Ernst des Lebens

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Rund 35% der Kinder leiden an Schulangst. Was wir Eltern dazu beitragen können, dass diese bei unserem Sprössling nicht aufkommt, weiß Kiddycoach Gerhard Spitzer

Als Benni um die letzte Ecke vor dem Schulgebäude biegt, beginnt ihn ein eigenartiges Ziehen in der Magengrube zu plagen. Nun verlässt den Sechsjährigen der Mut. Die Worte seines Vaters vom Abend davor klingen nach: „Morgen beginnt für dich der Ernst des Lebens, mein Junge! Du musst dich anstrengen, damit du viel lernst und wir stolz auf dich sein können!“

Bei Benni kommt leichte Panik auf: „Der Ernst des Lebens?“, denkt er. „Wie erschreckend!“ Und noch mehr beschäftigt ihn: „Was, wenn ich nicht brav lernen? Ist Papa dann nicht mehr stolz auf mich?“ Jetzt hat Benni auf einmal richtig Angst.

Spirale der Angst

Mit Aussagen wie „Jetzt beginnt der Ernst des Lebens“ und „Du musst dich ab jetzt anstrengen!“ glauben viele Eltern, ihre Taferlklassler zu motivieren und ihren Ehrgeiz zu wecken und meinen es damit sicher bloß gut. Aber: Gut gemeint ist eben oftmals das Gegenteil von gut – das zeigt sich auch hier: Denn scheinbar unbedeutende Formulierungen wie diese können insbesondere in der heiklen Phase des Schuleintritts nachhaltige Wirkung haben. Sie lösen eher Angst vor der Schule aus.

Angst ist aber ein denkbar schlechter Motivator. Angst vor der neuen Umgesbung, Angst vor den Lehrern, Angst davor, seine Zeit plötzlich nicht mehr in der schützenden Atmosphäre der elterlichen Wohnung oder des Kindergartens verbringen zu können: Noch geht es zwar weniger um Lerninhalte, an die die allermeisten Taferlklassler in den ersten Monaten ohnedies spielerisch herangeführt werden. Es geht eher um das Gefühl, plötzlich alleine verantwortlich zu sein … Und: Schulangst ist ein ständiger Begleiter, zumindest für rund 35 Prozent aller SchülerInnen der ersten Schulstufen. Angst zu versagen, Angst vor schlechten Noten, Angst vor den drohenden Konsequenzen – die Spirale beginnt sich zu drehen. Angst erzeugt noch mehr davon. Ein endloser Kreislauf für manch ein Kind …

Krankmacher Schulangst

Wir machen einen Zeitsprung. Benni ist mittlerweile acht Jahre alt und leidet an ziemlich ausgeprägter Schulangst. Auch wenn die Eltern das gar nicht so wahrnehmen. Sie sehen nur, dass Bennis Motivation zum Lernen und Mitarbeiten in der Schule kaum noch vorhanden ist. Beinahe täglich gibt es irgendeine tränenreiche Szene, in der es um die Schule geht. Immer öfter fühlt Benni sich auch körperlich unwohl …

Mit seinen Beschwerden ist Benni nicht allein. Auch wenn der Schulbesuch für jedes Kind „normalerweise“ eine aufregende und interessante Angelegenheit darstellt, liefert er zahlreichen Schülern doch Grund für Angst oder Panik. Meist tritt die Angst, die einer augenscheinlichen Ursache entbehrt, in der Vorschule oder im ersten Schuljahr auf; ihren Höhepunkt erreicht sie im zweiten Schuljahr. Und sie äußert sich mehr oder weniger subtil: Kurz bevor das Kind morgens das Haus verlassen sollte, treten beispielsweise Kopf-, Hals- oder Magenschmerzen auf. Oder das Kind weigert sich, aus dem Haus zu gehen.

Darf es dann doch daheim bleiben, lässt die „Krankheit“ plötzlich nach – um am nächsten Morgen vor dem Schulbesuch wieder aufzuflammen. Die Weigerung, weiterhin zur Schule zu gehen, beginnt oft nach einer Zeit, die Kinder „ausnahmsweise“ zu Hause verbracht haben, z. B. nach einer kurzen Krankheit, aber zuweilen auch nach den Sommerferien. Wenn ein Kind sich krank fühlt, „krank spielt“ oder körperliche Beschwerden vorbringt, um nicht die Schule besuchen zu müssen, sollten Eltern dies ernst nehmen. Leidet ein Kind an Ängsten und bekommt es keine adäquate Hilfe, wiegen die möglichen Langzeitfolgen schwer. Bei manchen Kindern gilt es daher die Ursachen zu klären und über einen längeren Zeitraum hinweg zu behandeln.

Lösungsansatz

Ein anderer erster Schultag: Chris, neun Jahre alt, hat sich schon wochenlang auf diesen Tag gefreut. Nicht nur, dass er ab heute zu den „Großen“ gehört, weil er in die vierte Klasse seiner Volksschule aufgestiegen ist.Und:Seine Eltern haben es offenbar fertig gebracht, die gesamte bisherige Schulzeit für ihren Sohn zum rundum positiven Erlebnis zu machen. Chris’ Eltern geben ihm durch positiv formulierte Aussagen und ihr großes Interesse zu spüren, dass die Schule ein Ort ist, der für alle spannend sein kann – aber auch lustig und voller neuer Dinge, die ein Kind erfahren darf, ohne dass es langweilig wird. So machen Lernen und Schule sowie das ganze „Drumherum“ auch Spaß! Ein „Geheimtipp“ übrigens für alle Formulierungen, die mit Lernen und Schule zusammenhängen: „Du darfst etwas lernen“ statt „Du musst“ … Nirgendwo wird der kleine Unterschied, der so viel ausmacht, deutlicher! Kinder tragen die Neugierde sozusagen genetisch bedingt in sich. Wenn es um die Beseitigung von Angst geht, sollte also auch oberste Priorität sein, diese Neugierde zu stärken …

Fotos: Dmitriy Shironosov by Shutterstock.com

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