Warum liebst du mich tot?

Werbung

Autor: Gilbert Brandl

„Wenn ich schon zerstört werde, dann nur durch mich selbst.“ Die heute 42-jährige Susanne ist in einer Dunkelziffer gefangen – jener Zahl von Missbrauchsopfern, die in keiner Statistik, keinem Polizeiprotokoll und auch bei keiner Beratungsstelle aufscheinen. Auf Susannes Unterarmen glänzen schlecht vernarbte Wunden, dutzende querlaufende Schnitte – jeder Schnitt war weit weniger schmerzvoll, als es die Narben auf ihrer Seele sind.

Sie wünschte sich nichts mehr als geliebt zu werden. Tagsüber, wenn es hell und umtriebig war in der kleinen Familie, der Vater noch bei der Arbeit als Versicherungskaufmann unterwegs, und sie mit ihrer Mutter und der jüngeren Schwester über alles – beinahe alles – sprechen konnte, war Susanne fröhlich, ein ganz normales 9-jähriges Kind eben. Kleinstadtidylle, Vorgarten, Hund und Familienkombi. Nachts, meist am Freitag, wenn ihre Mutter sich mit Freundinnen zum Tratsch traf und es später werden konnte, da wurde sie „ganz fest geliebt“, wie es ihr Vater auszudrücken pflegte. Nur: Diese Art von Liebe wollte Susanne nicht, und eine andere Liebe kann Susanne heute nicht mehr empfinden. Vater wollte anfangs nur ein wenig schauen ob sie „eh gesund“ sei. Nackt musste sie vor ihm stehen – und er griff nach ihr, betastete sie. Immer und immer wieder, und er war schweißnass dabei. Über mehrere Monate ging dieses „Nachschauen“. Bis er eines Tages mehr wollte: dass sie auch bei ihm nachsähe, ob er denn ebenfalls gesund sei, und bis er sich schwitzend und keuchend auf ihre kleine Seele legte. Bis heute … und für immer. Irgendwann waren der Schmerz und die Scham vergessen, der Gleichgültigkeit aus Angst gewichen. Das Martyrium dauerte drei Jahre.
Susanne wurde älter, verschlossener, hatte kaum Kontakt zu Gleichaltrigen, wurde schlecht in der Schule. Und Susanne verliebte sich. Heimlich zunächst, eine Schwärmerei, dann richtig. Mit dem ersten Kuss kamen die Tränen. 19 Jahre war Thomas und damit ein Jahr älter als sie. Als Thomas mehr wollte, trennte sie sich von ihm. So ist es bis heute: Kaum will ein Mann mit Susanne auch körperlichen Kontakt, bricht sie ab.

Selbsthass als Liebesersatz

Dass Susanne heute über ihre Seelenschmerzen sprechen kann, liegt nicht zuletzt an der Zeit. Aber auch die Therapie, zu der sie sich erst im Alter von 36 Jahren entschloss, ließ sie artikulieren, was jahrelang jedweden Zugang zu ihrer Seele blockierte. „Ich habe meinen Vater gehasst und ihn doch zugleich geliebt.“
Aus den Vergewaltigungen wurden die einzigen Momente der Nähe. Und die Angst wandelte sich in Ergebenheit. Die Mutter ahnte es, ist sich Susanne heute sicher. Doch auch sie konnte nur fassungslos schweigen. Heute hat sie mit ihren Eltern abgeschlossen. Mit der schweigenden Mutter und dem Vater, der ihre Kindheit getötet hat. Kein Geburtstag, keine Weihnachtsfeier. „Da ist einfach nichts, als ob ich nie geboren worden bin. Zumindest nicht durch diese beiden.“
Susannes Mann, Alfred, der von ihr mittlerweile getrennt lebt, ist an der inneren Kälte, die sie ihm entgegenbrachte, ebenfalls zerbrochen. Anfänglich wusste er nicht damit umzugehen, und später war er genauso fassungslos und voller Hass wie Susanne. Dennoch konnte er keine klare Linie zwischen der Ablehnung per se und der Ablehnung ihm gegenüber ziehen. Zwischen dieser Erkenntnis des beständigen Scheiterns und dem sexuellen Missbrauch liegen Jahre des Verdrängens, der Sprachlosigkeit, der Psychotherapien und der Krankenhausaufenthalte wegen gynäkologischer Probleme.

Ausblenden, verdrängen, schweigen

Opfer sexueller Gewalt durchleben eine Art von Stress, den Fachleute mit den Belastungen der Opfer von Geiselnahmen oder der Überlebenden von Konzentrationslagern vergleichen. „Die Folge sind Schlafstörungen, Albträume, Depressionen, Ängste, Panikattacken und aggressives Verhalten bis hin zu Selbstverletzungen, zermürbenden Erinnerungen, immer wiederkehrende Suizidgedanken und Essstörungen“, benennt Jugendanwältin Monika Pinterits die Langzeitstörungen von Missbrauchsopfern. Viele der Betroffenen haben Schwierigkeiten, sich überhaupt auf Beziehungen einzulassen. „Woran man arbeiten kann, ist die Verarbeitung in einer Art der Wundheilung. Aber auch wenn sie gelingt – die seelische Narbe wird bleiben“, so Pinterits.

Ein weiterer wesentlicher Faktor in der posttraumatischen Störung ist die Sprachlosigkeit dem Geschehen gegenüber. Häufig können sich Opfer sexualisierter Gewalt erst nach jahrelangem Martyrium einer Person anvertrauen. Zu groß sind Scham- und Schuldgefühle. Zudem drohen Täter ihren Opfern mit weiter reichenden Konsequenzen und stören damit erneut das innere Gleichgewicht. Die Kinder und Jugendlichen sehen zunächst nur einen Ausweg: ausblenden, verdrängen.

Missbrauch als Phänomen?

Seit März vergangenen Jahres steht ein Name für sexuelle Gewalt und Kindesmissbrauch: Josef F. Der Fall aus Amstetten übertrifft alles bislang Dagewesene an Abscheulichkeiten. Doch schon ein kurzer Blick in die Akten reicht aus, um die Theorie Täter–Opfer–Täter wieder einmal bestätigt zu glauben. Missbrauchstäter waren zu einem großen Maße selbst einmal Opfer. „Faktisch bedingt“, schränken Experten ein, denn tatsächlich sind nur rund 20 Prozent aller Täter auch selbst einmal Opfer gewesen.
Der Fall Dutroux, die durch die Medien gegangenen Skandale in der Katholischen Kirche der USA, Italiens, Österreichs, der Popstar Garry Glitter, der Fall Amstetten … Ist Missbrauch, das Verbrechen an der Kinderseele, ein Zeichen der Zeit? „Missbrauch gab es schon immer und wird es immer geben. Nur sind Bevölkerung  und Behörden sensibilisiert, mit diesem Thema anders umzugehen“, relativiert die Wiener Kinder- und Jugendanwältin Monika Pinterits – was die Sache aber nicht weniger dramatisch macht. Sexueller Missbrauch scheint keine Geisel der Moderne, kein Auswuchs des Internets und schon gar nicht ein Phänomen gewisser gesellschaftlicher Schichten. Wie lässt es sich sonst erklären, dass in beinahe jeder Bahnhofsbuchhandlung immer noch jenes berühmte Tagebuch der Josefine Mutzenbacher frei zugänglich zum Verkauf liegt, das streckenweise vor kinderpornografischem Inhalt nur so strotzt? Zugeordnet wird das Werk übrigens einem gewissen Felix Salten, dem Autor des Kinderbuches „Bambi“. Seine Urheberschaft ist nicht belegt, wurde von ihm aber auch nie widerlegt … das Buch allerdings mit dem Prädikat „wertvoll“ für zeitgenössische erotische Literatur ausgezeichnet.

Werden Opfer zwangsläufig Täter?

Missbrauchstäter sind als Kinder selbst oftmals Opfer gewesen. Allerdings: Der Prozentsatz der Opfer und jener, die später unmittelbar Täter werden, ist nicht direkt proportional. Eine Zeit lang hat man Studien, die sich mit diesem Phänomen befassten, überbewertet – und daraus den falschen Schluss gezogen, dass Opfer extrem gefährdet seien, selbst Täter zu werden.

„Sexueller Missbrauch ist unabhängig von sozialer Schicht, vom Bildungsniveau und von gesellschaftlicher Kultur. Das einzige probate Mittel dagegen ist die Aufklärung und die Sensibilisierung“, kennzeichnet Monika Pinterits die Situation. Als präventive Maßnahme gehen Vereine wie Selbstlaut (www.selbstlaut.org) in Schulen und   bieten Diskussionsrunden an. Von der praktischen Präventionsarbeit bis hin zur Beratung von PädagogInnen und zur Prozessbegleitung wird versucht, das Opfer nicht erneut in eine Rolle als seelischer Bittsteller zu drängen. Das ist nämlich dann der Fall, wenn das aufbrechende Schweigen einer Mauer an Fassungslosigkeit gegenübersteht. 

Wie merkt man Missbrauch?

Missbrauchsopfer wagen oft nicht, offen über den sexuellen Missbrauch zu sprechen. Um die unerträgliche Situation zu beenden, teilen sie sich aber dennoch mit. Allerdings sind ihre verdeckten Hinweise für Dritte meist schwer verständlich.

Gibt es untrügliche Hinweise auf sexuellen Missbrauch? Wenn sich das Verhalten eines Kindes plötzlich, ohne ersichtlichen Grund, Dritten gegenüber ändert, kann das jedenfalls ein Anzeichen sein. Weitere Hinweise, bei denen die Alarmglocken schrillen sollten:

  • Auffälliges Angezogensein durch Schmutz, Matsch und Kleister.
  • Wiederholte Fragen zu sexuellen Themen, obwohl das Kind längst aufgeklärt wurde und Antworten erhalten hat.
  • Das Kind spielt Missbrauchshandlungen mit Puppen in Rollenspielen nach oder zerstört und zerfetzt eine Puppe im Geschlechtsbereich.
  • Das Kind beginnt zu stottern oder zu stammeln, wenn es etwas von sich selbst und seinen Gefühlen erzählen will.
  • Es hat Zeichnungen von nackten Frauen, zeigt sie her oder erzählt, dass es einen Pornofilm gesehen hat.
  • Es erzählt, dass sein Papa im Kinderzimmer schläft; oder dass beim Opa Milch aus dem Penis fließt; oder dass sein Papa nachts ins Bett macht.
  • Es erzählt, dass in der Nacht oft ein dunkler Geist kommt, der ihm die Bettdecke wegnimmt und es anfasst.

„Jedes Kind versucht, den sexuellen Missbrauch zu verhindern“

Kinder nennen andere Kommunikationsstrukturen ihr Eigen als Erwachsene. Minderjährige Missbrauchsopfer sind in gewissen Situationen vielleicht ganz besonders artig, sie gehen dem Täter aus dem Weg und bemühen sich, nicht aufzufallen. Manchmal kann auch der Versuch, sich selbst durch dicke Kleidung zu schützen, ein Anzeichen sein. Oder die Angst vor dem Alleinsein, dem Schlafengehen, der Drang, unbedingt im Bett des Bruders oder der Schwester liegen zu wollen. Eines steht hinter all diesen Verhaltensweisen: Die betroffenen Mädchen und Buben wehren sich mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen den sexuellen Missbrauch. Die größte Botschaft ist allerdings leider das Schweigen.

Gratwanderung

Aufklärung ist die beste Prävention. Und die Aufklärung kann gar nicht früh genug beginnen. Auch hier nimmt der Verein „Selbstlaut“ eine Schlüsselrolle ein: Durch gezielte Aufklärungskampagnen in Schulen und Kindergärten werden Kindern gewisse Muster nahegebracht, auf die sie besonders aufmerksam reagieren müssen.
Allerdings ist das auch eine heikle Gratwanderung: In den USA wird indes in jedem vierten Sorgerechtsstreit Kindesmissbrauch als Druckmittel eingesetzt (Quelle: Inst. of Law/NY). Nicht jeder Vater, der gerne mit den Kindern in die Wanne steigt, ist Täter; und nicht jedes Kind, das mit Barbie und Ken sexuelle Handlungen nachspielt, auch Opfer. Hier gilt es nichts zu verniedlichen – die Komplexität der Problematik offenbart sich hier aber ganz deutlich. 

Prävention: Kinder sagen Nein

Wie erkennt und wie verhindert man nun aber Missbrauch? Der Schweizer Kinderpsychologe Allan Guggenbühl meint, man müsse Kindern beibringen, sich ebenso vor eigenen abartigen Phantasien wie vor Missbrauch durch Fremdpersonen zu schützen. Kinder müssen lernen, sich abzugrenzen, und natürlich gelte es ihnen klarzumachen, dass es Dinge gibt, die nicht normal sind.

Der Schutz vor sexueller Gewalt beginnt bei der Erziehung. Eine sachliche Aufklärung über Fragen zur Sexualität und ein gestärktes Selbstbewusstsein sind die wichtigsten Maßnahmen. Kinder sollten das Gefühl haben, nicht abgewimmelt zu werden, sondern offen über sexuelle Themen sprechen zu dürfen. Außerdem ist es wichtig, dass sie darin bestärkt werden, den eigenen Gefühlen zu vertrauen, ihre individuellen Grenzen zu ziehen und „Nein“ zu sagen. Das kann bereits beim ungewollten Küsschen der Tante anfangen. Mädchen und Jungen mit einem starken Selbstbewusstsein sind aus Tätersicht keine geeigneten Opfer.

„Für die Prävention ist auch die Vorbildfunktion der eigenen Eltern und anderer Bezugspersonen von großer Bedeutung. Mädchen orientieren sich in erster Linie am Verhalten der Mutter. Je selbstbewusster diese als Frau auftritt und je deutlicher sie ihre eigenen Grenzen zieht, desto eher lernen ihre Töchter sich selbst zur Wehr zu setzen. Mütter sollten ihre Töchter dazu ermutigen, über ihren Körper selbst zu bestimmen. Jungen brauchen greifbare männliche Bezugspersonen, die ihnen als positive Vorbilder soziale Werte und Umgangsformen vorleben. Dabei sollte ihnen auch vermittelt werden, dass ein Junge Gefühle zeigen darf und nicht immer stark sein muss, sondern Ängste formulieren und Hilfe in Anspruch nehmen darf“, rät der deutsche Berufsverband der Frauenärzte e.V.

Strafe als Lösung?

Justizministerin Claudia Bandion-Ortner sieht eine ihrer Hauptaufgaben im Schutz von Unmündigen. Sie zielt insbesondere auf das Thema Kinderpornografie ab und möchte schon das Aufrufen einschlägiger Seiten im Internet unter Strafe stellen. Ein guter Ansatz – doch im Wesentlichen am Ziel vorbei. Populistisch und medienwirksam wird Kindesmissbrauch gerne ins Dunkel des Internets gedrängt. Aber: Nicht jeder Pädophile ist Täter. Und nicht jeder Täter ist Nutzer von Kinderpornografie. Der Ansatz müsste vielmehr lauten: den Opfern eine geeignete Plattform geben, die Verfahrensbegleitung ausdehnen, den Handlungsspielraum vergrößern und finanzielle Sofortmaßnahmen erweitern.

Das schließt aber auf die Täter-Prävention mit ein. Einige wenige Institutionen begleiten Täter oder Menschen, die sich selbst als solche sehen, noch bevor sie Handlungen gesetzt haben. Opferschutz ist gleichbedeutend mit Tatprävention. Nicht die erweiterte Kriminalisierung, sondern die akute Hilfe kann vorbeugend wirken.

Susanne ist seit elf Jahren Mutter eines Sohnes. Sie ist Alleinerzieherin und bezeichnet sich als glücklich. Sie hat nicht gewagt, nach Hilfe zu suchen oder sich zu artikulieren – erst als es zu spät war, konnte sie ihren stummen Schreien eine Stimme verleihen. Die Narben auf ihren Unterarmen sind verheilt. Ihre seelischen Wunden werden es wohl niemals sein.

Hilfe und Information

24-Stunden Frauennotruf
Tel. 01 71719
www.frauennotruf.wien.at

Beratungsstelle für Missbrauchsopfer
Tel. 01 5871089
www.maedchenberatung.at

Initiative Prävention von sexuellem Missbrauch und Gewalt
Tel. 01 2147117
www.praevention-samara.at

Kinder und Jugendanwaltschaft (österreichweit)
www.kja.at

Männerberatung – Therapiezentrum und Informationsstelle für Männer
Tel. 01 6032828
www.maenner.at

Rat auf Draht – Telefonhilfe für Kinder und Jugendliche
Tel. 147 (österreichweit ohne Vorwahl)
http://rataufdraht.orf.at

Selbstlaut – Verein gegen sexuelle Gewalt an Mädchen und Buben
Tel. 01 8109031
www.selbstlaut.org

Für die Kleinsten
Bilderbücher zum Thema

Der Neinrich
von Edith Schreiber-Wicke, Carola Holland
Thienemann Verlag
ISBN 978-3-52243-388-4

Ich bin stark, ich sag laut Nein!
von Susa Apenrade, Miriam Cordes
Arena Verlag
ISBN 978-3-40109-165-5

Foto: Shutterstock.com Larisa Lofitskaya

Related Stories
Search Posts