Windelfreie Babys

Modern vs. traditionell

“Die Leute reagieren überrascht wenn sie hören, dass mein Sohn seit seinem vierten Monat keine Windeln mehr trägt. Manchmal nehmen sie an, dass er es einfach überall und jederzeit ,laufen lässt’ und ich ihm ständig hinterher putze”, schildert Ingrid Bauer in ihrem Buch “Es geht auch ohne Windeln!” persönliche Erfahrungen mit der natürlichen Babypflege. “Oft können sie kaum glauben, dass er seinen Drang bewusst wahrnahm und wir uns darüber verständigen konnten, noch bevor er das erste Wort sprach.”
Was so unglaublich erscheint, wird ganz normal, wenn man sich vor Augen hält, dass Mütter aus vielen verschiedenen Kulturen aus aller Welt niemals Windeln benutzen. Auf Reisen durch Asien, Afrika, aber auch Teile Südamerikas, des Mittleren Ostens und Russlands, stößt man überall auf windelfreie Babys.

Beispiel Indien: Bei mehrstündigen Busfahrten durch das Land kann man beobachten, wie sich die kleinen Nackedeis in den Schoß ihrer Mütter schmiegen. Deren farbenprächtige Kleider und Saris bleiben dabei sauber und trocken. Wenn der Bus hält, steigen die Frauen aus und halten ihr Baby an einem geeigneten Ort ab. Sie veranlassen es mit einem Schlüssellaut “sein Geschäft zu machen”.

Intensiver Körperkontakt

Ingrid Bauer wollte einen sehr intensiven Körperkontakt mit ihrem Baby. Während der Schwangerschaft fragte sie sich, ob Windeln überhaupt notwendig sind. “Ohne Plan oder Vorbild entwickelten sich die Dinge nach der Geburt dann ganz natürlich”, erzählt die in Kanada lebende junge Frau.
“Da ich meinen Sohn ständig an meinem Körper trug, konnte ich seine Ausscheidungsbedürfnisse und die damit verbundenen Verhaltensweisen mühelos beobachten.” Immer wenn sie bemerkte, dass er ,Pipi machen’ musste, hielt sie ihn – am Anfang über einer Stoffwindel – ab. Dabei wiederholte sie zwei- oder dreimal einen Schlüssellaut: “pipi’ für das ,kleine’ und ,kaka’ für das ,große Geschäft’. Manchmal amte sie seine leisen Geräusche nach, die er beim Drücken von sich gab. “Viel später fand ich heraus, dass Mütter aus traditionellen Kulturen das Gleiche machen, um die Peristaltik zu stimulieren.”

Das Baby schlief von Geburt an im Familienbett. Es wurde nackt auf Flanelldecken oder Handtücher gelegt. Die Eltern breiteten diese über ein Lammfell oder eine wasserdichte Wickelunterlage, um die Matratze zu schützen. Die Unterlage wurde mehrmals in der Nacht gewechselt.

Erfahrungsprozess

Wenn Ingrid Bauer mit ihrem Baby spazieren ging, trug sie es in einem speziell dafür angefertigten Tragesack unbekleidet unter ihrer Kleidung am Körper. Sie zog einen weiten Pulli mit V-Ausschnitt über sich und das Baby, und ihre Jacke darüber. Das Haus verließ sie immer erst, wenn ihr Sohn sein kleines oder großes Geschäft ausgiebig verrichtet hatte.
Die Aufmerksamkeit für die Bedürfnisse des Babys wuchsen mit der Zeit. “Indem ich die Signale und Verhaltensweisen meines Sohnes beobachtete und mich immer mehr auf meine Intuition verließ, verstand ich ihn immer besser. Zu Hause hatten wir schon manchmal kleine Lacken auf dem Fußboden.

Besuche, Ausflüge und sogar eine Fernreise schafften wir hingegen ohne Windeln und ohne dass etwas daneben ging”, schildert Ingrid Bauer. Neben ihrem eigenen Erfahrungsprozess begann sie zu recherchieren. Sie stellte fest, dass sie mit ihrer Erfahrung in der westlichen Welt nicht alleine war. “Die Zahl der Eltern in Nordamerika und Europa, die eine Alternative zum Wickeln suchen, nimmt ständig zu.”

Wann und wie beginnen?

In den meisten traditionellen Gesellschaften beginnt man innerhalb der ersten Tage bis Monate mit der natürlichen Säuglingspflege. Ingrid Bauer betont, dass Babys ohne Windeln großzuziehen nichts mit einem zu frühen Sauberkeitstraining (herkömmlicher Sauberkeitserziehung) zu tun hat. “Da die Bewusstheit des Babys für seine natürlichen Ausscheidungsbedürfnisse niemals gestört wird, muss sie später nicht erst wieder geweckt werden.”
Signale eines Säuglings können sein:
· sich krümmen
· quengeln
· das Gesicht verziehen, die Augenbrauen hochziehen
· Stirnrunzeln oder ein “nach innen gekehrter” Gesichtsausdruck
· ruhig werden oder die Aktivität unterbrechen
· bestimmte Laute, Blicke, oder das Greifen nach der Mutter
· Aufschrecken oder Aufwachen

Wenn das Baby nackt ist, kann man ev. sehen, dass sein Bauch verspannt ist. Bei Buben kann sich der Hodensack zusammenziehen und der Penis etwas größer und eregiert sein.
Die Signale bei Stuhldrang sind ähnlich, oft noch mit deutlicheren Zeichen verbunden: z. B. Grunzlaute, Blähungen, Grimassen, im Gesicht rot anlaufen und sich stark krümmen.

Intuition & Abhaltepositionen

Intuition der Mutter kann sich wie folgt zeigen:
· Sie hat ganz plötzlich das Gefühl, das Baby muss Pipi machen und/oder braucht sie jetzt
· Sie fühlt sich abgelenkt oder gestört, hat ein plötzlich aufflammendes Gefühl der Liebe für das Baby
· Sie spürt ein “Kribbeln” im Nacken, im Hals oder im Solarplexus

In den ersten Lebenswochen kann das Baby auf ein Tuch oder eine Windel abgehalten werden. Bei Säuglingen, die beim Stillen ausscheiden, kann auch eine kleine Schüssel gute Dienste tun. Wenn das Baby älter ist, eignen sich Topf oder Klo gut. Auch gegen die Verrichtung der Geschäfte im Freien spricht natürlich nichts.

Für das Abhalten gibt es die verschiedensten Positionen: z. B. im Sitzen, das Baby in der Stillhaltung, eine Schüssel auf dem Schoß; oder im Knien vor dem Klo, das Baby schmiegt sich in Hockstellung mit dem Rücken an den Bauch seiner Mama. Während die Mutter die Schlüssellaute von sich gibt, sollte sie wiederum seine Reaktion beobachten.

Ingrid Bauer: “Die Muskeln des Kleinen werden mit der Zeit kräftiger. Damit nimmt die Fähigkeit der bewussten Kontrolle zu – es kann mehr Urin über eine längere Zeit halten. Dies geschieht ganz allmählich und von selbst, bis das Baby durchwegs trocken ist.”

Wahlweise wickeln

Die nächtliche Trockenheit verschieben moderne Mütter gerne auf einen späteren Zeitpunkt. Sie verlassen sich lieber auf die wasserdichten Windeln und hoffen auf einen ungestörten Schlaf.
Mütter in traditionelleren Gesellschaften gehen dagegen häufig schon sehr früh auf die nächtlichen Ausscheidungsbedürfnisse ihres Kindes ein; manchmal schon ab der Geburt. Sie halten das Baby über einer Schüssel auf dem Boden ab, ohne aufzustehen. Im Tiefschlaf nässen Babys nämlich selten ein. Die meisten wachen nachts oder aus ihrem Nickerchen auf, sodass man diesen Zeitpunkt leicht “erwischen” kann.

Nicht jede Mutter wird die natürliche Säuglingspflege anwenden können bzw. wollen. Es erfordert diese Methode eine sehr enge Beziehung zum Kind. “Jede Mutter hat es aber verdient, umfassend über die Methode informiert zu sein. Nur so hat sie eine Entscheidungsfreiheit”, sagt Ingrid Bauer.

Es spricht auch nichts dagegen die natürliche Säuglingspflege mit Windeln zu kombinieren.
Man zieht dem Baby z. B. nur in der Nacht oder nur außer Haus eine Windel an. Oder man hält das Baby immer nur nach dem Aufstehen ab, da sind die Erfolgserlebnisse oft am größten.

Foto: Rachwalski Andrzej/Shutterstock.com




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