Väterkarenz

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Wie große Schwestern mal so sind, korrigierte ich ihn und erklärte ihm, dass er einmal Papa wird und nicht Mama. Er stampfte auf und sagte: “Nein ich will nicht den ganzen Tag arbeiten müssen! Ich will mit meinen Kindern spielen!”
Diese Geschichte ist mittlerweile über 20 Jahre her und mein Bruder, der übrigens demnächst Papa wird, muss nicht zur Frau mutieren, um bei seinem Baby bleiben zu können. Das Zauberwort, das es vor 20 Jahren in Österreich noch nicht gab, heißt Väterkarenz.
Wir Frauen jubeln auf und freuen uns, dass es das gibt. Aber wo sind die Männer, die diesen Schritt wagen?

Statistischen gesehen gehen nur 2% der österreichischen Väter in Karenz. Das waren im letzten Jahr 2516 Männer gegenüber 135.287 Frauen! Das Stadt-Land-Gefälle fällt dabei auf: Während in Wien 4,1% der Karenzierten Väter waren, waren es in Vorarlberg lediglich 1,2%.

Vom hohen Norden können wir lernen!

Europaweit gesehen stechen Länder wie Finnland, Schweden oder Norwegen bei der Väterkarenz besonders hervor. In Norwegen etwa gehen 70% der Väter in Karenz. Man darf diese Zahlen nicht auf Österreich umlegen, denn in diesen Ländern gibt es den sogenannten Papa-Monat. Klingt gut und ist gut!
Schwedische Mütter und Väter haben nach der Geburt eines Kindes zunächst Anspruch auf “Elternschaftsgeld”, das ein Jahr ausbezahlt wird. Diese Zeit der familiären Betreuung kann zwischen den Eltern aufgeteilt werden. 30 Tage müssen vom jeweils anderen Partner konsumiert werden. Das Prinzip heißt “use it or lose” it. Nimmt der Vater diesen Papa-Monat nicht in Anspruch, verfallen diese 30 Tage, da sie nicht auf die Mutter übertragbar sind. Anders gesagt: Will eine schwedische Familie Elternschaftsgeld beziehen, muss auch der Mann mindestens einen Monat lang zu Hause bleiben!

Schweden begann schon früh mit der Bewusstseinsbildung von Männern, wie Männerforscher Erich Lehner vom Ludwig Boltzmann Institut zu berichten weiß. Beispielsweise mussten junge Wehrpflichtige und Offiziere im Rahmen ihres Militärdienstes Kurse zur Thematik der Geschlechterverhältnisse besuchen. Auch in Behörden und Privatbetrieben wurden solche Programme während der bezahlten Arbeitszeit durchgeführt.

Man horche auf, die Wirtschaft unterstützte solche Kampagnen. Die Firma Saab ließ in all ihren Gebäuden Plakate aufhängen, auf denen ein Vater mit einem Baby abgebildet war. darunter war der Satz “Bessere Väter sind bessere Mitarbeiter” zu lesen.

Vaterschutzmonat für Österreich!

Gernot Rammer, Bundesgeschäftsführer der Kinderfreunde, lässt mit einer Forderung aufhorchen, die einen wichtigen Grundstein in Sachen Väterverantwortlichkeit legt. Die Kinderfreunde fordern einen Vaterschutzmonat, der Vätern, nach der Geburt ihres Kindes, ermöglichen soll, bei vollem Lohnausgleich zuhause bleiben zu können.
Vielfältige Rollenmodelle

Warum sind Gefühle, Zärtlichkeit und Zuhören können weiblich besetzt? Eben weil Frauen Erziehungsarbeit leisten, weil Mütter trösten, weil Mütter am Bett des kranken Kindes sitzen, trösten, Probleme wälzen und Mut zusprechen. Das alles sind aber auch Väter im Stande zu geben, und all das sind Fähigkeiten, die auch Männer in sich tragen.

“Meine Vorstellung einer guten Erziehungs-Balance besteht aus Weiblichkeit und Männlichkeit, wodurch Kindern eine große Gefühlspalette und Wahlmöglichkeiten in ihrer Entwicklung geboten werden. Erst wenn Kinder ihre Mütter und Väter in einer großen Rollenpalette erleben, ist unsere Gesellschaft zu einer Wandlung und einer Lösung von alten, klassischen Rollenbildern einen großen Schritt weiter” schwärmt Rammer.

Männer profitieren von der Karenz

“Es war die größte Herausforderung meines Lebens. Ich konnte mir nicht recht vorstellen, wie das so werden wird. Ich und meine Tochter den ganzen Tag alleine. Es war ein Sprung ins kalte Wasser, den ich keine Sekunde bereut habe.
Ich habe Ruhe und Gelassenheit in diesem halben Jahr gelernt, wie es mir kein Seminar hätte bieten können. Ganz zu schweigen von der Beziehung zu meinem Kind, das sich in dieser Zeit gefestigt hat. Das schönste ist, dass meine Tochter seit unserer gemeinsamen Karenzzeit, wenn sie nachts aufwacht genauso oft “Papa” wie “Mama” ruft”, berichtet Johannes.

Männer profitieren immens durch diese Zeit mit ihrem Kind. Was ein Mensch tut, wie er handelt und reagiert, hängt von vielen Faktoren ab. Darunter sind viele Eigenschaften, die mit der Persönlichkeit verwoben sind: Intelligenz, Charakter, Willensstärke, Lebensgeschichte.

Daneben gibt es Fähigkeiten, die lernbar sind: Teamfähigkeit, Optimismus, soziale Verantwortung, Motivation. Im Berufsleben spricht man von „soft skills“, von „weichen“ Eigenschaften, die neben der beruflichen Qualifikation entscheidend sind.

Diese sogenannten soft skills erwerben Väter durch ihre Karenz. Sie gewinnen eine höhere Lebensqualität, weil der Konkurrenzdruck einer männlich dominierten Arbeitswelt gemildert wird. Die Gesundheit verbessert sich ebenfalls – Männer, die in ihrer Familie fest verankert sind, sind weniger krankheitsanfällig.

Kinder brauchen Väter

Welche Auswirkungen hat ein präsenter Vater auf seine Kinder?
Hannelore, 23 Jahre, hat 2 Geschwister und einen Vater, der vor 18 Jahren in Karenz ging.
“Das war damals der absolute Wahnsinn. Ein Mann, der bei 3 kleinen Kindern ist und eine Frau, die 50 Stunden arbeiten geht. Ich merkte recht schnell, dass es bei uns anders läuft als bei den Nachbarn.

Ich würde rückblickend sagen, dass diese Zeit mit meinem Vater sehr, sehr kostbar war. Ich habe ihn als Vertrauten für mein ganzes Leben gewonnen. Ich kann behaupten, dass mir Mama und Papa gleich wichtig sind – wer aus meiner Generation kann das schon? Mir ist Gleichberechtigung vorgelebt worden und ich habe dadurch erfahren, welche Beziehungsform für mich die einzig lebbare ist.

Eine Beziehung, in der Hausarbeit und Zeit mit den Kindern partnerschaftlich geteilt wird. So stehen die Chance für persönliches Glück am besten, finde ich!”
Persönliches Glück, ein Ziel, das wir alle streben. Väterkarenz ist auf diesem Weg sicher ein Riesenschritt.

Karenzvater 1: Journalist

Michael Hufnagl ist 34 Jahre alt, Journalist in Wien und war 1 Jahr in Karenz. Seine Tochter Katharina ist mittlerweile 4 Jahre alt.

Was hat Sie dazu bewogen 1 Jahr in Karenz zu gehen?
“Meiner Freundin und mir war klar, dass wir die Erziehungsarbeit partnerschaftlich teilen wollen. Als unsere Tochter Katharina auf die Welt kam, war das erste Jahr meine Freundin in Karenz und das zweite Jahr übernahm ich. Ich wollte diese wertvolle Zeit mit meinem Kind nicht verpassen. Freizeitpapa zu sein, der abends und am Wochenende den Spielgefährten mimt, das war mir zu wenig. Bei vielen Männern hat das Kind fast schon einen Trophäencharakter. Man nimmt es lässig auf die Schultern, geht in den Park ein bisschen Fußball spielen, aber sobald das Kind zu weinen anfängt, die Windel voll hat oder angesabbert ist, drückt man es der Mutter in die Hand.

Warum glauben Sie, gehen so wenige Männer in Österreich in Karenz?
Ein Hauptgrund ist sicherlich die finanzielle Situation. In meinem Fall habe ich durch dieses eine Jahr Karenz 15 Gehälter verloren. Meine Freundin verdient nicht schlecht, dadurch war die Karenzzeit auch finanziell möglich. Wenn man aber bedenkt, dass Frauen immer noch weniger als Männer verdienen, dann ist eine Karenzzeit für den Mann nahezu unmöglich, weil das Gehalt der Frau nicht als Familieneinkommen reicht. Viele Männer stellen sich der Thematik aber auch nicht, weil der Job des Hausmannes bzw. des Karenzvaters wie auch der Karenzmutter keinen Stellenwert hat. Das wird nicht als Knochenjob gesehen, sondern als ein gemütliches Zuhause entspannen. Ich muss sagen, dass mein ganzer Respekt den Frauen gebührt, die diesen Job tagtäglich machen. Keine Anerkennung, keine Unterstützung und kein Verständnis für diese aufreibende Arbeit zu bekommen, tut weh. Viele Männer fürchten sich aber auch vor der Isolation, die man erfährt. Ich kenne viele Männer, die zaudern und ein äußerst banges Gefühl haben, wenn sie sich vorstellen, mit ihrem Kind über einen langen Zeitraum den ganzen Tag zu verbringen.

Wie hat ihr Umfeld auf ihre Karenz reagiert?
Durchaus positiv. Unrealistische Einschätzungen von Männern sind mir immer wieder untergekommen. So nach dem Motto: “Super angenehm hast du es jetzt zuhause. Wenn die Kleine schläft, kannst du auch ein Mittagsschläfchen machen.” Dass da hunderttausend Dinge warten, die erledigt werden müssen, muss ich keiner Mutter erklären. Die Reaktionen von Frauen waren in Richtung “Wow, was für ein Mann”. Man muss sich vorstellen, am Spielplatz war ich umgeben von 50 Frauen und war ein Held. Du bist genau der Mann, den sie sich alle wünschen. Ein Mann, der 50% der Verantwortung trägt.

Was haben Sie aus diesem Jahr Karenz gewonnen?
Flexibilität habe ich in dieser Zeit wirklich gelernt. Das Kind hat keinen Hunger, wenn du gerade gekocht hast. Dein Tempo musst du einem anderen unterordnen. Man muss die Größe haben, eine enorme Gelassenheit zu entwickeln. Da pickt alles und ist angepatzt, obwohl man es doch so gern sauber hat. Da erfährt man seine eigenen Grenzen und muss wahnsinnig tolerant sein. Und wenn man Toleranz bei einem kleinen Wesen entwickelt, dann fällt es einem auch bei einem großen Wesen einfacher.

Wie beschreiben Sie die Beziehung zu ihrer Tochter?
Es ist die intensivste Beziehung in meinem Leben. Meine Tochter ist Teil meines Herzens. Unsere Beziehung ist von einer Innigkeit, Liebe und einem Vertrauen getragen, wie das die klassischen Väter, nie erleben werden. Katharina wird mit großer Sicherheit mein einziges Kind sein und ich möchte am Ende des Weges stehen und sagen können “ Ich habe alles getan, um meinem Kind maximales Glück zu ermöglichen”. Diese Symbiose, dieses Fundament einer wunderbaren, einzigartigen Beziehung kann mir nie wieder genommen werden.

Karenzvater 2: Unternehmensberater

Miša Strobl, Unternehmensberater, lebt mit seiner Frau und 3 Kindern (Iván 16 Jahre, Katharina 6 Jahre, Nikolaus 4 Jahre) in Graz.

War es für Sie selbstverständlich, dass Sie in Karenz gehen?
Meine beiden kleinen Kinder kamen in einem Abstand von 22 Monaten auf die Welt. Meine Frau ist Ärztin und Psychotherapeutin und es war uns beiden klar, dass wir die Kinder gemeinsam betreuen wollen aber auch unseren jeweiligen Berufen nachgehen möchten. Für mich war klar, dass auch die Karenzzeit partnerschaftlich aufgeteilt wird.

Wie reagierte ihr Dienstgeber als Sie ihm eröffneten, dass Sie in Karenz gehen?
Das war für meinen Dienstgeber kein Problem. Ich muss dazu sagen, wenn das nicht funktioniert hätte, dann hätte ich gekündigt. Diese Karenzzeit war mir immens wichtig. Ich wollte von Anfang an ein aktiver Vater sein. Ich bin 1 ½ Jahre karenziert gewesen und habe in dieser Zeit einen immensen Zuspruch der Frauen erfahren. Auch meiner Arbeitskollegen begrüßten meine Idee in Karenz zu gehen. Kunden oder Kooperationspartner hingegen begrüßten mich mit den Worten “Der Urlauber ist da”. Frauen wußten was sich zuhause mit 2 kleinen Kindern abspielt. Männer, die nie ein Kind und einen Haushalt versorgt haben, hatten völlig falsche Vorstellungen von meinem Arbeitsaufwand.

Wie reagierte Ihr persönliches Umfeld auf ihren Karenzwunsch?
Sehr, sehr positiv. Die Urgroßeltern meiner Kinder waren allerdings in Sorge um meinen Arbeitsplatz. Als einziger Mann am Kinderspielplatz hörte ich natürlich viel Positives. Da habe ich oft die Resignation der Frauen gespürt, dass das der eigene Partner nicht tut.

Welche Veränderungen hat Ihre Karenzzeit für die gesamte Familie bewirkt?
Da gibt es ein lustiges Erlebnis. Meine Tochter war 2 Monate alt, mein Ältester 10 Jahre, als meine Frau und ich abends alleine Essen gingen. Meine Schwägerin war da, um auf die beiden Kinder aufzupassen. Inmitten des romantischen Essens läutete das Telefon und wir erfuhren, dass sich das Baby nicht mehr beruhigen lässt. Hurtig eilten wir nach Hause, wo wir Stille vorfanden. Iván, trug seine schlafende Schwester am Arm und verlautbarte, dass er in Zukunft der Babysitter sein wird, denn bei ihm fühlt sich die Kleine wohl. Dieses Vorleben von flexiblen Rollen hat bei Iván vieles bewirkt, unter anderem seinen Wunsch, die Ausbildung zum Kindergärtner anzufangen. Welcher 16-jährige junge Mann hat so einen Berufswunsch?

Was haben Sie aus dieser Zeit mitgenommen?
Vieles! Unter anderem meine neue berufliche Orientierung. Die Idee der Väterkarenz habe ich mit in meine neue Firma genommen. Ich leite derzeit für das Land Steiermark ein Projekt zur Väterkarenz. Wir zeigen Unternehmen auf, wie sie von der Karenz ihrer Angestellten profitieren können. Die vorübergehende Abwesenheit des Mitarbeiters im Unternehmen sollte nicht als Störung der Arbeitsabläufe gesehen werden, sondern, im Gegenteil, als gewinnbringende Chance. Neue gesetzliche Regelungen erleichtern zusätzlich die Möglichkeiten zur Gestaltung von Väterkarenz und zum Karenzzeit-Splitting.

Man erkennt in dieser Zeit, wie belastbar man ist. Dieses an die eigenen Grenzen gehen – psychisch wie physisch- war ein wichtiger Lernschritt in meinem Leben. Und dass es weitaus schwieriger ist, Kinder zum Aufräumen zu motivieren, als Mitarbeiter in einem Betrieb zu führen, musste ich auch erst lernen!