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Heiß geliebter Schnuller



Mit diesem hat sie Mutter Natur ausgestattet, um ihr Überleben zu sichern. Stillberaterin Julia Ruttner: „Wird einem Baby der Schnuller gegeben, übergeht es vielleicht sein Hungergefühl und nuckelt sich wieder in den Schlaf. Das Baby saugt weniger an der Brust, die Milchbildung geht zurück.“

So wichtig die Funktion des Saugreflexes zur Nahrungsaufnahme ist, so bedeutsam sind seine nicht-ernährenden Auswirkungen. Nicht umsonst kommt das Wort „Säugling“ von „Saugen“. „Schnuller werden auf der Neointensivstation als Therapie verwendet,“ weiß Gudrun Ruis-Hollinger, Logopädin im Wilhelminenspital und in der Kinderpraxis Kupkagasse: „Schnuller beruhigen bei Schmerzen, wenn Kinder Infusionen oder Spritzen bekommen. Weil Kinder lernen, sich selbst zu beruhigen, werden sie in sich runder, sodass der Krankenhausaufenthalt verkürzt wird.“

Wenngleich diese Aspekte nur für wenige Kinder gelten, will Ruis-Hollinger den Schnullereinsatz wie die Anwendung eines Medikaments sehen: „Man soll den Schnuller bewusst einsetzen, wenn er gebraucht wird. Es gibt immer einen Grund, warum ein Kind unruhig ist. Daher ist es wichtig herauszufinden, warum ein Kind weint und welche Möglichkeiten es gibt, das Problem zu lösen — ohne das Kind gleich zuzustöpseln.“ Prinzipiell rät Familienpsychologin Dr. Doris Bach, den Schnuller „ selten und kurz zu geben“. Oft genügt es, das Saugbedürfnis zu stillen und den Schnuller dann wegzuziehen. Auch nach dem Einschlafen und beim Sprechen gilt: Weg mit dem Schnuller.

In jedem Fall hat der Schnuller gegenüber dem Daumen Vorteile. Beim Schnuller-Erzeuger Mam weist man darauf hin, dass der Schnuller leichter abzugewöhnen ist als das Daumenlutschen: „Eine … Studie hat gezeigt, dass im Alter von sechs Wochen 78 % der beobachteten Kinder am Schnuller saugten, dass sich das aber im Alter von 36 Monaten auf 10 % reduzierte.“ Und einen weiteren Vorteil kennt man bei Mam: „Es gibt Anzeichen dafür, dass Daumenlutscher eher zu Karies neigen als Schnullerverwender. Ein möglicher Grund hierfür ist der vermehrte Speichelfluss, der durch das Saugen am Schnuller entsteht.“

Weiterer Bonus-Punkt für den Schnuller: Er reduziert das Risiko des Plötzlichen Kindstodes, wie die Vereinigung der amerikanischen Kinderärzte erst vor kurzem als Empfehlung publiziert hat.


Der „richtige“ Schnuller

Prinzipiell sollte der Schnuller kiefergerecht geformt sein. „Der Sauger soll im Lippenbereich möglichst flach sein und einen kleinen Durchmesser haben. Die Form soll flach und symmetrisch sein, das Lippenschild eher gerade,“ empfiehlt Ruis-Hollinger.

Ob Latex oder Silikon ist eine Frage des Alters des Kindes. Latex ist als Naturprodukt aus der Kautschukmilch des Gummibaumes reißfest. Silikon ist hingegen besonders weich und temperaturbeständig, kann aber leichter einreißen.

Gab es früher Probleme mit dem giftigen Vulkanisationsbeschleuniger Mercaptobenzothiazol, so wird dieser seit 1994 nicht mehr in Latexschnullern verwendet. Aber erst vor kurzem sorgte Öko-Test (www.oekotest.de) für neuerliche Aufregung: „ Für drei Produkte ging es auf der Notenskala vier Stufen nach unten, weil sie mehr nitrosierbare°© Stoffe abgaben, als es das Lebensmittel- und Bedarfsgegenstände-Gesetz (LMBG) mit max. 100 Mikrogramm pro Kilogramm (µg/kg) für Sauger erlaubt. Um zwei Stufen nach unten ging es für neun Produkte. Sie enthielten mehr lösliche Latex°©proteine, als es für medizinische Latexhandschuhe empfohlen wird.“ Die Reaktion der Hersteller, so Öko-Test: „Die Firmen Mapa und MAM äußerten Einwände zu unseren Test°©ergebnissen. … Diese Gutachten wiesen niedrigere Mengen an nitrosierbaren Stoffen auf, als unser Labor analysiert hatte …“ Mam-Geschäftsführer Hans-Jürgen Dahlmann: „Mögliche Gründe für die von Öko-Test angegebenen Werte kann eine nachträgliche Verschmutzung oder eine nicht korrekte Analysemethode bzw. –technik beim sehr schwierigen Nachweis der nitrosierbaren Stoffe gewesen sein.“


Schnuller ade

Gründe, den Schnuller beizeiten abzugewöhnen gibt es auch abseits von Skandalmeldungen genug. So kann es durch den Schnuller zur Mundatmung kommen, welche Mittelohrentzündungen zur Folge haben kann, aber auch Paukenergüsse, bei denen das Kind wie durch Watte hört. Die Folge: Lautfehlbildungen und verzögerte Sprachentwicklung. Die Mundatmung kann zu häufigeren Infekten führen, zu schlechter Körperhaltung und Rückenproblemen sowie zu Polypen. Zwei Jahre dauert es, bis Veränderungen am Oberkiefer, drei Jahre bis Veränderungen am Unterkiefer auftreten können, so Über-, Kreuz-, offene Bisse, vorstehende Eckzähne oder Verschiebungen der Backenzähne.

Die auf Kieferorthopädie spezialisierte Zahnärztin Ddr. Brigitte Engin-Deniz warnt vor dem Auftreten von Sch-Fehlern: „Wenn die Zunge infolge des ständigen Saugens beim Schluckakt nicht gegen den Gaumen, sondern durch die Zähne drückt, kann das auch beim Sprechen passieren.“ Sie rät zur rechtzeitigen Kontrolle beim Zahnarzt: „Wenn das Kind die ersten Zähne hat, ist der Besuch beim Zahnarzt sinnvoll. Dadurch verliert das Kind die Angst und Fehlstellungen können bei Zeiten erkannt werden.“

Spätestens zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr ist es Zeit, vom Schnuller Abschied zu nehmen. Wie man dabei am besten vorgeht, hängt vom Kind ab, Vorbereitung ist aber auf alle Fälle anzuraten. Engin-Deniz setzt auf Geschichten rund um die Abgewöhnung: „Zum Beispiel: Der Osterhase nimmt den Schnuller mit und bringt ihn Babys, die ihn noch brauchen, weil das Kind ja inzwischen schon so groß geworden ist.“ Die Konsequenz der Eltern ist jedenfalls ausschlaggebend für das Gelingen der Abgewöhnung. Auch wenn diese Unruhe ins Familienleben bringen kann …


Titelfoto: Marcel Jancovic/Shutterstock.com






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