochter Willen zu verstümmeln.

„Mama. Jetzt muss ich es genau wissen

Also stach ich zu. Und als ich meine Wunde geleckt hatte, suchte ich weiter nach Genossen. Und fand sie. Gewurl. Das war der erste unvermeidliche Eindruck. Nach einigen Minuten allerdings ließ sich ein gewisses Muster erkennen: Die Kinder im Alter von etwa vier bis zwölf Jahren schwärmten um die Tische und beschäftigten sich erstaunlich leise. Mit Magneten, Motoren, seltsamen Versuchsaufbauten und Indianerkunst. Und sie beschäftigten sich gemeinsam. Die Erwachsenen unterhielten sich miteinander und standen den Kindern nur für Fragen zur Verfügung. “Kann ich den Stabmagneten haben?” fragte meine Tochter einen Buben.
Und weg war sie für die nächsten Stunden. Wir waren nach Graz gefahren, zum Kennenlern-Tag des Vereines Tate, Society to Support Bright Children. Konstanze Kobel-Höller, die Gründerin des Vereines, ist überzeugt: “In den letzten Jahren sind die Menschen sensibler geworden, was das Thema Hochbegabung betrifft. Noch vor einiger Zeit wurden viele Eltern und Pädagogen erst aufmerksam, wenn das Kind massive Schwierigkeiten hatte. Heute können wir schon sehr früh damit beginnen, den Kindern außerschulisch interessanten Input zu verschaffen.”

Hochbegabung? Ein hässliches Wort. Fast so hässlich wie “Wunderkind”. Oder “Eislaufmutter”. Zwei bis drei Prozent der Bevölkerung gelten definitionsgemäß als hochbegabt. Und diese zwei bis drei Prozent verbringen einen ungemütlich großen Teil ihrer Zeit damit, Vorurteile abzuwehren. “Wir wollen keine Leistungskurse veranstalten, keine Superkinder erziehen”, Konstanze Kobel-Höller schüttelt sich.

“Aber viele Kinder interessieren sich einfach für mehr, als ihnen die Schule bieten kann. Wir leiten eine Art Projekte, die Kursleitern und –teilnehmern gleich viel Spaß machen, z.B. das Erstellen einer Zeitungsseite oder die Erforschung des Ökosystemes Wald.” Großartig! Aber leider nur in Graz. Und bedauerlicherweise hat sich Frau Kobel-Höller bis heute nicht entschließen können, in die Nähe unseres Wohnortes umzusiedeln.

Computerkurs und Workout im Kopf

Aber ich meldete meine Tochter wenigstens zu dem Computerkurs an, um den sie schon seit Wochen kämpfte. Danach lernte ich schnell, dass ich meinen PC nur mehr selten für mich alleine hatte, sehr selten. Ich stand vor der Wahl, meine Arbeit aufzugeben, meine elektrische Schreibmaschine zu reaktivieren oder einen Computer fürs Kinderzimmer anzuschaffen. Ich entschied mich also für Letzteres, denn ich liebe mein Kind UND meine Arbeit. Dr. Gert Mittring, Pädagoge, ist durch seine Fernsehauftritte als Weltmeister im Kopfrechnen bekannt. “Ich beschäftige mich schon lange mit Intelligenzforschung.
Leider höre ich meistens das Argument, die sollen sich doch selber helfen, was brauchen die besondere Unterstützung‘. Nur – wie soll sich ein Kind selber helfen?” Doch was unterscheidet eigentlich hochbegabte von anderen Kindern? Nichts. So wie Hermann Maier nervös wird, wenn er keine Gelegenheit zu körperlicher Betätigung findet, so reagieren kluge Kinder irritiert, wenn sie nicht genug geistigen Workout treiben. “Die Konsequenzen können schon auch bedrohlich sein.”, erklärt Dr. Andreas Maislinger aus Innsbruck, Gründer des giftedchildren.net. “Der klassischen ‚Underachiever‘ ist ein Schüler, der klug ist und trotzdem schlechte Noten bekommt.

Ein Schritt weiter – der Schulversager. Und die nächste Stufe ist dann das Kind, das es nicht mehr erträgt, mit anderen zusammen zu sein, bei dem die Schule psychische Probleme auslöst. Für mich ist es wichtig, dem Kind klar zu machen, dass es nicht ‚anders‘ ist, kein Freak, dass es genügend Fünfjährige gibt, die lesen und schreiben können und genügend Zehnjährige, die unter dem Mikroskop Hautzellen von Leberzellen unterscheiden können.” Ich könnte nicht behaupten, dass all diese Worte meinen Mut vergrößern, schließlich kommt meine Tochter nächsten Herbst in die Schule. Horrorszenario: Sie sitzt neben dem warmen Heizkörper und schnarcht wochenlang friedlich vor sich hin, während ihre Klassenkameraden die ersten Wörter buchstabieren. Und das ist noch das netteste aller Horrorszenarien…

Die Schuleingangsphase

Gerade viele Volksschulen sind dem “Problem Hochbegabung“ gegenüber heute wesentlich aufgeschlossener als noch vor zehn Jahren. Verschiedene Modelle der Schuleingangsphase machen es möglich, die ersten zwei Jahre in zwei Semestern zu bewältigen, das Überspringen einer Klasse und Förderprogramme zeugen von wachsender Sensibilität.
In weiterer Folge kann theoretisch ein Fünfzehnjähriger maturieren, aber ist ein beschleunigtes Durchlaufen des Schulstoffes wirklich der Weisheit letzter Schluss? In Österreich hat jedes Kind das Recht darauf, seinen Bedürfnissen entsprechend unterrichtet zu werden – bloß, es ist einer Lehrerin natürlich nicht möglich, innerhalb eines Klassenverbandes jedes Kind einzeln seinen Bedürfnissen entsprechend zu unterrichten. Wie auch immer, meine Tochter ist begeistert von der Aussicht, bald ein Schulkind zu sein. Täglich werden unsere Kat-zen zusammen mit den Stofftieren beschult.

“Und die negativen Zahlen sind lustig. Wenn man sie voneinander abzieht, werden sie immer größer.”, doziert sie gerade. Ich hätte ihr wohl doch nicht erklären sollen, was die Minusgrade beim Wetterbericht bedeuten. Oder doch? “Den begabten Kindern ist gemeinsam, dass sich ihr Wissensdurst und ihre Neugierde nie zufriedenstellen lassen. Sie ziehen noch In-formationen aus den banalsten Dingen, sie schaffen sich ihre anregende Umwelt selbst.“ Die Psychologin Dr. Ida Fleiß bemüht sich seit Jahren, begabte Kinder international zu koordinieren. “Es ist nur nicht so ganz einfach, weder für die Eltern, noch für die Kinder selbst, ihre Begabung zuzugeben. Irgendwie stecken uns allen Vorbehalte gegen Elitenbildung in den Knochen.

Haben die Kinder gute Noten, dann tragen sie den Makel des Strebers, sind sie nicht gut in der Schule, glaubt ihnen niemand ihre Fähigkeit.“ Zusammen mit Mensa Österreich versuchen Dr. Fleiß und Dr. Mittring, eine österreichweite Kinder- und Jugendplattform aufzubauen. Was meiner Tochter natürlich egal ist. Völlig wurscht. Die hat nämlich gerade einen Tobsuchtsanfall, weil sich ihre Puppe nicht widerstandslos anziehen lässt. Und ihren Grant tobt sie dann am Trampolin aus. Ganz normal eben. Wie jedes andere Kind. Schließlich ist sie ja auch ein ganz normales Kind. Und ihren Computer hat sie übrigens Frederic genannt.

Foto: David Pereiras – shutterstock.com

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