Home > Baby > Entwicklung > Warum träumen Babys

Warum träumen Babys


Aber andererseits: Ich wollte es sein, ich ganz allein, als Allererste, die meiner Tochter ein Lächeln entlocken konnte. Und fast gelang es mir auch: Mein Baby schlief, ganz entspannt und unbeschreiblich niedlich – Sie kennen das ja. Und da huschte das erste zaghafte ungewohnte Lächeln über das Gesicht. Rührend. Bloß: Ich war es nicht, der es galt. Von wem, zum Geier, träumte mein kleines Baby?
Text: Gerlinde Heil

Traumforschung


Fakt ist

Sie träumte. Und zwar viel. Und es sah auch nicht gerade so aus, als hätte sie das erst nach der Geburt gelernt! Dass Babys schon im Uterus schlafen, ist ja klar. Und ob sie dabei träumen? Nun – warum nicht! Schlafforscher jedenfalls sind davon überzeugt. Mit Forschungsergebnissen der wasserdichten Art können sie allerdings erst für Neugeborene aufwarten:

In der ersten Lebenswoche herrscht Morpheus, der Griechengott des Schlafes, über ein Baby: Durchschnittlich 16,6 Stunden pro Tag verbringt unser Nachwuchs in seinen Armen.
Nach einem Monat hat sich die Gesamtschlafdauer auf durchschnittlich 14,8 Stunden verkürzt
Mit sechs Monaten schläft das Baby noch 14 Stunden pro Tag
Und am Ende der Babyzeit sind es dann noch 13 Stunden.


Nichts Neues für Sie?

Ist ja schließlich hinlänglich bekannt, dass Babys viel schlafen! Das Besondere daran sind aber die REM-Phasen, stellte das Forscherteam um den Schlafforscher Robert Stickgold von der Universität Harvard in Boston fest: Säuglinge verbringen nämlich 50 Prozent ihrer Schlafzeit mit REM, dem Rapid Eye Movement – bei Erwachsenen sind es nur 25 Prozent. Und da Babys außerdem doppelt so viel schlafen wie die Großen, dauert ihr REM vier Mal so lang. Schlicht und einfach übersetzt heißt das “schnelle Augenbewegungen” und bezeichnet die Phase, in der unser Gehirn ziemlich seltsame Dinge tut.

Besonders aktiv sind dabei der Hirnstamm, der Atmung und Wärme reguliert und das Gebiet des limbischen Systems, das in den Tiefen unseres Gehirns die Emotionen kocht. Aha. Einerseits stellt unser Steuerzentrum also sicher, dass es uns beim Schlafen gut geht und dass es schön warm ist und andererseits benutzt es irgendwie unsere Emotionen zum Ausruhen.

Ausgeschaltet oder weitgehend reduziert sind die Skelettmuskulatur und das Logikzentrum. Auch klar: Bei einem lebhaften Traum ist es nicht sinnvoll, den Körper wirklich herumtoben zu lassen und Logik, die hat mit Träumen schon überhaupt nichts zu tun. Die schnellen Augenbewegungen, die sind normalerweise die einzige sichtbare Aktivität, die uns zeigt, wie sehr wir beim Traum mitleben. Schön, interessant und nicht wirklich neu, diese Erkenntnisse! Allerdings: Warum Babys so viel Traumschlaf brauchen, das ist damit wohl noch nicht beantwortet.


Vor langer Zeit

Lange Zeit – von 1953, der Entdeckung des REM-Schlafes, bis 2001 – waren sich Forscher nicht einmal im Ansatz einig:

Eine vorherrschende Ansicht besagte: “...dass Träume dazu dienen unseren Schlaf interessanter zu gestalten, damit wir Lust haben weiterzuschlummern und so jede Nacht das notwendige Schlafpensum zusammenbringen.”


So jedenfalls schrieb der Verhaltensforscher Desmond Morris in seinem “Babywatching” noch in der Ausgabe von 1996. Notwendiges Schlafpensum? Nun klar, wir alle kennen den Ausdruck des “Gesundschlafens”: Während der Ruhephase können alle nicht benutzten Systeme des Körpers auf Minimalbetrieb laufen und das Hirn leitet Reparaturmechanismen und Wachstums- und Entwicklungsschübe ein.


Und Entwicklungsschübe, die hat ein neu geborenes Menschenbaby in fast ununterbrochener Folge auszuhalten! Systeme wie Verdauung und Atmung sind zum Zeitpunkt der Geburt noch nicht völlig ausgereift, Organe wie Augen und Muskulaturgruppen müssen auch erst ans “Kontrollsystem” Hirn angeschlossen werden: Eine Menge Arbeit, die auch und gerade im Schlaf geschieht!

Aber – und die Einsicht liefert uns auch wieder Robert Strickgold von der Universität Harvard – der REM-Schlaf hat noch viel mehr Funktionen als einfach Kino fürs Gehirn zu sein. Und zwar gerade bei Babys: Ohne Träumen gibt’s nämlich kein Lernen. Und Lernen, das ist für einen Säugling die Hauptbeschäftigung! Im Schlaf zu lernen: Eine Fähigkeit, die sich jeder von uns in unzähligen lähmenden Schulstunden gewünscht hat.


So einfach geht’s zwar nicht, aber Strickgold wies nach: Wer im Wachzustand etwas Neues erfährt, der braucht Traumschlaf um es ins Gehirn “einzubrennen”, oder all das mühsam Gelernte ist wieder weg. Und für ein Baby ist eben noch alles neu! So geht es schlafen. Und wenn es aufwacht, ist es wieder ein ganzes Stück weiter gekommen. Träume als Informationsverarbeitung?


Ja, sicher, ganz bestimmt. Aber noch viel mehr: Manche Probleme lösen sich einfach im Schlaf. Im Labor konnte nachgewiesen werden: Wer Probleme hat, denkt über sie nach. Und in der REM-Phase werden dann plötzlich genau die gleichen Hirnareale aktiv, die im Wachzustand zur Problembewältigung verwendet wurden – man träumt vom Problem.


Und dann, seltsam: Nach dem Aufwachen braucht es gar nicht viel Anstrengung und die Lösung ist da. Babys stoßen in ihren ersten Jahren im Prinzip dauernd auf scheinbar unbesiegbare Hürden: Den Schock der Geburt, die Lösung von der Mutter, die Entdeckung des eigenen Willens – und die kleinen Tücken des Alltags: “Wie kommt der Schnuller in meinen Mund, wenn ich ihn brauche?” und “Wie mache ich es Mama klar, dass sie jetzt ihren Busen auspacken soll?” Die helfenden Ideen dazu kommen im Schlaf: Direkt nach einer Traumphase bieten Babys erstaunliche Lernfortschritte. Schlaf- und Verhaltensforscher haben auch festgestellt, dass das Träumen nicht nur während des REM stattfindet – allerdings ist es da wohl am wirksamsten.


Und konkret

Das alles klingt für Sie so ein kleines bisschen vage, so ein wenig an den Haaren herbeigezogen? Schließlich hat wohl noch keiner die Träume eines anderen wirklich verfolgen können – abgesehen davon, dass ein mit Elektroden gespickter Babykopf zum Zwecke der Forschung Gottseidank nur ein Horrorszenario aus schlechten Filmen ist.



Also forscht man an Erwachsenen, die sich dafür zur Verfügung stellen, oder an Tierbabys, zum Beispiel an Singvögeln. Und so kam die Traumforschung auch dahinter, was Spracherwerb und Schlaf miteinander zu tun haben: Als Erstes müssen die Neugeborenen vergessen. Ihr absolutes Gehör nämlich – das dürften alle Babys, egal ob Mensch oder Tier zum Zeitpunkt ihrer Geburt haben.


Nur, dieses absolute Gehör, die Fähigkeit also, jeden Ton sofort wiederzuerkennen, hindert die Winzlinge daran, das Sprechen oder Singen zu erlernen. Denn wenn ein Erwachsener ein und dasselbe Wort in geringfügig verschiedenen Tonhöhen ausspricht, meint das absolute Gehör schon, es wären verschiedene Wörter. Also werden die Gehrinareale, die für genauestes Hören verantwortlich sind, bei den meisten Menschen und Tieren erst einmal systematisch deaktiviert – im Schlaf natürlich.


Und dann, so wurde bei Singvögeln nachgewiesen, beginnt das aktive Lernen: Die Tiere speicherten den Gesang ihrer Eltern tagsüber ab, “hörten” ihn im Traum immer und immer wieder und “sangen” schließlich mit – auch im Traum und lautlos, natürlich. Und als sie aufwachten, hatten sie wieder eine Sequenz mehr gelernt. Daniel Margoliash von der University of Chikago ist überzeugt: “Und daraus können wir Schlüsse für den Spracherwerb bei Babys ziehen.”


Nun, wenn er recht hat, dann hat meine Tochter inzwischen unendlich viel vom Sprechen geträumt. Muss eine Siebenjährige eigentlich ununterbrochen schwatzen? Und wenn Margoliash recht hat, dann galt das erste Traumlächeln meines Babys doch mir. Vielleicht hat sie damals ja gerade meine Stimme geträumt – denn wen, zum Geier, hätte sie damals denn sonst anlächeln wollen?


Foto: Andrey_Kuzmin/Shutterstock.com






Diesen Artikel weiterempfehlen oder später lesen:


WERBUNG