Zerstörung eines jungen Lebens

Verdrängt wie kaum ein Thema und dennoch hochaktuell: sexueller Missbrauch. Das Brechen des Schweigens gibt den Blick frei auf Dimension und Grauenhaftigkeit einer pervertierten Sexualmoral, deren Leidtragende unschuldige Kinder sind. Und das oft ein ganzes Leben lang.

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Thomas (Name geändert, der Redaktion bekannt) war ein feinfühliges und zufriedenes Kind, als er mit knapp über drei Jahren in den katholischen Kindergarten kam, dem ein Ordenswohnheim angeschlossen war. Zart gebaut und gern mit sich selbst beschäftigt, spielte er am liebsten alleine in einer stillen Ecke mit seinen Autos und Bauklötzen. Bis er eines Tages „mitkommen“ sollte in einen ganz anderen Bereich des großen Kirchenkomplexes. Über lange, dunkle Gänge und Wendeltreppen wurde er in eine nstere Krypta mit steinernem Altar und einer Bühne gebracht. Was dann folgte, sollte omas’ gesamtes Leben überschatten. Bis heute. Gefesselt an den von ackernden Kerzen umrahmten Altar vergingen sich in Kutten gehüllte Männer an dem in Todesangst erstarrten Kind. Danach wurde er zurückgebracht in die scheinbar so sichere Kindergartenwelt. Wie oft und wie lange er rituell missbraucht wurde, ist aus den Erinnerungen des damaligen Kleinkindes nicht mehr exakt nachvollziehbar. Wie die Schwere der Symptome und die Tiefe der notwendigen Traumatherapie Jahrzehnte danach vermuten lassen, muss es aber öfter, vielleicht über Jahre passiert sein. Sandra (Name geändert) wuchs in einer Problemfamilie auf. Die junge Mutter war überfordert, der Vater längst nicht bereit, so früh Verantwortung zu übernehmen. Beide litten unter tief versteckten Minderwertigkeitskomplexen. Im Beruf versagend, schlug dem Ehemann immer mehr Verachtung seitens der Mutter entgegen. Ein Gefühl, das nur durch Macht im Zaum gehalten werden konnte. Und die übte der Vater im Kinderzimmer seiner Tochter aus wenn er abends lautlos die Türe öffnete und beim Streicheln und Küssen seines Mädchens plötzlich all das spürte, was ihm seine Frau schon länger verweigerte.

Veränderte Sicht der Welt

Die Zahlen wirken abstrakt: Experten schätzen, dass rund 80 Prozent aller Missbrauchsfälle im familiären oder sozialen Nahefeld passieren. Rund jedes vierte Mädchen und jeder zehnte Bursche werden in irgendeiner Weise zum Opfer. Freilich gibt es Unterschiede in der Tiefe und Brutalität, wie die aktuellen Kirchenfälle zeigen, die meist von jahrelangem Missbrauch und Ausgeliefertsein geprägt sind. Für die Opfer verändert das Trauma eines erlebten sexuellen Missbrauchs die gesamte Sicht auf das Leben. Die Erfahrung des Gefühls der totalen Hilfl osigkeit, Todesangst und Ausweglosigkeit in Verbindung mit der Sprachlosigkeit
eines Kindes über sexuelle Vorgänge führen zur Au ösung der eigenen Persönlichkeitsstruktur, der vorher erlebten Sicherheit und Geborgenheit der Welt. Das umso mehr, als ja überwiegend vertraute und als Autoritäten vermeintlich verlässliche Menschen den Missbrauch begehen.
Die Tiefe potenziert sich noch mit Brutalität und Dauer der Taten sowie mit der emotionalen Nähe der Täter. Priester, Väter und nahe Verwandte fügen dadurch Kindern besonderen Schaden zu.
Dass auch Frauen Täterinnen sein können, dringt hingegen erst langsam an die Öffentlichkeit. Allen geschlechtlichen Rollenklischees zum Trotz gibt es auch Nonnen, Mütter und Betreuerinnen, die sich an Kindern vergehen. Häu fig werden hier Missbrauchshandlungen mit übermäßiger Körperp ege oder Fürsorge getarnt. Für die Opfer macht es das Rollenbild der fürsorglichen Frau noch wesentlich schwerer, über das Erlebte zu sprechen.

Folgen fürs Leben

Vor allem bei sehr frühem und schwerem andauernen Missbrauch und ebensolchen Misshandlungen schützen sich Kinder als Opfer durch totale Verdrängung und vermeintliche Löschung der Erinnerungen im Gehirn, um in der Ausweglosigkeit ihrer Situation zu überleben. Thomas Jugendalter war ohne die Gründe zu erinnern geprägt von einem Gefühl des „Andersseins“, der sexuellen Verwirrung in der Pubertät. Beim Anblick von Kirchen oder bei Choralgesängen packte ihn panische Angst, die Tränen begannen zu fließen, ohne dass er ein Gefühl damit verbunden hätte. Nächte und Dunkelheit waren wie das Alleinsein von bebender Furcht geprägt, und jegliche sexuelle Empfindung ließ Panik aufsteigen. Folglich hielt Thomas Mädchen auf Distanz, zweifelte an seiner sexuellen Orientierung, immer wieder el er in körperliche Krankheiten und das Gefühl tiefer Ausweglosigkeit. Über 20 Jahre suchten ihn Panikattacken heim, die das Fahren mit der U-Bahn oder Aufzügen, das Fliegen zeitweise unmöglich machten. Autofahren ist bis heute tabu. Berufl ich resultierten daraus ein ständiges Auf-der-Hut-Sein vor Dienstreisen und Ausreden, warum für andere Menschen „normale“ Dinge ihm nicht möglich waren. Erst mit Hilfe seiner einfühlsamen Ehefrau und einer empathischen Traumatherapeutin konnte Thomas das Geschehene vorsichtig über zehn Jahre Therapie in sein Leben integrieren. Dass er heute Kinder hat, ist für ihn ein Wunder die Angst, neuerlich vor dem emotionalen Abgrund und damit dem Ende der wirtschaftlichen Existenz zu stehen, dennoch immer da. Sandras Leben ist bis heute geprägt von einer alles kontrollierenden Persönlichkeitsstruktur. Echte Nähe und gegenseitige Liebe lässt sie in einer Partnerschaft nicht zu. Die Folge sind stetig wechselnde Beziehungen, in denen sie auf unterschiedliche Art emotional missbraucht wird. Erst in einer Therapie beginnt sie nun langsam und vorsichtig, die schmerzlichen Gründe für ihr Verhalten zu entdecken und aufzubrechen.

Aufbrechende Erinnerungen

Neben Totalverdrängung vor allem bei Kleinkindern sind auch enorme Scham und Schuldgefühle Gründe, warum Betro ene so lange schweigen. Denn neben offensichtlichen Drohungen für den Fall des Redens über das Erlebte „schieben“ Täter im Augenblick des Missbrauchs ihre eigenen verdrängten Schuld- und Schamgefühle dem Opfer zu. Gerade bei Jugendlichen im Pubertätsalter können rein körperliche Reaktionen bei Vergewaltigungen extreme Schambetro enheit erzeugen. Von den Tätern ausgenutzt, kommen sie einem Schweigegebot gleich. Außerdem können
auch Erwachsene die Erinnerungen an das Geschehene, für die sie als kleine Kinder kaum Sprache und Worte hatten, schwer in klare Zusammenhänge bringen. Die Art und Weise, wie gerade die katholische Kirche in der Vergangenheit mit aufgedecktem Missbrauch umging – Verdrängung, Nichtglauben etc. –, schüchterte zudem viele Opfer erneut ein. Erst wenn, so wie jetzt, die Dämme des Schweigens sturz utartig brechen und Kirchenopfer erkennen, dass sie nicht alleine sind, kommen bei vielen oft Jahrzehnte danach die Erinnerungen wieder auf. Albträume, Flash-Backs und körperliche Manifestationen von Hodenschmerzen über Unterleibsziehen bis zu massiven Hautreaktionen kommen in einer Wucht an die Ober fläche, mit der viele Betroffene nicht umgehen können. In diesem Fall ist unbedingt therapeutische Hilfe zu suchen. Ob hierfür die von der katholischen Kirche eingerichteten Ombudsstellen oder doch unabhängige Institutionen besser geeignet sind, gilt es jedenfalls zu hinterfragen, will der Betroffene den organisatorischen Vertretern der Täter und Institutionen nicht wieder alleine gegenüberstehen (siehe Kasten Anlaufstellen rechts).

Die Zeichen erkennen

Wie die Erfahrung zeigt, hängen die Auswirkungen eines Traumas und die Entwicklung einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) entscheidend von der Reaktion und Unterstützung der Bezugspersonen im Umfeld des Kindes ab. Je mehr Einfühlungsvermögen, menschlicher Halt und richtige Beurteilung von Veränderungen im Verhalten bei Eltern, Kindergartenbetreuern, Schule oder anderen nahestehenden Personen gegeben sind, desto besser und frühzeitiger können die Auswirkungen traumatischer Erfahrungen gelindert werden. Veränderungen im Wesen eines Kindes müssen nicht, können aber die Folgen traumatischer Missbrauchserlebnisse sein. Daher sollten Verhaltensauffälligkeiten wie sozialer Rückzug, Angstanfälle oder plötzliche Abneigung von Orten oder Personen immer ernst genommen werden. Speziell Kinder können eventuelle Gewalterlebnisse schwer in Worte fassen und wählen oft den Umweg über Spielen oder Zeichnen. Im Zweifel – insbesondere, wenn PTBSähnliche Zustände beobachtet werden oder die Verhaltensänderungen längere Zeit anhalten – sollte sofort professionelle psychologische Hilfe in Anspruch genommen werden. Auch als Außenstehender kann man sich an Kinderschutzeinrichtungen wenden. Die größten Schädigungen in der Seele von Kindern entstehen, weil Bezugspersonen die Signale nicht hören können oder wollen und Scham davor haben, Unterstützung anzunehmen.

Verschiedene Lösungsansätze

Der beste Schutz vor Übergriffen ist die Stärkung des Selbstschutzes eines Kindes. Falsche Scham und Moral haben hier keinen Platz. Kinder sollten schon früh die Geschlechtsteile benennen können. Und es gilt den Selbstwert des Kindes bei der Abwehr von Grenzverletzungen zu stärken. Sie sollten nicht „ruhig“ sein, sondern schreien dürfen.
Ein „Bussi“ oder eine Umarmung von wem auch immer abzulehnen ist nicht ungezogen, sondern ein Nein des Kindes und in Ordnung. Kinder, die von ihren Eltern zu Zärtlichkeiten und übertriebener Folgsamkeit gegenüber sogenannten Autoritäten gezwungen werden, sind später leichtere Opfer.
Wenn Missbrauch dennoch stattgefunden hat, ist sofort professionelle Hilfe zu suchen. Zur Bewältigung und Integration traumatischer Erfahrungen stehen unterschiedlichste psychologische Ansätze von geschulten Psychotherapeuten zur Verfügung. Neben tiefenpsychologischen Methoden und Hypnotherapie haben sich Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR) und seit einigen Jahren das Somatic Experiencing nach Peter Levine bewährt. Bei EMDR lassen sich die Klienten auf unangenehme Gefühle, Erinnerungen oder auch Körperemp ndungen ein, während der speziell ausgebildete erapeut durch äußere Wahrnehmungsreize wie etwa Augenbewegungen oder Handzeichen die Integration der traumatischen Erfahrungen anleitet.

Somatic Experiencing geht davon aus, dass traumatische Erlebnisse neben seelischen Spuren auf körperlicher Seite tief greifende Blockaden im Nervensystem hinterlassen. Trauma wird daher bewusst auch als eine biologisch unvollständige und unterbrochene Antwort des Körpers auf Bedrohungen gesehen. Gleichzeitig geht Peter Levine als Begründer dieser Traumalösung davon aus, dass Menschen analog zu wild lebenden Tieren eine instinktive Fähigkeit zur Selbstheilung besitzen, die nur durch den Verstand oder auch gelernte kulturelle Regeln blockiert ist. Bei der Aufarbeitung von Schock und Trauma erlebnissen wird daher versucht, die im Nervensystem gebundene Energie schrittweise und in Einklang mit den persönlichen Ressourcen des Kindes zu „entladen“ durch Auszittern ebenso wie durch Schütteln. Biologische Prozesse werden schonend zu Ende gebracht und integriert. Dadurch werden Re-Traumatisierungen vermieden, es kommt zu einer integrativen Heilung seelischer und körperlicher Wunden des Opfers. Und damit zur echten Chance, als Erwachsener ein unbelastetes Leben frei von unverschuldeten Störungen zu führen.

Foto: Shutterstock.com kitty

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