Serie: Achtung Erziehungsfalle

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Gerhard Spitzer, Sozialpädagoge, Familien-Coach und Erziehungsberater. Seit mehr als 26 Jahren erfolgreich in der außerschulischen Jugendarbeit als Betreuer und pädagogischer Leiter sowie als Erziehungsberater tätig, kennt und liebt Gerhard Spitzer die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen aller „Schwierigkeitsgrade“. Erfolgreich und gerne besucht sind seine humorvollen Vorträge zum Thema „Entspannt erziehen“.

„Mami, Kakao!“ Ein häufiger Ausruf aus dem Mund des achtjährigen Manuel. Solch exotische Worte wie „Bitte“ oder „Danke“ kommen im Wortschatz von Mutters Sonnenschein leider nicht vor. Brauchen sie auch nicht: Denn Manuels ganz offensichtlich gut „trainierte“ Mami springt jedes Mal auch ohne ein „Bitte“ auf – und das, noch bevor Sohnemann mit seinem knappen Wunsch, vielmehr „Befehl“, zu Ende gekommen ist.

Auch heute spielt sich wieder eine typisch Szene zwischen den beiden ab: Während sich der kleine „Sklavenhalter“ gemütlich im Fernsehsessel räkelt, muss Mami sogar die Küchenleiter erklimmen, denn die neue Dose Kakao steht im obersten Regal. Auch wenn Manuel in diesem Fall schwer helfen kann – für solche „Kleinigkeiten“ interessiert er sich grundsätzlich nicht. Er sieht lieber fern … Doch heute kommt es noch „dicker“: Als der Kakao fertig ist, hat der nette Junge einen ebenso netten Kommentar für seine Mutter: „Wähh, der ist doch viel zu süß!“ Zugegeben, ein drastischer Bericht aus der Welt des häuslichen Sklaventums, aber nichtsdestotrotz: Es ist genau so passiert. Wie übrigens alles, worüber Sie in der Ratgeberreihe „Achtung, Erziehungsfalle!“ lesen werden. Tatsache!

Glückliche Kinder?

Wie viele andere Mütter ist auch Manuels Mutter stets zur Stelle, wenn Sohnemanns Kleidungsstücke auf dem Boden liegen geblieben sind oder es gilt, einen Teller hinter ihm herzuräumen. Aus pädagogischer Sicht müssen wir uns allerdings die bedeutsame Frage stellen: Macht es Manuel und viele Gleichgesinnte zu glücklichen Kindern, wenn sie in der „angenehmen“ Situation leben, ständig bedient zu werden? Die Antwort darauf kann klarer nicht sein: „Nein!“ Und noch eine zweite, viel wichtigere Frage drängt sich auf: Wollen Kinder überhaupt eine Person, die ihnen möglichst viele Arbeiten des täglichen Lebens abnimmt? Auch die Antwort auf diese Frage könnte kaum deutlicher ausfallen: „Nein! Wollen sie nicht!“

Mit den Augen eines Kindes

Wie sieht eigentlich Manuel – stellvertretend für alle ihm ähnlichen Kinder – die Sache? Für ihn ist seine Mutter immer weniger eine ernst zu nehmende Bezugsperson, vor allem nicht als Erziehende. In seinem Unterbewusstsein „demontiert“ sich die geliebte und respektierte Mutter, wenn sie stets sofort zu Diensten ist, jedes Mal selbst. Als Mutter verliert sie damit stetig an Wert. Im Gegenzug dazu bekommt sie jedoch mehr und mehr Bedeutung als „Dienstmagd“. Doch Manuel braucht keine Dienstmagd – er braucht eine Mutter! Und zwar eine, die ihre unersetzbare Aufgabe als Führungspersönlichkeit erfüllt … „Also, ich mache mir meinen Kakao immer selber“, empört sich Lukas, ein neunjähriger „Wirbelwind“, auf die Frage, wie er denn die Sache mit dem Kakao sehe. „Und überhaupt mag ich es am liebsten, wenn ich ganz alleine auf meine Sachen schauen darf und mir meine Mami auch sonst total viele Arbeiten anvertraut!“ Lukas ist als ganz zufriedenes, ausgeglichenes Kind wahrzunehmen. Mit einem gehörigen Schuss Selbstvertrauen übrigens …

Helferlein-Gen

Jedes Kind trägt wohl etwas in sich, das als „Helferlein-Gen“ bezeichnet werden kann: Kinder wollen am liebsten überall helfen, möchten sich andauernd betätigen und in möglichst viele Tätigkeiten miteinbezogen werden. Ihr Wunsch: von ihren Bezugspersonen positiv wahrgenommen und beachtet zu werden. Das genügt ihnen auch schon zum Glücklichsein! Und das Schönste ist: Viele kleine Arbeiten auszuführen, gibt ihnen nicht einen Augenblick lang das Gefühl, „überlastet“ zu sein oder „ausgenützt“ zu werden. Das kann, wie im Falle der sechsjährigen Marina, so weit gehen, dass sie von Mami eigenverantwortlich die „Oberaufsicht“ über die Sauberkeit der drei Wohnräume im Erdgeschoß des Hauses übernimmt. Marina ist dabei stets sehr gewissenhaft und ordentlich … Übrigens räumt und wischt sie meistens spielerisch. Das macht Spaß – und deshalb tut Marina es so gerne! Die Sechsjährige reklamiert auch sofort verlässlich, wenn es Putzutensilien nachzukaufen gilt. Und wenn sie mal Hilfe braucht, setzt sie kurzerhand ihren Charme bei der großen Schwester oder gleich bei Mami ein.

Das ganze Geheimnis

Zwei wichtige Erkenntnisse: Wer seinen Kindern immer liebevoll und eifrig als Ichräume-dir-alle-Sachen-hinten-nach-Butler zur Seite steht, beraubt sie erstens nach und nach ihres ganz natürlichen und sehr ausgeprägt vorhandenen „Helferlein-Programmes“! Im Kombipack damit kommt unseren Kleinen dabei zweitens leider noch etwas abhanden, das Kinder unbedingt brauchen: das Gefühl, dass man ihnen vertraut. Das geschieht schon in ganz unbedeutenden Situationen: Jene liebe Mami, die jedes Mal Töchterchens gerade eben benutzten Teller wegräumt, sagt ihrem Kind ganz klar damit: „Ich vertraue dir eigentlich nicht, dass du das auch alleine schaffen könntest!“ Klingt banal – ist aber schon das ganze Geheimnis.

Wie alles beginnt

Nun ist es langsam an der Zeit, sich genauer mit den Ursachen zu beschäftigen und der Entstehung des „häuslichen Sklaventums“ nachzugehen. Das ist nämlich im wahrsten Sinne des Wortes „hausgemacht“! Diese Selbsterkenntnis wird es schließlich leichter machen, vieles zu ändern.

Wie etwa hat die täglich ablaufende Kakao-Geschichte bei Manuel angefangen?

Dem Jungen wurde schon als Kleinkind der Schnuller jedes Mal zurückgebracht, wenn er in hohem Bogen aus dem Gitterbett flog. Schnell mal ein paar Tränen, und schon war Mamis hilfreiche Hand mit dem Schnuller wieder da – und das, wenn es sein musste, bis zu zehn Mal hintereinander! Dass all dies bloß ein klassisches Austesten seiner Grenzen und damit ein Abklären des möglichen Sklaven-Potenzials seiner Mutter war, hat Manuels Mutter damals wie heute nicht erkannt.

Somit nähern wir uns der allerwichtigsten Erkenntnis: Auch Kids wie unser Manuel werden nicht zum Sklavenhalter geboren. Kein Junior stellt sich – sobald er sie endlich benutzen kann – zum ersten Mal auf seine Beinchen und sagt: „Hey, ich hätte ab heute für den Rest meines Lebens gerne eine Leibsklavin, die mir meinen Schnuller überall hin nachträgt und die überhaupt von nun an sofort springt, wenn ich etwas möchte!“ Zum häuslichen Sklaven werden Mama oder Papa also nicht einfach von ihren Lieben gemacht: Man beginnt sich irgendwann selbst in die Rolle zu fügen, indem man ganz unspektakulär anfängt, sich wie ein solcher zu verhalten! Was diese Erkenntnisse mit Perfektionismus, Selbstvertrauen und „Bitte“ oder „Danke“ zu tun haben, erfahren Sie im nächsten fratz & co!

Tipps finden Sie in der aktuellen Ausgabe!

Foto: Shutterstock.com Goodluz

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