Lern-Welten für Minis

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Sie müssen rasch in Ihren Beruf zurückkehren? Eine Ausbildung beenden? Oder haben andere Gründe, die eine Betreuung Ihres Kleinen erfordert? Nicht immer ist Individualbetreuung der Kinderkrippe vorzuziehen. Lesen Sie, wann der Aufenthalt in der Gruppe vorzuziehen ist.

Text: Christiane Deutsch

 

 Katharina war total vor den Kopf gestoßen. Als sie ihren Freundinnen erzählte, dass sie für den 18 Monate alten Leon einen Krippenplatz bekommen hatte, schwappte ihr eine Welle des Unverständnisses entgegen: Von „Meine Kinder erziehe ich lieber selbst“, über „Das arme Baby, willst dir nicht lieber ein Aupair Mädchen nehmen?“ bis “kannst du deine Dissertation nicht in der Nacht schreiben?“ Nicht nur als Mutter, sondern auch als ausgebildete Kindergartenpädagogin, die an ihrer Dissertation in Sonderpädagogik arbeitete, fühlte sie sich vor den Kopf gestoßen.

 

Tatsächlich hat die Neuregelung des Kinderbetreuungsgeldes, das je nach Bezugsdauer höher oder niedriger ist, einen enormen Anstieg des Bedarfs an Krippenplätzen gebracht. „Gegenüber dem Jahr 2005/06 gab es bei den einjährigen, meist in Kinderkrippen untergebrachten, Kindern einen Zuwachs auf 9.235 im Jahr 2010/11 (+75,5%). Bei den Zweijährigen betrug der Zuwachs im gleichen Zeitraum 11.349 auf aktuell 30.219 (+60,1%)“, vermeldet dazu die Statistik Austria im Berichtsjahr der Kindertagesheimstatistik 2011/12.

 

Das würde darauf hinweisen, dass Eltern die Entscheidung, Kinder früher in eine außerfamiliäre Betreuungseinrichtung zu geben, vom dadurch lukrierbaren höheren Kinderbetreuungsgeld abhängig machen. Andererseits haben fast 32 % der Kinder, die in Österreich Krippen besuchen, nicht berufstätige Mütter, 2001 waren es noch ca. 22 % (Stat. Austria Kindertagesheimstatistik 2011/12). Gibt es also auch Gründe, die aus pädagogischer oder entwicklungspsychologischer Sicht dafür sprechen, Kinder mit einem Jahr oder 18 Monaten in eine Kinderkrippe zu geben?

 

Neue Lern- und Handlungsträume

Tatsache ist, dass auch sehr junge Kinder nach einer sanften, gut gelungenen Eingewöhnung in der Kinderkrippe oder in altersgemischten Kindergartengruppen viele neue Lern- und Handlungsräume finden, die sie in ihrer Entwicklung unterstützten und das Erlernen vieler unterschiedlicher Kompetenzen fördern. Und vielen macht es einfach Spaß, unter Gleichaltrigen zu sein: „Ich erinnere mich nicht nur an ein Kind in diesem Alter, das – wohlgemerkt nach gut gelungener Eingewöhnungsphase – seinen Protest beim Abholen aus dem Kindergarten lautstark rausbrüllte. Es wollte sich einfach von den spannenden Spielsachen, den tollen Rutschautos im Garten und den anderen Kindern nicht trennen“, erzählt Andrea Krischke, Kindergarteninspektorin bei den Wiener Kinderfreunden schmunzelnd. Sie war Leiterin eines Kinderfreunde-Kindergartens mit einer Kinderstube (so heißen die Krippen bei den Kinderfreunden) und ist als erfahrene Pädagogin überzeugt, dass eine gut geführte Kinderkrippe eine Bereicherung für die ganze Familie darstellt.

 

Das beginnt bei der frühen Sprachentwicklung des Kindes, einem der vielen Bildungsbereiche in der Kinderstube und dem Kindergarten. Denn von den PädagogInnen und anderen Kindern, von gemeinsamen Aktivitäten, Spielmaterialien, Büchern, u.v.m werden vielseitige sprachliche Anreize gesetzt. Auch die Sensibilisierung für Mitgefühl und Emotionen entsteht in der Gruppe gut – schon ganz junge Kinder bringen zum Beispiel einem anderen Kind ein Taschentuch, wenn es weint oder weinen sogar mit!

 

Ein weiterer Punkt ist die Entwicklung der Selbständigkeit: Die Kinder dürfen vieles selbständig ausprobieren, sie haben die Möglichkeit im Garten oder Bewegungsraum Angebote zu nützen und können dadurch ihrem Bewegungsdrang nachkommen.

 

Ergänzung zur Familie

Viele Eltern von Babys können sich dennoch nicht vorstellen, dass sich ihr Kind sich nicht daheim am besten entwickelt. Und für Eltern, die kontaktfreudig sind, sich intensiv mit ihren Kindern auseinandersetzen, sie dennoch selbständige Erfahrungen machen und auch Konflikte gut angeleitet durchleben und selbständig lösen lassen, stimmt das wahrscheinlich.

 

Auch Krischke betont, dass die Familie im Säuglings- und Kleinkindalter natürlich der wichtigste Lernort für Lebenskompetenzen und Bildung im engeren Sinn sein soll. Anders als noch vor einigen Jahren weiß man heute aber, dass es bereits für ein Kleinkind eine Bereicherung ist, wenn es mehrere verschiedene Bezugspersonen kennen lernt. Nicht umsonst besagt ein altes afrikanisches Sprichwort, dass es ein ganzes Dorf braucht, um ein Kind zu erziehen.

 

Die sichere Bindung an verschiedene Bezugspersonen ist die Grundlage für kreatives und freudvolles Lernen – und damit ein Grundstein für die Persönlichkeitsentwicklung. Denn unterschiedliche Menschen geben dem Kind auch unterschiedliche Rückmeldungen hinsichtlich seines Fühlens und Handelns. Damit werden entsprechend unterschiedliche Bedeutungen und Wertvorstellungen im Tiefengedächtnis des Kindes verankert und seine Handlungskompetenz in unterschiedlichen Situationen seines weiteren Lebens wird vergrößert.

 

Vom Ich zum Wir

Krischke: „Kinder, die sich in ein Wir eingebunden fühlen, erweitern dadurch ihr Verhaltensrepertoire und übernehmen im Spiel soziale Wertvorstellungen. Dass jedes Kind bei diesem Lernprozess in seinen individuellen Neigungen, Bedürfnissen und Lerntempo beachtet wird, ist das oberste Prinzip unserer Arbeit als Pädagoginnen und Pädagogen.“ Andrea Krischke, selbst Mutter und Großmutter, ist überzeugt, dass es für Kinder, deren Eltern überdurchschnittlich mit existenziellen und persönlichen Sorgen belastet sind, oft besser sein kann, einen Teil des Tages in guten, familienergänzenden Einrichtungen zu verbringen. Wobei laut Krischke die Betonung auf einem Teil des Tages liegt. Denn die Öffnungszeiten sollen nur ein Rahmenangebot sein. Kleinstkinder wären von einer täglichen außerfamiliären Betreuung von 6.30 h bis 17.30 h absolut überfordert. Auch wenn die Bezugspersonendort noch so liebevoll und pädagogisch kompetent sind.

 

Voraussetzung für diese förderliche Aufgabe der Kinderkrippen (die sich im Kindergarten dann fortsetzt) ist die liebevolle und pädagogisch kompetente Zuwendung durch PädagogInnen, die sich nur wenigen Kindern widmen müssen.

 

In Österreich kommen auf zwei BetreuerInnen (PädagogInnen und AssistentInnen) ca. 10 – 15 Kinder. Das hängt von der Altersstruktur der Kinder ab und ist von Bundesland zu Bundesland verschieden – denn in Österreich gibt es kein Bundesrahmengesetz, das die Rahmenbedingungen in Kindergärten und Kinderkrippen einheitlich regelt.

 

Nur die qualitativen Aspekte der pädagogischen Arbeit im Kindergarten sind seit 2009 österreichweit vorgegeben. Der 60-seitige „Bildungsrahmenplan für elementare Bildungseinrichtungen in ganz Österreich“ behandelt alle Kompetenzbereiche, die bei Kindern in elementaren Bildungseinrichtungen gefördert und gestärkt werden. Und wie man in der Präambel nachlesen kann, bedarf „die Auseinandersetzung mit der aktuellen Entwicklung der Erweiterung der institutionellen Betreuung auch des unter dreijährigen Kindes besonderer Beachtung.“

 

Qualität erkennen

Wie können Eltern nun herausfinden, ob eine Kinderkrippe diesen hohen pädagogischen Anforderungen entspricht? Zunächst einmal, lassen Sie Ihr Bauchgefühl sprechen. Ist die Einrichtung sauber, liebevoll gestaltet, fühlt man sich wohl? Wie gehen die PädagogInnen und AssistentInnen mit den Kindern um? Sprechen Sie die Kleinen auf Augenhöhe an, spürt man, dass sie das Kind in seinen Eigenheiten wertschätzen? Fördern sie den wertschätzenden Umgang der Kinder untereinander?

 

Dann fragen Sie nach dem pädagogischen Konzept, das die Basis für die Arbeit der BetreuerInnen ist. Es sollte die Wertehaltung, den Tagesablauf und die Schwerpunkte der Kompetenzvermittlung an die Kinder darlegen. Außerdem sollten die pädagogischen Planungen mit den jeweils im Kindergarten behandelten Themen und Projekten gut sichtbar in der Krippe aufgelegt oder aufgehängt sein.

 

Fragen Sie, wie die Eingewöhnung ablaufen wird, für die sich Eltern und PädagogInnen viel Zeit nehmen sollten. Denn der Übergang aus der Familie in die Kinderstube bedeutet für jedes Kind eine große Herausforderung. Die Trennung von den Eltern soll daher sehr behutsam geschehen. Je jünger das Kind ist, umso mehr pädagogische Unterstützung benötigt es dabei. Und es wäre gut, wenn die beiden „Fremdelphasen“ mit rund 9 – 12 und rund 18 Monaten, aber auch andere Veränderungen in der Familie, wie zum Beispiel die Geburt eines Geschwisterkindes, nicht genau mit dem Übergang in die Krippe zusammenfallen. Je mehr Zeit dem Kind dabei gegeben wird, desto schöner ist der Einstieg in die neue Kinderstuben-Welt!

 

Fotos: Anatoliy Samara by Shutterstock.com

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