Neurodermitis

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Neue Medikamente, die demnächst auf den Markt kommen, bieten eine vielversprechende Ergänzung zu tradtitionellen Therapien.

Wenn die Haut zum Folterinstrument wird

Neurodermitis ist eine allergische Erkrankung, deren Ursachen bislang noch nicht vollständig geklärt sind. Als sehr wahrscheinlich gilt, dass die Vererbung eine Rolle spielt: Leidet ein Elternteil an Neurodermitis, erkranken mit einer Wahrscheinlichkeit von ca. 30% auch die Kinder.
Das Immunsystem von Neurodermitikern reagiert übermäßig stark auf verschiedene Auslöser, die für normale Menschen ungefährlich sind, und die Haut zeigt dann die typischen Symptome. “Durch die Erkrankung ist die Reizschwelle der Haut oft herabgesetzt”, erklärt Dr. Hans-Peter Preglej, Neurodermitis-Experte am Landeskrankenhaus Leoben und Mitglied der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde.

Neurodermitis kennt man auch als atopische Dermatitis, atopisches Ekzem oder endogenes Ekzem. Wichtig dabei: Die Neurodermitis selbst ist nicht ansteckend.

Symptome

Starker Juckreiz, besonders beim Schwitzen
Trockene und oft schuppende Haut
Beuge-Ekzeme: Hautentzündungen im Ellen- und Kniebeugenbereich; bei Säuglingen auch am behaarten Kopf (Milchschorf), oft auch hinter den Ohren und im Halsbereich
Die beanspruchte Haut neigt zu Superinfektionen mit Bakterien und Viren. Erreger wie Staphylokokken oder Herpesviren können sich leichter auf der bereits anfälligen Haut verbreiten.

Klassisch-konservative Therapie: Die Haut schonen und pflegen
Die derzeit gängige Therapieform beruht auf vier Grundpfeilern: Auslösende Faktoren reduzieren, Feuchtigkeits- bzw. Wasserentzug vermeiden, den quälenden Juckreiz bekämpfen sowie eine konsequente Basispflege der Haut durchführen. Weiters empfiehlt Dr. Preglej den Eltern und Kindern einige Verhaltensweisen: Häufiges Baden ist ungünstig, weil das der Haut Feuchtigkeit entzieht.

Regelmäßiges Eincremen sowie das Kurzhalten der Nägel verhindert, dass sich durch das Kratzen der Juckreiz verschlimmert. Juckreizstillende Medikamente (Antihistaminika) werden meist in Form von Tropfen oder Saft verabreicht. Auch das Beobachten gehört zur konservativen Therapie. Oft können die unterschiedlichen Faktoren, die einen neuen Schub bzw. den Juckreiz auslösen, gut identifiziert werden: So reagieren manche

Kinder auf bestimmte Nahrungsmittel wie Zitrusfrüchte, Milch, gewisse Eiweiß-Sorten oder Nüsse, andererseits können aber auch Stress-Situationen wie Trauer, Überlastung sowie Infekte Auslöser sein.

Die klassischen Therapie-Anwendungen

Selten baden (max. 2 Mal pro Woche, besser duschen, Wassertemperatur nicht über ca. 32-34 °C)
Seifen und Schampoos meiden (nur rückfettende Zusätze oder Öle)
Nicht trockenrubbeln, besser mit einem weichen Handtuch vorsichtig trocken tupfen
Nach dem Waschen gut eincremen (bei Säuglingen auch den behaarten Kopf)
Bei der Wäsche gilt: kein Weichspüler, Waschmittel exakt dosieren, Wäsche immer gut ausschwemmen
Leichte Baumwollkleidung tragen
Für Säuglinge gibt es spezielle “Neurodermitis-Strampler” aus Baumwolle
In der Nacht kann man bei Säuglingen das Schlafleibchen an den Ärmeln zubinden, Kleinkinder können Baumwollhandschuhe tragen
Nägel kurz schneiden
Im Sommer die Haut kühl halten, gut belüften
Vorsicht im Schwimmbad: Chloriertes Wasser reizt zusätzlich
Gute Sonnencreme nicht vergessen, bewusst im Schatten aufhalten
Ergänzende Verhaltenstherapie
In manchen Fällen nutzen Kinder die Krankheit bewusst als Druckmittel. Eltern, die sich verständlicherweise in ständiger Angst um ihr Kind befinden, reagieren in solchen Situationen oft mit dem Erfüllen aller Wünsche. So etablieren sich Verhaltensweisen, die die Familien-Situation möglicherweise negativ beeinflussen. Hier rät Dr. Preglej zu einer die konservative Therapie ergänzenden verhaltenstherapeutischen Betreuung.

Kortikoide und Alternativen

Kortikoide halten das Immunsystem in Schach. Um die übertriebene Reaktion des Immunsystems bei einem Neurodermitis-Schub zu bremsen, muss oft mit topischen Glukokortikoiden (enthalten dem Nebennierenrindenhormon Kortison nachempfundene Substanzen) behandelt werden. Bei Neurodermitis werden Kortikoide meist in Form von Salben oder Cremen relativ schwach dosiert auf die betroffenen Hautstellen aufgetragen.

“Grundsätzlich ist gegen kortisonhältige Salben nichts einzuwenden, wenn man die verschriebene Dosierung exakt einhält und regelmäßige Kontrollen wahrnimmt”, erklärt Dr. Preglej. Bislang konnte als eventuelle Nebenwirkung nur eine Verdünnung der Haut sowie manchmal eine gewissen Sensibilisierung festgestellt werden. “Hier wird in der Öffentlichkeit oft die Angst geschürt. Bei Neurodermitis werden Kortikoide nie in so hohen Dosen wie z.B. nach Organtransplantationen zur Immunsuppression verabreicht, deswegen sind auch keine schwerwiegenden Nebenwirkungen zu befürchten”, betont Dr. Preglej.

Stichwort: Alternativ-Therapien
Neurodermitis kann für die ganze Familie eine große Belastung darstellen. Erfolge in der klassisch-konservativen Therapie stellen sich oft nur langsam und bei konsequenter Anwendung ein. Deshalb suchen viele Eltern nach Alternativen. “Über das Internet findet man heute schnell Zugang zu Informationen – von der homöopathischen Therapie, Badetherapien, über spezielle High-Tech-Kleidung bis hin zur Therapie mit Fischen”, so Preglej.

Man sollte diese Alternativen nicht verurteilen, so Dr. Preglej: “Wichtig ist, dass das Kind dabei keinen Schaden nimmt und man die konservativen Ansätze nicht völlig außer Acht lässt.” Dr. Preglej betont, dass Alternativ-Therapien oft hohe Kosten verursachen und es bezüglich der Wirksamkeit noch keine wissenschaftlich fundierten Studien gibt.

Protopic® und Elidel®‚ – vielversprechende Newcomer
Demnächst kommen in Österreich zwei vielversprechende neue Medikamente auf den Markt: Protopic® (ab Juli 2002) und Elidel® (ab dem 1. Quartal 2003). In den USA, in Japan und in Kanada wurden bereits eingehende wissenschaftliche Untersuchungen durchgeführt. Auch die bisherigen Ergebnisse einer Studie in Österreich, die derzeit an mehreren Krankenhäusern mit Elidel® durchgeführt wird, sind vielversprechend:

“Bereits nach einer Woche sah man eine deutliche Verbesserung der Haut, Entzündungen gehen zurück und der Juckreiz lässt nach”, berichtet Dr. Preglej. Bis auf ein anfängliches Wärmegefühl und ein leichtes Jucken an den Auftragsstellen konnten bislang keine Nebenwirkungen festgestellt werden. Diese Substanzen werden schon lange nach Organtransplantationen verwendet um Abstoßungsreaktionen zu vermeiden. Jetzt hat man sie auch für die Neurodermitis-Behandlung entdeckt.

“Ich halte die beiden Produkte für eine sinnvolle Alternative zur Kortikoid-Therapie, solange es sich um eine leichte bis mittelschwere Neurodermitis handelt. Bei schweren Schüben würde ich vorerst weiterhin Kortikoide empfehlen. Das ist dem Kind gegenüber fairer, denn man weiß aus jahrelanger Erfahrung, dass Kortikoide helfen. Aus derzeitiger Sicht halte ich Protopic® in Salbenform und Elidel® Creme für viel versprechende Alternativen bzw. Ergänzungen zur konservativen Therapie”, meint Dr. Preglej.

Foto: Astrid Gast – shutterstock.com