ADHS: „Paul ist schlimm, Paul muss am Boden schlafen“

Unerzogen, flegelhaft, eine echte Katastrophe … Kinder mit AD(H)S geraten auf Grund ihres impulsiven Verhaltens schnell ins soziale Out. Dass Impulsivität zum Krankheitsbild gehört wissen nur wenige. Der Druck auf Kinder und Eltern steigt permanent und kann in eine Abwärtsspirale führen, aus der es nur schwer ein Entrinnen gibt.

 

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„Es war die Hölle“ schildert Pauls Vater das letzte Schuljahr seines Sohnes. Kaum eine Woche ist vergangen in der wir von der Lehrerin nicht angerufen wurden, um unseren Sohn abzuholen. „Paul ist schlimm, Paul kann sich nicht benehmen, Paul kann sich nicht konzentrieren, Paul zeigt sich uneinsichtig, Paul stört im Unterricht, Paul will sich keine Auszeit nehmen. Paul, Paul und immer wieder Paul… Am schlimmsten war allerdings das Gefühl bei der Erziehung von Paul versagt zu haben. Ein Vorwurf, der zwar nie offen ausgesprochen wurde aber bei vielen Gesprächen immer wieder mitschwang.“

So wie Pauls Eltern ergeht es vielen Eltern, deren Kinder an AD(H)S erkrankt sind. Kinder mit AD(H)S neigen u.a. zu einer kaum kontrollierbaren Impulsivität, die den Eltern nicht selten als Erziehungsschwäche ausgelegt wird. Sie seien in der Erziehung zu wenig streng, zu wenig konsequent, zu anti-autoritär, zu …

 

Ein Schuldiger muss her …

AD(H)S-Kinder fallen aus der Rolle und dafür muss es einen Grund geben. Der wird, weil am einfachsten, nicht selten bei den Eltern gesucht. In ihrem bereits 1999 erschienenem Ratgeber „Das ADS-Buch“ schreiben die beiden Autorinnen Dr. Elisabeth Aust-Claus und Dr. Dipl. Psych. Petra-Marina Hammer folgendes: „Bei solchen Auffälligkeiten der Kinder wird meist nach einem Schuldigen gesucht. Und allzu oft gibt man den Eltern die Schuld. Ein Leidensweg für Eltern und Kind beginnt. Die Eltern und auch das Kind spüren, dass sie den Erwartungen der Umwelt nicht gerecht werden.“

Zu den – oft auch unausgesprochenen Vorwürfen – an die Eltern kommen dann nicht selten Selbstzweifel. Anne, Mutter eines zehnjährigen Buben mit ADHS, schildert: „Mein Mann und ich haben anfangs die Schuld bei uns gesucht. Wir haben gedacht, durch unsere Erziehung und unseren Umgang mit ihm ist er so geworden. Das hat uns beide sehr belastet. Unsere Eltern und Schwiegereltern haben uns immer wieder gesagt, dass wir strenger, härter und konsequenter sein müssen. Wir hatten schon im Kindergartenalter alle Erziehungsmethoden durch: mal streng, mal autoritär, mal anti-autoritär. Aber egal was wir versucht haben, es hat nichts geändert. Es war sehr schwer für uns, mit seinem Verhalten umzugehen.“ Mehr dazu lesen Sie hier: „Ich hätte nie ADHS vermutet“

Dazu kommt, dass in einer breiteren Öffentlichkeit die Erkrankung AD(H)S noch immer auf Unverständnis stößt, ja sogar auf Unwillen. Mitunter ist sogar von einer „Mode-Erkrankung“ die Rede, die den Eltern dazu diene, dass „Fehlverhalten“ ihres Kindes zu entschuldigen. Und das obwohl internationale Studien davon ausgehen, dass zwischen vier und acht Prozent der Kinder an AD(H)S leiden.

 

Das Leiden der Kinder

Doch nicht nur die Eltern leiden – viel schlimmer noch ist die Situation in der sich die Kinder wiederfinden. Durch ihre Impulsivität geraten sie nicht selten in die Außenseiterrolle und finden nur schwer Anschluss an Gleichaltrige. Sätze wie: „Der schon wieder …“, oder „der spinnt ja …“ bekommen sie weitaus häufiger zu hören als andere Altersgenossen. Allzu leicht werden sie auch zum „Nerd“, denn man wunderbar provozieren kann, weil er so leicht ausflippt. Wenn dann Erwachsene z.B. Lehrer dazustoßen ist natürlich immer der Schuld der seine Emotionen nicht im Zaum halten konnte.

Auch wenn die Auffälligkeit oft schon im Kindergartenalter beginnt bleibt sie häufig lange Zeit unentdeckt – manchmal sogar bis ins Erwachsenenalter. Unter anderem dann, wenn das Kind dazu neigt still zu sein und sich in seine eigene Gedankenwelt zurückzuziehen. Experten sprechen dann von ADS: Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom – im Prinzip die gleiche Erkrankung nur, dass das Merkmal der Hyperaktivität, welches für das H in ADHS steht – nicht oder kaum bemerkbar vorhanden ist. In ihrem oben erwähnten Buch unterscheidet die Expertin Elisabeth Aust-Claus dementsprechend zwei ADS-Typen:

  • Typ 1: ADS mit Hyperaktivität (ADS + H) oder der berühmte „Zappelphillip“
  • Typ 2: ADS ohne Hyperaktivität (ADS – H) oder der/die bekannte „Träumerin“

 

Dann seh‘ ich rot

Beiden ADS-Typen ist gemeinsam, dass sie häufig in der Schule mehr oder weniger gröbere Probleme haben oder bekommen. Das Problem: Kinder mit AD(H)S haben eine komplett andere Wahrnehmung bzw. Informationsverarbeitung als andere Menschen. Sie können Störgeräusche wie ein vor der Tür startendes Auto, Vogelgezwitscher auf dem Fensterbrett des Schulfensters, etc. nur schwer bis gar nicht ausblenden. Sie hören die Stimme der Lehrerin und gleichzeitig das Flüstern des drei Bänke dahinter sitzenden Schulkindes in derselben Lautstärke. Elisabeth Aust-Claus bringt es folgendermaßen auf den Punkt: „Der Aufnahme-Filter für die Informationen und das Teamwork in der Verarbeitungs-Zentrale Gehirn funktionieren nicht optimal.“ Die Konzentration auf das, was die Lehrerin oder der Lehrer in der Klasse vorträgt, wird zu einer gewaltigen Aufgabe, die nach einer gewissen Zeit nicht mehr bewältigbar ist, weil – um es salopp zu formulieren – die Festplatte irgendwann voll ist und jede weitere Arbeit verweigert. Was dann passiert hat der anfangs erwähnte Paul seinem Vater einmal so erklärt: „Papa, dann kocht alles über und ich sehe rot.“

 

Unerzogener Flegel

Die mangelnde Aufmerksamkeit bringt nicht selten die Lehrer/Innen auf die Palme. Vor allem dann, wenn sie über die Thematik ADHS nichts oder nur ganz wenig wissen, oder auch nicht bereit sind auf Kinder mit ADHS-Symptomen einzusteigen. Dann kann die Schule ganz schnell zu einem echten Martyrium werden – für Kind und Lehrer/Innen. Lehrer/Innen erleben ADS-Kinder u.a. so:(1)

  • „Unerzogener Flegel, er tanzt mir auf der Nase herum.“
  • „Unmögliches Sozialverhalten“
  • „Greift mich in meinem Selbstverständnis als Pädagoge an.“
  • „Konzentration und Mitarbeit sind die reinste Katastrophe“
  • „Andere Eltern setzen mich unter Druck, wie wollen keine Beeinträchtigung ihrer Kinder.“
  • …..

Bei all den Problemen die Kinder mit AD(H)S haben wird häufig übersehen, dass sie nicht automatisch „minderbegabt“ sind. Im Gegenteil: Wenn sie sich für eine Sache oder Aufgabe begeistern, können sie sich stundenlag damit beschäftigen und vergessen alles rundherum. Die Mutter von Felix, bei dem ebenfalls ADHS diagnostiziert wurde, erzählt: „Wir waren vor dem letzten Lockdown noch rasch auf einem Adventmarkt. Felix hat dort einen Stand entdeckt, wo Kindern Sandbilder machen konnten. Er war von dieser Aufgabe so begeistert, dass er akribisch vier Stunden lang gearbeitet hat. Weil es langsam dunkel wurde haben ihm die Standbetreiber sogar extra ein Licht aufgebaut. Sie meinten sie hätten noch nie ein Kind gesehen, dass sich so lange mit dem Herstellen der Bilder beschäftigen konnte.“

 

Genies mit ADHS?

Was die schulischen Leistungen betrifft schreibt Elisabeth Aust-Claus in ihrem Buch etwa vom Jahrhundert-Genie Albert Einstein, der ein richtig mieser Schüler war, als 15-jähriger das Gymnasium verlassen hat und bei der Aufnahmeprüfung im Polytechnikum durchfiel. Durch Zufall erkannte später ein Universitätsprofessor seine Ausnahmebegabung und überredete ihn die Matura nachzumachen.
Der Erfinder Thomas Alva Edison etwa verließ schon mit sieben Jahren die Schule und schlug sich bis zum Alter von 21 Jahren mit verschiedensten Jobs durchs Leben. Der Durchbruch gelang ihm mit der Erfindung des Phonographen und der Entwicklung der Kohlefadenlampe (Glühbirne). Während seines Erfinderlebens arbeitete er zeitweise gleichzeitig an 40 neuen Ideen und innovativen Projekten.
Mozart wiederum wird als ungeduldig, impulsiv, leicht ablenkbar und respektlos beschrieben. Gleichzeitig aber auch als kreativ, gefühlsbetont und innovativ.
Laut Elisabeth Aust-Claus hatten alle diese Genies eines gemeinsam: „Sie hatten besondere Talente, die sie im Rahmen ihrer Schulausbildung nicht nutzen konnten. Ihnen fehlten Konzentration und Durchhaltevermögen für unliebsame Aufgaben.“ Sie kommt zu dem Schluss: „Wenn man sich die Biographien genau anschaut, enthalten sie viele Kriterien für die Diagnose ADS.“

 

Positive Motivation wirkt

Das heißt natürlich nicht, dass jetzt jedes Kind mit AD(H)S ein geborenes Genie ist. Aber es zeigt, dass diese Kinder durchaus in der Lage sind in bestimmten Bereichen besonderes zu leisten, wenn sie auf die richtigen Menschen treffen und gefördert werden. Eine immens wichtige Rolle spielt dabei das soziale Umfeld: Die Eltern bzw. Erziehungsberechtigten, die Kindergärtnerinnen und nicht zuletzt die Lehrer/Innen. Nehmen sie das AD(H)S-Kind mit all seinen Schwierigkeiten an und unterstützen es in seiner Entwicklung wird es um vieles leichter. So wie bei Paul, dessen Vater erzählt, dass der Druck in der alten Schule bei Paul u.a. dazu geführt hat, dass er eines Abends beim zu Bett gehen meinte: „Paul ist schlimm, Paul muss am Boden schlafen.“ „Mir hat es die Tränen in die Augen getrieben“, erzählt Pauls Vater.
Doch das ist Schnee von gestern. „Nach einem Schulwechsel haben wir jetzt eine Lehrerin gefunden, die auf Paul eingeht und wirklich gut mit ihm umgehen kann. Sie versucht ihn positiv zu motivieren, wenn er wieder einmal vorschnell das Handtuch wirft, weil er sich nichts zutraut. Wenn er sagt: Das kann ich nicht erklärt sie ihm, dass sie ja dafür da ist, um ihm dabei zu helfen die Aufgabe zu lösen.“ Aus dem „Rabauken“ Paul ist ein Schüler geworden der sich immens freut, wenn er die Schule mit einer Sonne im Mitteilungsheft verlässt. Er, der vorher durch sein impulsives Verhalten immer wieder gegen Regeln verstoßen hat kann sich plötzlich an Regeln halten. „Aus Saulus wurde Paulus“, sagt sein Vater: „Das haben wir vor allem seiner neuen Lehrerin und ihrem Team zu verdanken. Ich bin unendlich dankbar dafür, dass es sie gibt und dafür, dass wir sie und diese Schule gefunden haben.“ Natürlich ist es noch ein langer weg bis Paul sein volles Potenzial entfalten kann, aber die negative Erfahrungs-Spirale (siehe Kasten rechts) ist zumindest einmal durchbrochen.

Buchtipp:

Das ADS-Buch – Neue Konzentrationshilfen für Zappelphilippe und Träumer: Das Optimind®-Konzept. Ratgeber für Eltern: Tipps zum Umgang mit ADS bei Kindern – für einen erfolgreichen Alltag ohne Frust! Von Elisabeth Aust-Claus und Petra-Marina Hammer

 

Weiterführende Links

„Ich hatte das Gefühl, anders zu sein“ „Das Wichtigste für mich war die Erkenntnis, dass mein Verhalten nichts mit meinem Charakter zu tun hat. ADHS ist eine Erkrankung, eine Besonderheit, mit der man leben und mit der man zurechtkommen kann.“

 

Opti-Mind Institut – Infos und Coaching-Hifen für Eltern, Pädagogen und Therapeuten.

 

Fußnoten:

(1) Aus dem Buch: „Das ADS-Buch – Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom: Neue Konzentrations-Hilfen für Zappelphilippe und Träumer“; Dr. Elisabeth Aust-Laus, Dr. Dipl. Psych. Petra-Marina Hammer, Verlag ObersteBrink

Bild: pixabay_Myriams_Fotos

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Wie wirkt sich ADS auf die Entwicklung aus – die Negativ-Erfahrungs-Spirale

„Aufgrund der „anderen“ Informationsverarbeitung können bei ADS-Kindern oft Folgeprobleme auftreten, die für die Entwicklung der Persönlichkeit viele Stolpersteine bedeuten. Dazu eine Statistik aus wissenschaftlichen Arbeiten:

  • 85% aller ADS-Kinder haben emotionale Probleme und Selbstwert-Probleme.
  • Bei ca. 80% der untersuchten Kinder führt ADS zu zusätzlichen Lernstörungen. Die andere Informations-Verarbeitung und eine eventuell vorhandene Wahrnehmungs-Verarbeitungs-Störung führen zu Schulproblemen, zum Beispiel zu Lese-Rechtschreib-Störungen trotz einer altersentsprechenden Entwicklung der Intelligenz.
  • Die immer wieder in den Vordergrund gestellten sozialen Anpassungs-Probleme treten bei 65% der ADS-Kinder auf. Meist sind es die eher hyperaktiven Kinder, die besonders durch ihr unüberlegtes, störrisches, trotziges, von Wutanfällen und verbalen Beschimpfungen begleitetes Verhalten auffallen.
  • Fast 30% aller ADS-Kinder sind Klassenwiederholer, obwohl sie von ihren Begabungen und ihrer Intelligenz her genau so gut ausgerüstet sind wie ihre Mitschüler.

„Es ist nicht verwunderlich, wenn ADS-Kinder im Laufe ihrer Entwicklung oft viele negative und frustrierende Erfahrungen machen. Je weniger Anerkennung sie erfahren und je öfter Mißerfolge ihren Alltag bestimmen, um so mehr sind sie entmutigt und haben wenig Motivation. So dreht sich die Negativ-Erfahrungs-Spirale immer schneller – das Selbstbewußtsein nimmt immer mehr ab, bis die Kinder irgendwann selbst von sich denken: „Ich bin dumm und bringe nichts zustande.“ Das führt zu Resignation oder auch zu Rebellion und beeinflußt die ganze Persönlichkeits-Entwicklung negativ.

(1) Aus dem Buch: „Das ADS-Buch – Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom: Neue Konzentrations-Hilfen für Zappelphilippe und Träumer“; Dr. Elisabeth Aust-Laus, Dr. Dipl. Psych. Petra-Marina Hammer, Verlag ObersteBrink

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