Teamwork fürs Kind

Viele Kinder zwischen drei und sechs Jahren verbringen von Montag bis Freitag mehr Wachzeit im Kindergarten als mit ihren Eltern. Dem Zusammenwirken von Eltern und Kindergartenpädagoginnen kommt daher ein großer Stellenwert zu. Fratz und Co. Autorin Maria Gruber berichtet von einer hochkarätig besetzten Enquete, die sich mit den wichtigsten Aspekten dieser „Bildungspartnerschaft“ beschäftigte. Text: Maria Gruber

Werbung

Die dreijährige Julia steht um 7.30 auf, geht mit ihrer Mama um 8.15 aus dem Haus, ist um 8.30 im Kindergarten. Ihre Mutter beginnt um 9 Uhr zu arbeiten und ist bis 17 Uhr im Büro. Um 17.15 holt sie Julia ab, geht mit ihr einkaufen und dann nach Hause. Einmal in der Woche muss Julia zur Logopädin und manchmal darf sie noch Fernsehen. Das Abendritual besteht aus Essen, Baden, noch ein bisschen im Pyjama spielen, Geschichte vorlesen und um circa 20 Uhr schläft Julia bereits. Laut einer Studie, die der Zukunftsforscher Dr. Martin R. Textor, Gründer des Instituts für Pädagogik und Zukunftsforschung (IPZF) in Würzburg, bei der Kinderfreunde-Enquete „Bildungspartnerschaft im Kindergarten“ Ende Jänner zitierte, beträgt die Wachzeit von Dreijährigen rund 12 Stunden, von denen die meisten Kinder acht Stunden im Kindergarten verbringen. Abzüglich durchschnittlicher Fernsehzeit von 73(!) Minuten am Tag (Julias Eltern achten darauf, dass es weniger ist) bleiben, was bei einem überwiegenden Teil der Eltern nicht der Fall ist) bleiben im Durchschnitt an fünf Tagen in der Woche knapp drei Stunden pro Tag reine Familienzeit.

Bildungs- und Erziehungspartnerschaft?
Eltern delegieren immer mehr Betreuungs- und Bildungsaufgaben, erleben mehr Erziehungsunsicherheiten und –schwierigkeiten, und leiden unter Familienproblemen und Belastungen“, bringt Textor die für viele gültige Familiensituation – und damit eine der Herausforderungen für KindergartenpädagogInnen auf den Punkt. „Eine Umfrage, die bei LeiterInnen von pädagogischen Einrichtungen in Graz zu ihrer Wahrnehmung von den Bedürfnissen von Müttern und Vätern durchgeführt wurde, ergab eine starke Verunsicherung der Mütter und Väter in Erziehungsfragen sowie ein daraus resultierendes erhöhtes Beratungsbedürfnis der Mütter und Väter in allen Schichten und allen Sozialräumen“, bestätigt Univ. Prof. Dr. Cornelia Wustmann vom Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaft der Uni Graz, ebenfalls Vortragende bei der Fachenquete, die vom Unterrichtsministerium und der Köck Privatstiftung gefördert wurde. Ihre Kollegin Prof. Dr. Sigrid Tschöpe-Scheffler, Direktorin des Instituts für Kindheit, Jugend, Familie und Erwachsene an der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften in Köln ergänzt das Bild. Sie betont, dass das Zusammenspiel von PädagogInnen in Kindergärten und Eltern nicht nur eine Bildungs-, sondern vielmehr eine Erziehungs- und Bildungspartnerschaft sein muss! Tschöppe-Scheffler: „Erziehung ist Versuch und Irrtum! Daher gibt es die richtige Erziehung nicht. Keiner weiß hundertprozentig, wie es wirklich richtig geht. Das wiederum bedeutet, dass es für bzw. in jeder Situation und bei jedem Problem viele verschiedene Möglichkeiten und Lösungsansätze gibt und jeder für sich ausprobieren kann, darf, muss, soll wie er oder sie damit umgeht.“

Vollkommen neue Rahmenbedingungen
Die Erziehungswissenschaftlerin bringt auch genau auf den Punkt, in welchem Ausmaß Erziehung heute ganz andere Rahmenbedingungen hat als früher: Die Familienstrukturen haben sich grundlegend geändert. Es gibt heute viele Alleinerziehende, Patchworkfamilien, gleichgeschlechtliche Ehen, weniger Großfamilien und somit auch keine allgemein-verbindlichen Normen mehr. Das bietet eine Vielfalt an Optionen, bedeutet eine Individualisierung und veränderte Geschlechtsrollen und Eltern- Kind-Beziehungen. Zusätzlich besteht eine Arbeitsverdichtung, von den ArbeitnehmerInnen wird eine erhöhte Flexibilität und Mobilität gefordert, viele haben eher prekäre Arbeitsverhältnisse und Familie und Beruf wird somit schwieriger zu vereinbaren. All diese Faktoren führen zu überforderten und verunsicherten Familien. Daraus können Unsicherheiten und Veränderungen entstehen: : Die Medien werden zu „Miterziehern“, die Familienkindheit entwickelt sich zu einer „institutionellen Kindheit“, der „Befehlshaushalt“ wird zum „Verhandlungshaushalt“ und es entsteht ein erhöhter Erziehungsund Leistungsdruck. Die Balance zwischen Bindung und Autonomie für Kinder und Familien wird gefährdet, woraus Bindungsunsicherheiten entstehen. Aufgrund dieser Überforderungen kommt es sowohl zu Vernachlässigung als auch zu Überbehütung der Kinder bzw. der Familie. Die Familiensituation ist oftmals geprägt durch benachteiligte Lebenslagen und erschwerte Lebenssituationen durch Armut, Krankheit, Migrationshintergrund etc.

Eltern sind nicht gleich Eltern Laut Wustmann hat all das zur Folge, dass bereits ein Drittel der Arbeitsleistung von PädagogInnen auf die Elternarbeit entfällt! Dabei zeigen sich ganz inhaltliche Unterschiede in den wahrgenommenen Bedürfnissen der Mütter und Väter. Beschäftigt Eltern, die selbst nicht sehr gut Deutsch sprechen, in hohem Maße die Frage, ob ihr Kind ausreichend gut Deutsch spricht, um eine gute Ausbildung erhalten zu können, gehen die Fragen von selbst gut ausgebildeten Eltern vermehrt in Richtung „Wie kann ich mein Kind bestmöglich fördern“. Prof. Wustmann: „Eltern sind eine heterogene Gruppe, deren Vielfalt unterschiedliche pädagogische Formen der Zusammenarbeit erfordert. Diesbezügliche Rezepte sind leider nicht bereit zu stellen, vielmehr müssen die unterschiedlichen Themen, Orte, Anlässe und organisatorischen Bedingungen bedacht werden. Es müssen Lösungen im Sinne der PädagogInnen und der vorhandenen Realitäten gesucht und gefunden werden. Es gilt darüber nachzudenken, ob und wie diesem erhöhten Bedarf an Beratungsleistungen angesichts der bestehenden Arbeits- und Ausbildungsbedingungen entsprochen werden kann.“ Da die PädagogInnen im Kindergarten stets auf der vorhergehenden Erziehungs- und Bildungsarbeit der Eltern aufbauen, ist ein offenes Miteinander hier besonders wichtig. Prof. Wustmann begründet dies mit Verweis auf Friedrich Fröbel, der dazu Mitte des 19. Jahrhunderts festhält: „Die erste Beziehung, die ein Kind eingeht, ist jene zur Mutter. Sie bildet die Grundlage für alle weiteren Erziehungs- und Bildungsprozesse. Sie drückt die Lebenseinigung aus und schafft beim Kind die Grundlage für Vertrauen, Zuneigung und Liebesfähigkeit. Kinder erhalten über die Liebe der Mutter und ihre Anregungen zum Bewegen, Spielen und Singen einen ersten Einblick in die Welt.“ „Hier setzen unsere PädagogInnen nahtlos fort“, erklärt Margit Tauber, Bereichsleiterin für die 160 Kindergärten und Horte der Wiener Kinderfreunde, die diese Enquete veranstaltet haben, um Öffentlichkeit und Entscheidungsträger auf die wachsende Bedeutung dieser Zusammenarbeit hinzuweisen.

Bildungspartnerschaft
Tauber: „Die neue Kinderbetreuungsgeld- Regelung, der beitragsfreie Kindergarten und der verstärkte Existenzdruck senken den Durchschnitt des Einstiegsalters in die Kinderstube spürbar. Das bedeutet für uns nicht nur, dass wir mehr Kinderstubenplätze anbieten, sondern auch, dass die Zusammenarbeit mit den Eltern einen neuen Stellenwert bekommt. Je früher wir die Kinder in unsere Obhut nehmen, einen umso längeren Weg begleiten wir ihre Entwicklung und ein umso größeres Anliegen ist es uns, die Eltern dabei als PartnerInnen an unserer Seite zu haben. Es ist einfach wichtig, den familiären Hintergrund zu kennen, denn die PädagogInnen nehmen die Inputs, die von den Eltern kommen auf und lassen sie in die Bildungsarbeit einfließen. Durchaus nicht nur für das jeweilige Kind, sondern auch für die pädagogische Arbeit insgesamt.“ Bezüglich der Zusammenarbeit mit den Eltern gibt es bei den Wiener Kinderfreunden nicht nur entsprechende Module in der eigenen Fortbildungsakademie. Auch die Portfolioarbeit und die darauf aufbauenden Entwicklungsgespräche mit den Eltern sind wesentliche Maßnahmen, die zur Bildungs- und Erziehungspartnerschaft beitragen. Mit der Portfoliomethode werden wichtige Entwicklungs- und Lernschritte des Kindes sichtbar gemacht. Für die Eltern und ihr Kind wird greifbar, was das Kind lernt, wo seine Lerninteressen sind und wie es lernt. Diese Informationen erleichtern es den Eltern, ihr Kind in seiner Entwicklung zu begleiten und seine Interessensschwerpunkte und Stärken wahrzunehmen.

Elternbildung im Kindergarten
Eine sehr wichtige Schiene der Elternkooperation bei den Kinderfreunden ist auch die vom Familienministerium geförderte Elternbildung. Die Kinderfreunde- Familienakademie bietet in den Kindergärten Workshops und Seminare für Eltern an, um diese in ihrer Erziehungskompetenz zu stärken. Die Eltern haben hier die Möglichkeit, sich zu Erziehungsthemen auszutauschen und werden von ausgebildeten Fachleuten begleitet. Ein eigener Themenblock der Enquete war war den Elterncafés, wie sie in einigen Kinderfreunde-Kindergärten stattfinden, gewidmet. Dieses – ebenso vom Familienministerium geförderte – wöchentliche niederschwellige Informations- und Vernetzungsangebot ist ein erfolgreicher Baustein für das Zusammenwirken von Eltern und Kindergarten. Dabei erhalten Eltern mit und ohne Migrationsbiografie an einem Vormittag pro Woche im Kindergarten die Gelegenheit, sich mit anderen Eltern auszutauschen, einander kennen zu lernen, Fragen zu stellen und Informationen rund um den Kindergarten und Erziehung zu erhalten. Sprachförderung, Kinderbetreuung, Arbeit, Gesundheit und Recht sind häufig angesprochene Themen. Die mehrsprachigen Begleiter und Begleiterinnen dieser Treffen wurden dazu im einjährigen Lehrgang zur Eltern-Kind-Gruppen Leiterin von den Wiener Kinderfreunden für ihre Tätigkeit qualifiziert. Sie üben auch eine Brückenfunktion zwischen Eltern und Kindergarten aus, indem sie als Vertrauenspersonen auf beiden Seiten Verständnis schaffen.

Zukunft Familienzentrum?
Dass dies ein Paradebeispiel für die bedarfsgerechte Entwicklung des Kindergartens ist, legt ein Zitat aus Dr. Textors Enquete-Beitrag nahe. Er sieht ein mögliches Zukunftsmodell im Kindergarten als Familienzentrum, das einerseits einen besonderen Schwerpunkt bei der Familienbildung und andererseits viele Hilfsangebote für Eltern setzt. Die konstruktive Zusammenarbeit und offene Kommunikation von Eltern und PädagogInnen ermöglichen den ersteren auch, die Arbeit und die Anliegen der MitarbeiterInnen in den Kindergärten zu verstehen. Denn klarerweise ist es ein großer Unterschied, ob ich zwei oder drei Kinder zuhause betreue oder eine Gruppe von – je nach Alter – 15 bis 25 Kids. Da müssen die Spielregeln des Zusammenlebens von allen tunlichst eingehalten und natürlich akzeptiert werden, dass hier Profis ihre wertvolle Arbeit tun, die dafür speziell ausgebildet sind. Alle diese Angebote und Überlegungen haben schließlich einen Zweck: Die kindliche Entwicklung bestmöglich zu begleiten und zu unterstützen, damit unsere Jüngsten wichtige Lebenskompetenzen erlernen und eine gute Grundlage für ihren weiteren Bildungsweg erhalten.

Fotos: Paul Kolp/Wr. Kinderfreunde (3), Janina Brouschek/Wr. Kinderfreunde

Related Stories
Search Posts