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Doppelt hält besser!

Doppelt hält besser!

Sonntag, 19 Uhr

Familienwechsel ist wieder angesagt. Nach sieben Tagen bei Papa kümmert sich nun Mama darum, dass Florian, 6, und Steffi, 11, aus den Federn kommen, ihre Hausaufgaben machen und die Turnstunde nicht versäumen. Am nächsten Sonntag zieht die kleine Karawane wieder Richtung Vater. Seit zwei Jahren praktizieren Astrid und Martin mit ihren Kindern eine hierzulande noch exotische Familienform: die „Doppelresidenz“ vulgo „Wandel- oder Wechselmodell“. Was als „Last Exit“ einen erbitterten Sorgerechtstreit beendete, entpuppte sich als Lösung, die alle vier gleichermaßen zufrieden stellt.

 

Halbe-halbe

Auch wenn sich ihre Liebe verabschiedet hat: Astrid und Martin tragen nach wie vor zu gleichen Teilen Sorge für ihre Kinder. Privat eine anstrebenswerte Lösung. Doch legislativ? Geht es um Recht und Ordnung, steht ihr Halbehalbe- Familienkonstrukt auf wackligen Beinen. Zwar hat der Gesetzgeber 2001 die Möglichkeit der „Obsorge beider Elternteile“ eingeführt, das „Sorgen“ aber durchaus ungleich verteilt: Bei einem Elternteil lebt das Kind, der andere leistet Geldunterhalt. Eine Lösung, die für Martin nicht in Frage kam: „Da wir beide noch mitten im Studium waren, als Steffi zur Welt kam, haben wir uns die Kinderbetreuung vom ersten Tag an geteilt. Das blieb auch später so. Wie hätte ich mich auf ein Dasein als Wochenendvater beschränken können?“ Und so wurde gemeinsam mit dem Richter um einen Kompromiss gerungen. Er ist durchaus ungewöhnlich: Martin hat die alleinige Obsorge für Steffi, Astrid jene für Florian, keiner zahlt dem anderen Unterhalt, die Betreuungszeiten sind gerecht aufgeteilt. Wenig Nährboden für weitere Konflikte …

Österreich hinkt nach

Was sich Familie M. heiß erkämpft hat, streben die meisten Eltern gar nicht an, erzählt ein Wiener Familienrichter. „Erst zweimal sind heuer Eltern an mich herangetreten, die ihre Kinder zu gleichen Teilen betreuen wollten. Da sucht man dann eine individuelle Lösung.“ Die braucht es auch, denn das Modell „Doppelresidenz“ existiert für den Gesetzgeber schlichtweg nicht. Zwar hat sich die „Obsorge beider Elternteile“ in Österreich seit ihrer Einführung überraschend klar durchgesetzt und auch bewährt, wie eine aktuelle Studie bestätigt. Bei aller Freude darüber: Anderswo ist man Riesenschritte voraus. In Frankreich, Belgien, Italien, Australien, den USA oder Schweden etwa ist die „gleichberechtigte Unterbringung“ – sprich: die „Doppelresidenz“ – längst im Gesetz verankert oder zumindest als Variante der Wahl vorgesehen.

Eine fragile Welt

„Nein, unser Alltag würde sich durch eine entsprechende Gesetzesanpassung nicht ändern“, räumt Johannes ein, „aber wir hätten mehr Sicherheit. So leben wir mit einem sehr fragilen Konstrukt“. Auch bei ihm und Ex-Frau Mira schafft eine „individuelle Lösung“ – Obsorge beider Elternteile, eine „großzügig ausgelegte Besuchsregelung“ und penible Kostenrechnung – die Grundlage für das Pendlerdasein der neunjährigen Zwillinge Luca und Max. Die Betreuung der Buben erfolgt halbe-halbe; das von Vater Staat geforderte „Heim erster Ordnung“ liegt aber bei Mutter Mira. „Natürlich empfinde ich das als Benachteiligung“, so Johannes. Kritisch urteilt auch Anton Pototschnig von der „Plattform Doppelresidenz“: „Einem Elternteil wird de facto das alleinige Recht übertragen, darüber zu entscheiden, ob, wie lange, wie oft, mit wem und wie Besuchskontakte auszusehen haben. Das macht den einen zum ,Gatekeeper‘ und führt zur Infantilisierung des anderen.“

Keine Angst, dich zu verlieren

Zwei vollständig eingerichtete Haushalte für jeweils drei Personen finanzieren; Unmengen an Kilometern zwischen Ort A und Ort B zurücklegen („Papa, ich hab meinen Kuschelbären / Mathe-Zettel / iPod bei Mama vergessen!“); kleinere oder größere Kinder-Sorgen mit dem Ex jenseits aller „Ich-sitz-am-längeren-Ast“- Machtspiele ausreden: Warum tun sich Eltern das an? „Es war und ist die einzige Möglichkeit, dass wir den Kindern die Beziehung zu Mutter und Vater in gleicher Qualität erhalten. So bleiben wir beide weiterhin Teil ihres Alltags und erleben ihre Entwicklung hautnah mit“, erzählt Mira. Verlustängste oder Loyalitätskonflikte haben da weniger Chance.

Der richtige Weg

In Zeiten, da die ersten Pendler-Kids gerade den Kinderschuhen entwachsen, fehlt es noch an umfassenden Studien über die Folgen des Wechselns zwischen zwei Heimen. Tatsächlich bestätigt die „Vaterforschung“ aber den Weg, den Astrid und Martin, Johannes und Mira eingeschlagen haben: Papas Anwesenheit spielt in Sprösslings Leben eine noch viel zentralere Rolle als bisher angenommen. Klar gilt es auch die Argumente der Skeptiker ernst zu nehmen. Fragen wie „Schadet der ständige Wohnortwechsel den Kindern?“ sind aber auch bei engagierten Befürwortern kein Tabu, schließlich geht es in erster Linie um das Wohl des Kindes. „Wichtig ist, ,nahe am Kind‘ zu sein, Bedürftigkeiten und Nöte wahrzunehmen und zu reagieren, wenn etwas für die Kinder nicht mehr stimmig ist“, rät man denn auch bei der „Plattform Doppelresidenz“. Bedürftigkeiten wahrnehmen … Hier ist auch der Staat gefordert! Zwar ist die „Doppelresidenz“ (noch) eine Minderheitenfrage. Aber die Scheidungszahlen explodieren, und übrig bleiben Kinder, die beide brauchen: Mama und Papa. Wenn möglich halbe-halbe.

Überlebenstipps für Pendler-Familien:

  • Regeln Sie alles, was Konflikte auslösen könnte, vorab, und das am besten schriftlich: „Heim erster Ordnung“, Unterhalt, Betreuungszeiten.
  • Passen Sie die Pendelintervalle dem Alter des Kindes an – je jünger, umso kürzer. 3-Jährige sollten nach 3 Tagen, 10-Jährige nach 7 Tagen wechseln!
  • Klarheit, Verlässlichkeit, Regelmäßigkeit – damit kompensieren Sie mögliche Belastungen für Ihr Kind. Halten Sie sich strikt daran!
  • Akzeptieren Sie, dass beim anderen Elternteil die Uhren anders ticken. Großzügig oder streng? Einerlei – Hauptsache, die Kinder fühlen sich wohl … bei beiden!
  • Ob es um Kindergarten, Sportausrüstung oder Impfung geht: Klären Sie die Belange Ihres Kindes in regelmäßigen Abständen, notfalls auch per E-Mail!

Mag. Andrea Schaller


Foto: Gladskikh Tatiana - shutterstock.com


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