Rund und Gsund?

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Kinder wachsen in Wellen

Kinder sollen wachsen. Und das tun sie, wenn auch abwechselnd in Breite und Höhe. Diese natürlichen Wachstumswellen sollten Eltern berücksichtigen, bevor sie sich möglicherweise unnötige Sorgen machen oder gar korrigierende Maßnahmen ergriffen werden. Bis zum 6. Monat erfolgen Längenund Breitenwachstum relativ gleichmäßig.

In diesen ersten Monaten legt sich das Baby vorsorglich einen Speckpolster für die anstrengende Krabbelzeit und die ersten Gehversuche zu. Im zweiten Halbjahr richtet sich nämlich das Hauptaugenmerk auf das Erlernen dieser Fähigkeiten. Dafür ist das Wachsen in beide Richtungen etwas gebremst. Mit Ende des 1. Lebensjahres haben alle Organe, die mit Nahrungsaufnahme und Verdauung zu tun haben, eine gewisse Stabilisierung erfahren.

Das Kind nimmt jetzt wesentlich langsamer an Gewicht zu als in seinen ersten Lebensmonaten. Sobald es zu laufen lernt, schwindet sein Fettpols-ter zugunsten der Muskelbildung. Im Alter von ca. 2 bis 4 Jahren legen die Kinder dann wieder vermehrt Reserven an. Manche Kinder wirken in dieser Zeit sogar recht pummelig. Die 5- bis 7-Jährigen wiederum brauchen ständig neue Hosen, weil die Zentimeter nur so sprießen. In dieser Phase ist es dann auch ganz normal, wenn besorgte Großeltern befinden: „Kind, iss was – du bist so dünn!“

In den darauf folgenden drei Jahren wird wieder etwas an Gewicht aufgeholt, um dann mit Beginn der Pubertät wieder in die Höhe zu schießen. Gerade sportbegeisterte Jugendliche und im Besonderen die Burschen können in dieser Zeit Unmengen an Nahrung vertilgen, ohne dass die Eltern an eine krankhafte Esssucht denken müssen.

Ist mein Kind zu dick?

Die erste grobe Einschätzung lässt sich am Gewand vornehmen. Wenn Ihr Kind von der Länge her Kleidergröße 116 benötigt, der Bauchumfang aber mindestens Größe 128 fordert, ist es an der Zeit, einige Änderungen vorzunehmen.

Einen exakteren Anhaltspunkt zur Feststellung von Übergewicht bietet der Body-Mass-Index (BMI). Er errechnet sich aus dem Körpergewicht in Kilogramm, geteilt durch Körpergröße in Metern zum Quadrat. Ein Beispiel: Stefan, 10 Jahre alt, ist 1,45 Meter groß und wiegt 41 Kilogramm. Sein BMI errechnet sich so: 41 geteilt durch 2,10 (1,45 mal 1,45). Stefan hat also einen BMI von rund 19,5 und ist somit im normalen Bereich.
Ursachen

Dass beim Zustandekommen von Übergewicht auch genetische Faktoren eine Rolle spielen können, gilt heute als erwiesen. Rund 30 Prozent werden der Vererbung zugeschrieben. Was aber heißt, dass die übrigen zwei Drittel durch die Lebensumstände entstehen und sich somit verändern lassen. Übergewicht sollte nicht allein auf den übermäßigen Appetit des Kindes zurückgeführt werden. Mit Juniors Problem ist ja die Esssituation der ganzen Familie verknüpft.

Daher sind etwa Kinder mit übergewichtigen Eltern stärker gefährdet, ebenso übrigens wie die Kinder von Workaholics. Eine wesentliche Ursache der überzähligen Kilos liegt in der ständigen Verfügbarkeit von Nahrung. Übergewichtige Kinder haben die Fähigkeit verloren oder gar nie richtig gelernt, zwischen verschiedenen Bedürfnissen zu unterscheiden und diese differenziert zu befriedigen. So werden etwa Wut und Langeweile gleichermaßen mit Essen beantwortet wie Positives damit belohnt. Nicht zuletzt ist aber der Lebensstil der Kinder entscheidend.

Übergewichtige Kinder bewegen sich meist viel zu wenig – schließlich ist jede Muskelbewegung immer auch mit dem Heben von Gewicht verbunden. Der oft einzige Sport, jener im schulischen Turnunterricht, wird mit Ausreden aller Art möglichst umgangen. Folgen sind nicht nur eine Verformung verschiedener Körperpartien, Fußfehlstellungen und Gelenksprobleme, sondern auch eine geringere Einlagerung von Knochensubstanz. So können bereits bei Jugendlichen erste Anzeichen von Osteoporose auftreten.

Bitte, den einen Film noch!

Kleine Couchpotatoes, die täglich zwei oder mehr Stunden fernsehen oder computerspielen, zeigen nicht nur allgemein eine schlechtere Motorik. Sie sind mehr der Werbung und so auch jener für teilweise nicht empfehlenswerte Lebensmittel ausgesetzt, zu deren Konsum sie verstärkt verleitet werden … Rund 60 Prozent des Übergewichts lassen sich auf exzessives Fernsehen zurückführen! Eltern können hier durchaus gestaltend einwirken und Bewegungsvorbild sein.

Gehen Sie z. B. Strecken, die Ihr Kind bereits bewältigen kann, zu Fuß. Nehmen Sie die Stiege anstelle des Aufzugs. Nützen Sie den Sonntagnachmittag für einen gemeinsamen Spaziergang. Leben Sie Bewegung einfach vor – nichts machen Kinder lieber, als ihre Eltern zu imitieren. Aus dem Bereich der Leistungsmotivation weiß man, dass der Wunsch, „etwas zu leisten“, bei allen Menschen vorhanden ist. Auch Kinder wollen Leistungen zeigen, sie sind stolz, wenn sie z. B. eine neue Bewegung erlernt haben. Zeigen Sie als Eltern also Ihre Freude über die Leistungen Ihres Kindes – ganz egal, um wie viel besser andere Kinder es können.

Direkte Vergleiche sind nicht immer zulässig und persönlicher Ehrgeiz sollte zurückgeschraubt werden. Suchen Sie mit Ihrem Sprössling einen Verein oder eine Gruppe von Kindern mit ähnlichen Interessen. Nach der Aufgabe ist noch genügend Zeit für Aktivitäten, am besten gemeinsam mit Gleichaltrigen. Einigen Sie sich auf zwei bis drei Fixpunkte pro Woche, auf die sich Ihr Kind freuen kann und wo es in richtiger Gesellschaft ist. Stundenlange Treffen zum Computerspielen und Chipsessen sind hier aber nicht gemeint!

Kann ich noch mehr haben?

Kennen Sie so einen kleinen Nimmersatt, der immer hungrig ist und ständig nach mehr verlangt? Viele haben das natürliche Gefühl für Hunger und Sattsein verloren. Wenn ein Kind sehr schnell oder seinen Teller immer leer essen muss, seine Portionsgrößen nie selbst bestimmen darf, läuft es Gefahr, dick zu werden, weil die natürliche Essbremse nicht länger funktioniert. Viele merken nicht mehr, wann sie satt sind, und reagieren verstärkt auf Reize von außen oder richten sich nach der Uhr statt nach dem Knurren des Magens. Verkleinern Sie nicht unbedingt die Portionsgröße, aber verändern Sie den Inhalt! Gehen Sie beim Zubereiten und Kochen mit Fett und Zucker sparsamer um.

Strecken sie Fruchtsaft bereits im Kühlschrank mit Wasser. Bevorzugen Sie fettarme Sorten bei Käse, Wurst, Fleisch und Fisch. Bieten Sie vermehrt kalorienarmes „Füllmaterial“ in Form von Obst oder Gemüse an. Auch eingelegte Gurken, Pfefferoni oder Maiskölbchen unterstützen beim Sattwerden und kommen hinsichtlich Kalorien- und Fettgehalts lange nicht an Wurst oder Käse heran. Außerdem sollte auch dem Kauen mehr Platz eingeräumt werden.

Weiche Brötchen, Cremen und Saucen lassen sich in großer Menge schnell hinunterschlucken, ohne auch nur die geringste Anstrengung zu erfordern. Wer aber in jeden Bissen etwas Kauarbeit hineinsteckt, isst in der gleichen Zeit automatisch weniger und kann eher auf das Gefühl, satt zu sein, reagieren. Ein kleiner Nimmersatt kann oft auch in anderen Bereichen so gar nicht genug kriegen. Unseren Kindern fehlt es aber selten an Spielzeug, Kuscheltieren oder anderen Geschenken, wohl allerdings an ungeteilter Aufmerksamkeit, Zeit und erlebter Zuneigung.

Nehmen Sie Ihr Kind einfach einmal in den Arm und sagen Sie ihm, wie lieb Sie es haben. Erzählen Sie etwas aus seiner Babyzeit oder erinnern Sie sich an gemeinsame Erlebnisse. Oft reichen schon zehn Minuten aus, um Ihr Kind wie verwandelt und deutlich zufriedener zu erleben. An Essen und Naschen wird in dieser Zeit sicher nicht gedacht!

Mir ist so fad …

Uns allen ist manchmal langweilig. Fast jeder hat schon mal aus Langeweile gegessen, obwohl er gar keinen Hunger verspürte. Das kann auch eine Zeit lang funktionieren. Wenn wir essen, sind wir beschäftigt, außerdem schmeckt es gut. Aber irgendwann fühlen wir uns satt, manchmal sogar zu satt, müssen aufhören zu essen, haben vielleicht ein schlechtes Gewissen … und die Langeweile ist immer noch da.

Essen ist hier also keine gute Lösung. Suchen Sie eine hübsche Schachtel, die Ihr Kind nach Lust und Laune beschriften und dekorieren kann. Darin lassen sich Ideen sammeln, die erstens nichts mit Essen zu tun haben und zweitens dem Kind Spaß machen: ein bestimmtes Spiel spielen, malen, Fotos anschauen usw. Idealerweise sollte ein großer Teil dieser Ideen mit Bewegung zu tun haben.

Da kann schon ein einzelner Luftballon hilfreich sein, der eine bestimmte Zeitlang den Boden nicht berühren darf. Vielleicht gibt es auch einen Nachbarshund, der etwas Auslauf und Zuwendung zu schätzen weiß? Bei Bedarf wird dann blind ein Ideen- Zettel gezogen und der Vorschlag gleich verwirklicht!

Ich nehm mir schnell ein Keks …

Wenn Ihr Kind ständig auf der Suche nach kleinen Snacks ist, sind vielleicht die Abstände zwischen den Mahlzeiten zu groß. Oder es hat sich so eingebürgert, dass jeder dann isst, wenn ihm gerade danach ist – ohne Rücksicht auf die anderen Familienmitglieder. Bieten Sie Ihrem Kind fünf regelmäßige Mahlzeiten an. Dabei gilt es ein gewisses Ritual einzuhalten.

Nehmen Sie gemeinsam am gedeckten Tisch Platz, wünschen Sie einander einen guten Appetit, starten und beenden Sie die Mahlzeit gemeinsam. Jeder soll merken, dass jetzt Essenszeit ist und später nicht mehr. Danach wird der Tisch leergeräumt, denn herumstehende Reste werden gerne im Vorbeigehen mitgenommen. Was auf den Tisch kommt, legt man am besten gemeinsam in Form eines Wochenspeiseplans fest. Wenn die Wünsche jedes Einzelnen berücksichtigt werden, gibt es keinen Grund für Debatten und Verweigerungen. Nicht jeden Tag kann es die Lieblingsspeise geben!

Keine Verbote

Um das Essverhalten zu verändern, hat es wenig Sinn, etwa das Abendessen zu streichen oder bestimmte Nahrungsmittel wie Schokolade zu verbieten. Das ist nicht nur bei Kindern kontraproduktiv! Es führt außerdem bei Rückschlägen zu Selbstvorwürfen und nagt am Selbstbewusstsein des Kindes. Viel besser ist es, gemeinsam eine bestimmte Menge auszuhandeln und Spielregeln festzulegen.

Zum Beispiel: Du bekommst im Sommer täglich ein Eis. Du darfst dir aussuchen, wann du es isst, aber danach ist die Debatte für diesen Tag erledigt. Wählen Sie den Weg der kleinen Schritte. Zu viele Neuerungen auf einmal überfordern und machen mutlos!

Buchtipps:
Übergewicht bei Kindern – Eltern können helfen
Von Vincent Boggio Beltz Verlag
ISBN 3-407-22854-6

Wie dicke Kinder abnehmen können
Von Brigitte Sager-Krauss
und Wolfgang Thielke Midena Verlag
ISBN 3-310-00442-2

Foto: kwanchai.c – shutterstock.com

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