No Milk Today !

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Wenn man an gesunde Ernährung denkt, stehen frische Milch und Milchprodukte sowie reichlich Obst und Gemüse meist ganz oben auf dem Speiseplan. Für rund zehn Prozent der Bevölkerung gilt aber genau das Gegenteil. Sie leiden unter einer Laktose- und/oder Fruktoseintoleranz, vertragen genau diese Lebensmittel nicht und kämpfen mit vielen unangenehmen gesundheitlichen Folgeerscheinungen. Text: Gerhard Schillinger

Thomas ist ein aufgewecktes und fröhliches Kind. Unkompliziert in den meisten Lebensbereichen. Mit einer Ausnahme: Jahrelang war das Thema Essen und Verdauung spannungsgeladen und für alle Beteiligten nervenaufreibend. Thomas’ Mutter bemühte sich stets um eine gesunde und ausgewogene Ernährung. Nach dem Abstillen bildeten Milch, naturbelassene Joghurts und kohlenhydratreiche Lebensmittel wie Nudeln einen Schwerpunkt des Speiseplans. Thomas weigerte sich jedoch beharrlich sein Glas warme Milch, den Grießbrei oder das Kinderjoghurt zu essen. Tat er es doch, waren Durchfall, Blähungen und sogar Erbrechen die Folge. Während andere gleichaltrige Kinder im Kindergarten längst sauber waren, musste Thomas noch immer Windeln tragen und spürte sein „Geschäft“ meist zu spät. Es folgte der Gang zum Kinderpsychologen und Kinderarzt sowie Stress und Scham bei Kind und Eltern. Eine Lösung des Problems gab es trotzdem lange nicht. Bis nach Jahren endlich der Grund gefunden wurde.


Stoffwechsel gestört

Thomas’ instinktive Ablehnung von Milchprodukten und die unangenehmen Begleiterscheinungen von Durchfall bis zu Übelkeit lagen in einer klassischen Laktoseunverträglichkeit begründet. Dabei handelt es sich um eine weit verbreitete, aber oft lange unerkannte Stoffwechselstörung, die durch das Fehlen oder einen Mangel des Enzyms Laktase im Dünndarm hervorgerufen wird. In Milch und den meisten Milchprodukten ist der Milchzucker Laktose enthalten. Im gesunden Organismus wird dieser durch das Enzym in seine Bestandteile Glucose und Galaktose aufgespalten und dann von den Dünndarmzellen aufgenommen und verwertet. Bei einer Laktoseunverträglichkeit ist dieser Prozess gestört und der Milchzucker kommt ungeteilt direkt in den Dickdarm. Die darauf einsetzende Produktion von u. a. Milchsäure, Methangas oder auch Kohlendioxid und Wasserstoff führt in Folge zu den typischen gesundheitlichen Problemen wie Übelkeit, Blähungen und Durchfall. Häufig leiden die Betroffenen auch an unerklärlichen Krämpfen im Bauchbereich und einem allgemeinen Unwohlsein nach dem Konsum von Milchprodukten.

Ein Test schafft Gewissheit
Wenn Kinder oder auch Erwachsene nach dem Verzehr von Milchprodukten kontinuierlich und regelmäßig an diesen „Unpässlichkeiten“ leiden, bringen zwei einfache Tests Gewissheit, ob eine Laktoseunverträglichkeit als Ursache vorliegt. Beim Wasserstoff-Atemtest wird Betroffenen aufgelöster Milchzucker in Wasser zu trinken gegeben und danach untersucht, ob in der Atemluft als Folge einer Störung Wasserstoff abgegeben wird. Die Konzentration ist zugleich auch das Maß der Schwere einer eventuellen Laktoseintoleranz. Eine weitere Möglichkeit, Klarheit zu bekommen, bietet der Laktosetoleranztest durch Bestimmung des Blutzuckerspiegels. Nach dem Konsum von Laktose in Wasser auf nüchternen Magen wird in 30-Minuten- Abständen mehrmals der Anstieg des Blutzuckers bestimmt. Fällt er zu gering aus, ist das ein Beweis für die fehlende vorherige Spaltung im Dünndarm und einen Mangel des Enzyms Laktase.

In den Griff bekommen
Egal ob die Laktoseintoleranz von Geburt an vorliegt oder als Folge einer möglichen Darmerkrankung bzw. nach Darmoperationen – bei Letzteren bessert sich die Unverträglichkeit meist nach Genesung der zugrunde liegenden Störung – entwickelt wurde: als Therapie hilft nur eine milchzuckerfreie oder -arme Ernährung. Grundlage dafür ist die Vermeidung von Milch- und Milchprodukten und Nahrungsmitteln, die diesen Grundstoff in verarbeiteter Form versteckt enthalten. Darunter fallen Schokolade genauso wie viele Fertiggerichte oder Backwaren.

Ein Blick auf die Inhaltsangaben auf der Verpackung ist daher unumgänglich. Als Ersatz sind im Lebensmittelhandel laktosefreie Milch und Milchprodukte wie Joghurt, Butter oder Topfen problemlos erhältlich. Diese müssen dann auch zum Kochen und Backen verwendet werden. Gut geeignet sind auch Sojamilch und -puddings. Nach einer strengen, etwa vierwöchigen Diät kann dann vorsichtig ausprobiert werden, ob doch einige Milchprodukte in begrenzter Menge vertragen werden. Sollte das Enzym Laktase völlig fehlen, muss die Diät allerdings lebenslang eingehalten werden. Problemlos sind in jedem Fall Käsesorten, bei denen im Laufe der Reifung die Laktose bereits abgebaut wurde. Dies ist bei Hartkäse wie z. B. Emmentaler, Tilsiter oder Gouda der Fall. Käse ist somit auch ein guter Lieferant von Kalzium.

Fruktoseunverträglichkeit – wenn Apfel & Co. schädlich sind
Millionen Mitteleuropäer sind mehr oder weniger stark von der Fruktoseunverträglichkeit, der zweiten großen Lebensmittelintoleranzstörung, betroffen. Fruktose ist der in den meisten Obst- und vielen Gemüsesorten enthaltene Fruchtzucker, der im gesunden Organismus problemlos vom Dünndarm aufgenommen wird. Fehlt allerdings das Protein „Glucose-5-Transporter“ im Körper, ist diese Aufnahme behindert und der Fruchtzucker gerät unverarbeitet in den Dickdarm. Der dadurch einsetzende Abbau durch Bakterien verursacht Blähungen, Durchfälle oder in weiterer Folge unbehandelt sogar Arthritis, Depressionen und Allergien. Hinzu kommt, dass die Fruktoseintoleranz oft gleichzeitig bei Menschen mit Laktoseunverträglichkeit auftritt.

Testen und selektiv ernähren
Gewissheit bringt nur der H2-Atemtest.Dabei wird in Wasser aufgelöste Fruktose getrunken und die abgegebenen Gase in der Atemluft gemessen. Weitere Hinweise geben die gleichzeitig auftretenden Symptome wie Bauchgeräusche, Schmerzen oder Durchfall. Ist der Verdacht bestätigt, beginnt der schwierige Weg der totalen Nahrungsumstellung. Während einer zunächst vierwöchigen strengsten Diät sollten alle fruktosehaltigen Lebensmittel komplett vom Speiseplan gestrichen werden, das bedeutet, gänzlich z. B. auf Obst, die meisten Gemüsesorten, Honig, Alkohol und vor allem alle Speisen, die Zuckeraustauschstoffe wie Sorbit, Mannit oder Xylit enthalten, zu verzichten. Damit sind auch die für Diabetiker geschaffenen zuckerfreien Produkte nicht geeignet. Auch bei Arzneien und Infusionen ist Vorsicht angebracht, da auch diese Fruktose enthalten können.


Enger Speiseplan

Nach der strengen Diätphase sollte vorsichtig die Verträglichkeit einzelner Obst- und Gemüsesorten ausgetestet werden. Denn die Liste der „verbotenen“ Produkte ist subjektiv und manchmal werden einzelne Sorten durchaus gut verarbeitet. Gut geeignet für fruktoseintolerantes Essen sind etwa Kartoffeln, Erbsen, Spinat, Spargel oder auch viele Blattsalate und Avocados. Erlaubt sind meist auch alle Nusssorten mit Ausnahme von Erdnüssen. Melonen, Marillen und Mandarinen haben einen niedrigeren Fruktosegehalt als andere Obstsorten.

Während Fruchtsäfte verboten sind, kann Wasser, Kaffee und schwarzer Tee problemlos konsumiert werden. Fleisch, Fisch und Eier sind ebenfalls gut verträglich. Als Zuckerersatz dient Traubenzucker/Dextrose, was oft auch die Verarbeitung von fruktosehaltigen Nahrungsmitteln verbessert. Auch der klassische Haushaltszucker Sacharose ist in geringem Maße erlaubt. Um Mangelerscheinungen zu vermeiden, sollte viel Mineralwasser getrunken und – falls notwendig – in Absprache mit dem Arzt eventuell auch Nahrungsergänzungsmittel eingesetzt werden.

Fotos: Gorilla / BlueOrange Studio by shutterstock.com, Hersteller

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