Am bedrückendsten ist die Unsicherheit wie es weiter geht …

Homeschooling, Homeoffice, Existenzängste und die Liebe – wie geht es einer alleinerziehenden Mutter in Corona-Zeiten? Ein Gespräch mit Katharina Perry, erfolgreiche Eventmanagerin, Mutter und seit kurzem auch Buch-Autorin.

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Die Eventmanagerin Katharina Perry ist eine selbstbewusste und optimistische Frau. Eine angenehme und charmante Gesprächspartnerin, aber auch eine Persönlichkeit, die zu sich selbst sehr streng ist. Katharina Perry ist zudem eine moderne Mama, eine Mutter aus dem tiefsten Herzen. Eine Mutter die in Corona-Zeiten mitunter an die Grenzen der eigenen Belastbarkeit gestoßen ist, sich aber immer wieder mit dem Satz „Punkt 1: Ich bin Mutter, aufgeben gibt es nicht“ aufrichten konnte.

fratz.at: Frau Perry wie alt ist ihr Sohn.
Katharina Perry:
Er ist im November 8 Jahre geworden und geht in die 2. Klasse.

fratz.at: Wie sah ihr Leben, Ihr Alltag vor gut einem Jahr, also vor Corona-Zeiten aus?
Katharina Perry:
Vor einem Jahr war mein Leben wieder gut eingespielt. Nach der Scheidung hatte ich es – mit Unterstützung und Hilfe meiner eigenen Mutter – geschafft, als alleinerziehende Mutter, Familie und Beruf gut miteinander zu vereinbaren.
Das letzte Jahr hat mich dann aber vor viele Herausforderungen gestellt, was auch daran liegt, dass ich als Selbstständige in der Eventbranche arbeite.  Events – von deren Ausrichtung ich lebe – waren ja das Erste was gestrichen wurde. Im 1. Lockdown hatte ich auch noch keine finanziellen Ängste, da ich mit meiner Agentur gut gewirtschaftet habe. Aber nach einem halben Jahr, habe ich schon angefangen über die finanzielle Situation nachzudenken, dass es so nicht weitergehen kann. Am Anfang dachte ich noch, dass der Lockdown drei Wochen bis maximal 1, 2 Monate dauern würde. Dass es ein Jahr dauern wird wusste ich damals natürlich noch nicht. Das Problem dahinter: März, April und Mai sind bei mir noch Hauptsaison und mit dem 1. Lockdown waren dann viele Veranstaltungen, für welche die Arbeit bereits erledigt war, nicht mehr erlaubt.

fratz.at: Wie war es für Sie, als die Regierung den 1. Lockdown bekannt gegeben hat?
Katharina Perry:
Aus finanzieller Sicht war das für mich als alleinerziehende Mutter natürlich ein Schock. Andererseits habe ich in dieser Zeit eine sehr intensive und schöne Zeit mit meinem Sohn verbracht, das war irgendwie ein Zurückholen auf den Boden. Auch wenn diese Zeit mit Ängsten und vielen Fragen verbunden war. Fragen wie: Wann geht es wieder los? Wann kann ich wieder arbeiten? Wann kann ich wieder Geld verdienen?

 

Mama spielt jetzt Lehrerin

fratz.at: Ihr Sohn war damals in der 1. Klasse. Wie hat für Sie und für Ihren Sohn das Homeschooling funktioniert?
Katharina Perry: Am Anfang war es sehr lustig und hat auch gut funktioniert, vor allem, weil er immer gesagt hat: „Die Mama spielt jetzt Lehrerin.“ Schwieriger gestaltet es sich jetzt, im 2. Schuljahr, da es auf Grund der langen Dauer nicht mehr so lustig ist, sondern langweilig. Es fehlen die Freunde und auch die Mama ist schon langweilig. Nicht zuletzt auch deshalb, weil man als Mutter, nach der langen Dauer des Lockdowns, selbst am Limit ist und die Nerven deutlich angespannt sind. Vor allem diese Unsicherheit „dann ist wieder Schule, dann ist wieder Lockdown, dann ist wieder Schule usw.“ hat sich nicht unbedingt positiv ausgewirkt.

fratz.at: Sie haben mir erzählt, dass Ihre Mutter für Sie und auch für Ihren Sohn eine wichtige Bezugsperson ist. Wie war es für Sie, als Sie von einem Tag auf den anderen den persönlichen Kontakt abbrechen mussten?
Katharina Perry: Das war für uns alle sehr schwierig. Von der Zeit her war es weniger ein Thema, da ja mein Job „weg war“. Aber als Oma hätten wir sie sehr gebraucht, weil der Kontakt zwischen meinem Sohn und ihr sehr innig ist. Wir haben sie sehr vermisst. Wir waren aus Sorge auch sehr, sehr vorsichtig. Ich kann mich noch sehr gut erinnern, als wir uns zu Ostern das erste Mal wieder getroffen haben. Wir sind aus dem Auto ausgestiegen, alle drei mit Masken und Handschuhen und haben uns nur gewinkt. Als mein Sohn dann gefragt hat, ob er seine Omi umarmen darf und ich das verneinen musste, habe ich mit den Tränen gekämpft. Es war für uns eine große Belastung und wirklich sehr emotional.

 

Arbeiten bis zwei Uhr früh, aufstehen um sechs Uhr …

fratz.at: Als der erste Lockdown zu Ende war, wie ging es beruflich für sie weiter?
Katharina Perry: Ich hatte Glück und ich gebe auch nicht so leicht auf. Ich wollte den Kopf nicht in den Sand stecken und habe mich umgesehen, wie ich mich weiter entwickeln kann und habe daran gearbeitet Veranstaltungen digital umzusetzen.
Das war viel Arbeit und nicht selten habe ich mir ganze Nächte um die Ohren geschlagen. Konkret habe ich in der Nacht bis 2 Uhr früh gearbeitet, um 6 Uhr früh musste ich wieder aufstehen um tagsüber die Zeit mit meinem Sohn zu verbringen. Diese Situation hält bis heute an.

fratz.at: Wie versuchen Sie für Ihren Sohn da zu sein?
Katharina Perry: Einerseits versuche ich mit ihm zu lernen. Gleichzeitig muss man aber genauso Mama sein, lustig sein, mit ihm spielen und natürlich die Nerven behalten – also irgendwie ein Tausendsassa sein. Ich sage mir immer, dass die Mutterliebe einem die Kraft für das alles gibt, auch für die Arbeit. Denn sonst schafft man das alles nicht.

fratz.at: Sie haben in der Lockdown Zeit ihr erstes Buch „Wir sind trotzdem eine Familie“ veröffentlicht. Wann ist Ihnen die Idee zu diesem Buch gekommen?
Katharina Perry: Den Text habe ich bereits während unserer Scheidung geschrieben. Unsere Scheidung hat sehr lange gedauert und war nicht sehr schön. Auch wenn mein Ex-Mann und ich sehr unterschiedlich sind und wir viele Meinungsverschiedenheiten hatten, waren wir uns in einem immer einig: Unser Sohn darf nicht der Leidtragende sein und wir dürfen unsere Kämpfe nicht vor ihm austragen. Das haben wir dann auch so durchgezogen. Ich hatte viel Zeit zu überlegen wie wir unserem Sohn die Trennung erklären können. Mir war es persönlich sehr wichtig, dass er sich nicht schuldig oder zwischen uns hin und hergerissen fühlt. Ich bin selbst in einer Familie aufgewachsen, in der es zwischen meinen Eltern viele Meinungsverschiedenheiten gab. Ich habe das immer wieder vom Bett aus mitangehört.  Als Kind projiziert man die Schuld oftmals auf sich selbst und ich hatte damals unvorstellbare Angst. Genau vor dem, was ich als Kind erlebt habe, wollte ich meinen Sohn schützen.

 

Die Welt draußen kann untergehen, wir bleiben stehen

fratz.at: Gab es im ersten Lockdown auch die Möglichkeit, dass Sie sich selbst eine Auszeit genommen haben, und ihr Sohn Zeit mit seinem Vater verbracht hat?
Katharina Perry: Nein, absolut nicht. Wir haben auch gemeinsam und bewusst die Entscheidung getroffen, dass wir uns nicht treffen. Dadurch konnten wir uns auch nicht gegenseitig anstecken. So wollten wir die Möglichkeit schaffen, dass immer einer von uns beiden gesund ist und für unseren Sohn da sein kann, wenn sich einer anstecken sollte.
Ich muss auch gestehen, dass ich so sehr Angst vor der Krankheit hatte, dass ich einfach nur mein Kind bei mir haben wollte. Ich dachte mir: „Die Welt draußen kann untergehen, aber mein Kind und ich bleiben stehen.“ (Anm. d. Redakteurin: Bei diesem Satz mussten wir beide aus vollsten Herzen lachen. Rückblickend betrachtet haben wohl viele so gedacht. Heute nachdem das Wissen rund um Corona doch deutlich zugenommen hat wirkt das alles ein wenig surreal).

Rückblickend betrachtet war der erste Lockdown eine wunderschöne Zeit, in der wir in der Wohnung aufeinander geklebt sind. Sie haben aber Recht ein Tag für mich, wäre sehr schön gewesen. Vor allem deshalb, weil es doch zweieinhalb Monate gedauert hat. Mein Sohn ist ein Junge, der sehr viel Bewegung braucht. Ich habe in unserer Wohnung sogar einen Fußballplatz aufgebaut. Ich habe mir einfach gedacht, die Wohnung kann ruhig zerstört werden, Hauptsache wir gehen nicht mit der Welt unter und er bekommt das was er benötigt.

 

Kein Platz für die Liebe, …

fratz.at: Blicken wir noch einmal zurück: Ein harter Lockdown mit Ausgangssperre, das Kind braucht eine 24/7-Betreuung, kein Partner der einspringt, … Ist da manchmal auch ein Gefühl der Einsamkeit bei Ihnen aufgekommen?
Katharina Perry: Im ersten Lockdown eher nicht, da war ich extrem beschäftigt. Die gesamte Diskussion um Corona hat mich sehr beschäftigt, dazu natürlich die Frage wie es weiter gehen soll. Für mein Kind habe ich viel Zeit benötigt und Homeschooling war ja noch ganz neu. Daneben habe ich noch mein Buch fertiggestellt, dass ich bereits während Trennung geschrieben und meinem Sohn vorgelesen habe.  

Schon während ich den Text geschrieben habe, hat mir meine Mutter geraten daraus ein Kinderbuch zu machen. Den ersten Lockdown habe ich dann dazu genutzt. Auch deshalb, weil ich mitbekommen habe wie stark viele Beziehungen im ersten Lockdown belastet wurden. Selbst von Freunden kam da manchmal ein „Ich lass mich scheiden“. Mein Bruder, als Kameramann selbst vom Lockdown betroffen, hat dann die Illustrationen gemacht, die mir gefehlt haben.

Zusätzlich habe ich in dieser Zeit die Idee für ein Hybrid-Konzert geboren, welches ich mit dem „Haus der Musik“ machte und als Hauptsponsor die Stadt Wien hatte. „Für die Liebe“- wie man so schön sagt – gab es zu dieser Zeit absolut keinen Platz. Natürlich ist da im Unterbewusstsein immer die Sehnsucht nach einem Partner da. Vielleicht habe ich mich auch deshalb abends so in die Arbeit gestürzt, damit ich richtig müde bin und ins Bett falle.

fratz.at: Wie war der Sommer?
Katharina Perry: Der Sommer war OK. Ich konnte arbeiten, ich konnte auch einige Veranstaltungen umsetzen und auch Konzepte erstellen. Ich konnte meine Familie sehen, die Sonne hat vom Himmel geblinzelt, es war einfach alles positiver.

 

Am bedrückendsten ist die Unsicherheit wie es weiter geht.

fratz.at: Dann kam der Oktober, wir alle haben gemerkt es wird immer enger. Dann der Samstag vor dem 3. November und der zweite Lockdown. Wieder Homeschooling, wieder keine Freunde, die finanzielle Angst wächst wieder, schlechtes Wetter und noch immer alleine. Wie ist es Ihnen da ergangen?
Katharina Perry: Da war es dann schon schwieriger. Obwohl oder weil mein Sohn die Schule liebt, war es für ihn nun nicht mehr so lustig, wie beim ersten Mal. Er hat seine Freunde vermisst und es hat ihm keinen Spaß mehr gemacht „mit der Mami zu lernen“. Für mich war es schwer, da ich wieder versuchen musste Job und Betreuung unter einen Hut zu bekommen.  Ich hatte viele Anfragen, welche ich natürlich so rasch wie möglich beantworten wollte. Ich habe Konzepte ausgearbeitet, die im Nachhinein betrachtet, auf Grund der langen Dauer des zweiten Lockdowns für die gesamte Veranstaltungsbranche, nichts gebracht haben außer viel Arbeit.  Am bedrückendsten war und ist wohl die Unsicherheit wie es sich weiter entwickeln wird und natürlich die Frage wie es in finanzieller Sicht weiter gehen soll.

fratz.at: Wie geht es Ihnen psychisch, wie fangen Sie sich in dieser Situation selbst auf?
Katharina Perry: Ich glaube es ist eine Sache der eigenen Persönlichkeit, und ich war schon immer ein Stehaufmännchen. Ich muss gestehen, dass ich mir bereits morgens, wenn ich aufstehe sage: Punkt 1: ich bin Mutter, aufgeben gibt es nicht!
Ich habe mir im Kopf auch immer wieder die Fragen gestellt: Was kann ich beruflich machen? Wie kann ich meinen Sohn auch gedanklich beschäftigen. Mein Tipp ist nicht sitzen und abwarten bis etwas passiert.  Das könnte ich auch, aber dann würde ich wohl in Selbstmitleid zerfließen. Das zieht einen dann aber sehr schnell bergab. Natürlich ist es manchmal auch verlockend und einfacher sich zurückzulehnen und zu hoffen, alles einfach abzuwarten.
Natürlich ist da auch die Frage, wie soll ich jemand kennen lernen? Beim Einkaufen… mit der Maske? Mit der Aufschrift „Ich bin Single“? (wieder ein herzhaftes Lachen.) Ich habe es vorerst aufgegeben. Der Frühling kommt, der Sommer kommt und Corona wird hoffentlich gehen. Außerdem hoffe ich, dass die Männer auf Grund der momentanen Situation wieder altmodischer werden und wieder beginnen die Frauen anzusprechen. Vielleicht werden Sie ja auch ein bisschen familiärer.

 

Man muss sich selbst immer wieder wachrütteln

fratz.at: Wie blicken Sie auf die Zukunft?
Katharina Perry: Man muss sich selbst immer wieder wachrütteln.  Ich bin als Selbstständige in der Eventbranche tätig. Eine Branche, die von der Regierung bei den Hilfen absolut übersehen wurde. Ich bin alleinerziehende Mutter, auch deshalb muss ich mich immer wieder wachrütteln um eine Perspektive zu haben.  Leider sind auch in meinem Bekanntenkreis, Menschen an Corona gestorben. Ich bin dankbar, dass meine Familie, mein Sohn und ich gesund sind. Natürlich hadere auch ich ab und zu mit der Situation. Auch wenn ich zu anderen sehr herzlich bin, zu mir selbst bin ich sehr hart. So treibe ich mich auch voran. Denn: „1. Ich bin Mama!“

fratz.at: Welche fremde Unterstützung wäre für Sie hilfreich gewesen?
Katharina Perry: Extern? Schwierig zu sagen! Ich hatte null externe Unterstützung, zumindest habe ich nichts bemerkt. Es wäre schon gut gewesen, wenn es für alleinerziehende Mütter und Väter auch Angebote gegeben hätte, damit diese mal 2, 3 Stunden Zeit für sich gehabt hätten.

fratz.at: Wie haben sich die langen Lockdowns in Ihrem Freundes- und Bekanntenkreis niedergeschlagen. Gab bzw. gibt es da auch psychische Auswirkungen?
Katharina Perry: Ja, definitiv. Man telefoniert ja viel miteinander, obwohl ich das eigentlich nicht wirklich mag, aber persönlich treffen war ja leider nicht möglich. Viele der Ehepaare streiten sich extrem viel und gehen sich auf die Nerven. Ich habe viele Freundinnen die sagen: Es geht ihnen nicht gut. Sie wissen nicht wie es weiter geht, sie können ihr Leben nicht planen… Die Nerven liegen blank, es macht sich eine Hoffnungslosigkeit breit. Vor allem Eltern von Teenagern haben Probleme mit ihren Kindern. Den Jugendlichen fehlt auch die Perspektive. In diesem Alter ist es besonders wichtig sich mit seinen Freunden auszutauschen, weil man sich von den Eltern oft missverstanden fühlt. Aber die Freunde kann man im Moment ja nicht treffen.  

Nina Winzer (Redakteurin): Frau Perry, ich möchte mich vielmals für das Gespräch und Ihre Ehrlichkeit bedanken. Ich wünsche Ihnen und auch Ihrem Sohn für die Zukunft alles Liebe und Gute.
Katharina Perry: Ebenfalls Danke für Ihre Zeit und das überaus nette Gespräch.

 

Weitere Informationen zu Katharina Perrys 1. Buch: https://www.katharinas-welt.com/
Mehr zu Katharina Perry: https://www.katharina-perry.com/de

Bildrechte: Katharina Perry, Foto: Nina Saurugg