Vitamintabletten

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ußer dem H&M muss sie allerdings auch noch eine Apotheke überfallen haben. Zumindest kann ich mir die Ansammlung bunter Medikamentenschachteln nicht anders erklären. “Die hat mir alle mein Gyn verschrieben!” erklärt sie mir stolz. “Risikoschwangerschaft”, zuckt es durch meinen Kopf “die Ärmste!”
Meine Vermutung entpuppt sich als Hirngespinst. Der Inhalt der Schachteln entspricht eher einem bunten Obstkorb. Vitamine, Magnesium, Eisen, noch mehr Spurenelemente… was eine Schwangere oder Stillende halt so braucht.


Apotheke oder Gemüseregal


Langsam regt sich in mir das schlechte Gewissen: Auch wenn ich meiner Freundin, was reproduktive Rundungen betrifft, ein paar Wochen voraus bin, habe ich noch nie irgendein Vitaminpräparat eingenommen. Also trete ich reumütig der Apothekerin gegenüber und ordere Vitamintabletten in bunter obstgeschmückter Verpackung. Ich nehme sie konsequent drei Tage ein, genauso lange, wie ich meinen Damm zur Geburtsvorbereitung massiere, bevor ich wieder vergesse.
Nach neun Monaten bekomme ich das Ergebnis meiner Nachlässigkeit in Form eines gesunden Buben präsentiert. Übrigens ohne Dammschnitt oder -riss. “Glück gehabt”, sagt meine Freundin.


Aber ist ein gesundes Baby ohne Vitamintabletten in der Schwangerschaft wirklich nur Glück? “Nein”, gibt mir Dr. Rudolf Hanslik von der Privatkrankenanstalt Sanmondo in Wien postpartum doch recht. “Wenn sich die werdende Mutter ausgewogen ernährt, besteht keine Notwendigkeit Vitamine oder Spurenelemente in Form einer Nahrungsergänzung zu verordnen.” Fakt ist allerdings, dass der Bedarf an praktisch allen Vitaminen und Spurenelementen während Schwangerschaft und Stillperiode deutlich erhöht ist.


Außerdem zehren Lebensgewohnheiten wie Rauchen oder die Einnahme der Antibaby-Pille bereits vor der Schwangerschaft an den Vitaminreserven der Mutter in spé. Fakt ist allerdings auch, dass sich jeder gravierende Vitaminmangel durch Symptome bemerkbar macht und dann dementsprechend behandelt werden kann.


Mangelerscheinungen – keine Erfindung


Aber soll frau wirklich erst warten, bis sich Mangelerscheinungen zeigen?
Vor allem wo die ersten Anzeichen eines Vitaminmangels wie Müdigkeit, Antriebslosigkeit, Reizbarkeit, depressive Verstimmungen und Infektionsanfälligkeit gerne als normale Begleiterscheinungen einer Schwangerschaft interpretiert werden. Selbst die typische Schwangerschaftsübelkeit ist nicht unbedingt ein selbstverständliches Übel.


Frau Dr. Johanna Nachtnebel beschreibt in ihrem “Das Buch der Vitamine”, Verlag Bildbuch, dass dieses Leiden sehr wohl auch auf einen Mangel am Vitamin B6 zurückgeführt werden kann. Dementsprechend positiv reagieren laut Autorin viele werdende Mütter auf zusätzliche Gaben dieses Vitamins.


Eine bedeutende Rolle für die Entwicklung des Ungeborenen spielt auch die Folsäure.
In der Natur kommt dieses Vitamin vor allem in Leber, dunkelgrünem Blattgemüse, Bohnen, Weizenkeimen und Hefe vor. Der Bedarf an Folsäure ist in der Schwangerschaft durch das rasche Gewebewachstum besonders hoch. Es besteht ein berechtigter Verdacht, dass ein Mangel an Folsäure zu Gaumenmissbildungen wie Gaumenspalten oder Wolfsrachen, beim Ungeborenen führen kann.


Eine Studie, die 1995 zu diesem Thema in der medizinischen Fachzeitschrift “Lancet” veröffentlicht wurde, besagt, dass die Gefahr ein Baby mit Gaumenmissbildungen zu bekommen signifikant reduziert wird, wenn die Mutter bereits ein Monat vor Eintritt der Schwangerschaft regelmäßig Vitaminpräparate mit Folsäure nimmt. Auch bei der Vorbeugung von Missbildungen der Wirbelsäule, wie zum Beispiel dem gefürchteten “offenen Rücken”, schreibt man der Folsäure positive Wirkung zu.




Wenige Vitamine – viele Wehwehchen


Nicht alle Formen eines Vitamindefizits in der Schwangerschaft haben gleich so dramatische Folgen. Dennoch kann dadurch das Wohlbefinden der werdenden Mutter empfindlich gestört werden. Muskelkrämpfe sind so eine unangenehme Begleiterscheinung der Schwangerschaft. Sie treten gerne in der Nacht und besonders gerne in den Waden auf.
Linderung erfahren werdende Muttis dabei durch Magnesium, das sich entspannend auf die Muskeltätigkeit auswirkt. Nicht zuletzt deshalb wird dieses Spurenelement auch intravenös verabreicht, wenn es gilt eine drohende Früh- oder Fehlgeburt abzuwenden.


Haarausfall ist zwar nicht körperlich schmerzhaft, trotzdem könnten einem manchmal die Tränen kommen, wenn man seine Haarpracht im Ausguss wegschwimmen sieht. Schwangerschaft macht eben nicht unbedingt schön, wie so gerne behauptet wird. Vor allem nicht, wenn ein Mangel an Vitamin H, Biotin genannt, besteht. Dann kann es nämlich recht schnell zum Kojak-Syndrom kommen.


Eigener Herd oder Pillendose


Ob frau den gesteigerten Vitaminverbrauch in der Schwangerschaft auf natürliche Weise zu decken versucht oder lieber in Tablettenform wie meine Freundin, ist im wahrsten Sinne des Wortes Geschmacksache. Schließlich gibt ein frisches steirisches Apferl geschmacklich einfach mehr her als eine schnöde Pille. Allerdings sollte man bei den Nahrungsmitteln wirklich darauf achten, dass sie ganz frisch sind. Vitamine sind nämlich überaus flüchtig.
Lagert Obst oder Gemüse (außer typischen Lagersorten) tagelang ab, ist es nur mehr als vitaminfreier Ballast zu werten. Auch beim Kochen bitte Gnade walten lassen. Totgekochtes Gemüse bietet nicht mehr viele Vitalstoffe.


Sollte man sich für die Apothekenvariante entscheiden, warnt Dr. Hanslik vor einer Überdosierung der Vitaminpräparate. Viel hilft hier nicht unbedingt viel! Vitamin D oder E können in extremer Dosierung eine geradezu toxische Wirkung entfalten. Es ist also ratsam die Pillen genau nach Anleitung einzunehmen.


Athleten, Schwangere und Vitamine


Eine Umfrage unter den Teilnehmern an den Olympischen Spielen von 1984 in Los Angeles ergab, dass 80 Prozent der Spitzenathleten regelmäßig Vitaminpräparate zu sich nehmen. Und was für Sportler gerade recht ist, kann für werdende und frischgebackene Mütter nur billig sein.
Schließlich ist Kinder kriegen auch eine körperliche Höchstleistung. Außerdem sollten wir keine Kosten und Mühen scheuen, um die Schwangerschaft zu dem werden zu lassen, was Männer von uns erwarten: Nämlich zur schönsten Zeit im Leben einer Frau.