Looking for Freedom

Freiräume statt fertigen Lösungen, Fantasie statt starren Regeln – Spielen hat viele Facetten und diese gilt es zu fördern. Und was tun wir …

Jeder weiß es, überall liest man es: Kinder haben zu viel Spielzeug. Und es ist oft laut und schrill. Erst neulich sah ich eine Babywippe, die nicht nur Licht- und Soundeffekte hatte, sondern sich dabei auch noch von selbst bewegte. Uff, dachte ich. Ein bisschen viel auf einmal für ein Baby, oder? Aber auch die Menge ist oft übertrieben: Kinder werden – nicht nur bei Anlässen – regelrecht mit Geschenken überhäuft. Wo sollte also die Grenze gezogen werden? Wieviel ist genug? Und was brauchen Kinder wirklich?

Warum Spielen wichtig ist

Kinder spielen sich ins Leben, erproben sich im Spiel, entfalten ihre Kreativität und Fantasie. Spielen ist ein elementarer Teil der kindlichen Entwicklung und muss gefördert und unterstützt werden. Das Spiel ist aber keine Spielerei, sondern es ist der Beruf des Kindes. Ein Kind kann gar nicht anders als zu spielen und es wird mit wenigen Wochen von sich aus damit anfangen, alltägliche Gegenstände zu begreifen, in den Mund zu stecken und zu erkunden. Ob nun eine Rassel, ein Schal von der Mama oder der Kochlöffel in Reichweite liegt – alles ist im Interessensfeld des Kindes. Bis zum vollendeten sechsten Lebensjahr muss ein Kind 15.000 Stunden spielen – etwa sieben bis acht Stunden pro Tag. Davon profitieren Kinder in ihrem späteren Leben, denn sowohl der emotionale, als auch der soziale, motorische und kognitive Bereich werden beim Spielen stimuliert und aktiviert. Vier Kernbereiche, die für den schulischen und beruflichen Erfolg eine große Rolle spielen. Für Kinder findet Lernen auf spielerische Art und Weise statt, es braucht dafür keine Vorschul- oder Förderprogramme. Auch Kurse sind letztendlich überflüssig, wenn Kinder ihrem Drang nachkommen dürfen. Dass Kurse für das Sozialverhalten und für die Eltern gut sind, steht natürlich außer Frage. Aber primär benötigen Kinder keine vorgefertigten Spielsachen, sondern Materialien, die sie zum Tun, Gestalten und Spielen anregen. Materialien, die den ganzen Körper in unterschiedlichen Variationen, Formen und Zusammenhängen beanspruchen.  Dabei gibt es kein Richtig oder Falsch, kein Schön oder Hässlich, keine Wertung.

Spiel schön!

Fertige Spielmaterialien hingegen verlangen einen gewissen Umgang, womöglich auch, damit sie nicht kaputt gehen. Natürlich sollen Kinder Wertschätzung lernen und erfahren, dass sie auf ihre Sachen achten müssen. Geht doch einmal etwas kaputt ist es wichtig, was damit gemacht wird: Wird es entsorgt und etwas Neues gekauft – klassisch für die Wegwerfgesellschaft im Überfluss – oder wird es repariert? Diese Werte zählen im Endeffekt mehr und zeigen dem Kind den Weg, achtsam mit seinen Besitztümern umzugehen. „Geh schön spielen“ ist wohl ein Satz, den viele Eltern zu ihren Kindern sagen. Doch was meint „Schön spielen?“ Ordentlich, ruhig, gewissenhaft, nach Regeln, bei Tisch? Warum dürfen Kindern nicht toben, laut sein und spielen, wie sie es möchten? Warum wird das Spielen sanktioniert?

Was Kinder brauchen

Statt die Kinderzimmer mit Spielzeug in Massen zu füllen, wäre es besser, in kreative Materialien zu investieren oder in langlebige Spielsachen, die immer wieder neu entdeckt werden können. Nichts spricht gegen ein Gesellschaftsspiel, ein neues Puzzle oder eine Barbie, wenn das der Wunsch des Kindes ist. Aus der „Geschenkenot“ heraus sollte das Kinderzimmer aber nicht zugemüllt werden. Viel wichtiger als die hundertste Puppe sind für Kinder Freiräume, Bewegungsmöglichkeiten, Sandkisten, Erdhügel, Bäume zum Klettern, Bälle, Kugeln, Schaufeln, Lupen, Lauf- und Fahrräder und Eltern, die sich gerne mit ihren Kindern beschäftigen und eine aktive Freizeitgestaltung betreiben. Es müssen keine kostenpflichtigen Angebote sein, sondern ein Wandertag im Wald, eine Schneeballschlacht oder ein Spielplatzbesuch bieten alles, was Kinder für ihre Entwicklung brauchen. Das sind auch schöne Alternativen zu „fertigen“ Geschenken. Niemand möchte mit leeren Händen bei einer Einladung erscheinen und das Strahlen in den Kinderaugen ist ein schöner Moment, den man auch genießen darf. Wie wäre es einmal mit kreativen Geschenken wie Papier, Stiften, Büchern, Bastelmaterialien, Stoffen, Tüchern, Bällen, Klebepunkten, leeren Fotoalben oder einem gemeinsamen Ausflug, einem Nachmittag mit Oma und Opa, einer Schneewanderung?  Zeit ist etwas so Kostbares geworden, dass sie ruhig bewusst verschenkt werden kann. Und wenn Sie nach dem Ausflug noch ein Erinnerungsbuch gemeinsam basteln, wird Ihr Kind sich daran noch viel länger erinnern.

Und wenn doch zu viel geschenkt wurde?

Häufen sich doch einmal viele Geschenke auf einmal, muss man nicht alles zur selben Zeit zur Verfügung stellen, sondern kann ein paar Sachen davon für einen späteren Zeitpunkt aufheben. Kinder sind mit zu vielen neuen Geschenken auf einmal schlichtweg überfordert. Wenn man sieht, dass ein zweijähriges Kind bis zu zehn Geschenke bekommt, kann man schnell verstehen, warum sich Kinder nicht mehr lange auf ein Spiel konzentrieren können. Wird das Spielzeug langweilig und fristet in einer Ecke ein trauriges Dasein, kann man mit dem Kind gemeinsam entscheiden, was davon nicht mehr gebraucht wird. Es gibt immer arme Familien, die sich dem Geschenkewahn nicht hingeben können und sich über ein paar Kleinigkeiten freuen. Auch dieses Wertebewusstsein bei Kindern zu wecken, schafft eine gute Basis für ihr Leben.
Text: Familienberaterin Mag. Daniela Grießer
Bild: Sujet – pixabay/Dadion Gomez
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