• Inline
  • Weiter zum digitalen Magazin
    Home > Kinder > Erziehung > Wake-up Call

    Wake-up Call

    Wake-up Call

    Fühlen Sie sich auch manchmal wie „Hotel Mama“? Klare Regeln und ein wenig Konsequenz können dabei helfen, die Pforten dieses Hotels zu schließen. Wie, sagt KiddyCoach Gerhard Spitzer
     „Jeden Tag der gleiche Stress am Morgen“, klagt Claudia N., allein erziehende Mutter des neunjährigen Thomas beim Erstgespräch. „Tommi wälzt sich höchst unwillig immer erst dann aus dem Bett, wenn ich schon mindestens fünf Mal in seinem Zimmer war, um ihn zu wecken! Jedes Mal schläft er seelenruhig wieder ein! Ob er mich damit provozieren will?“

    Die Mutter sieht richtig verzweifelt aus, als sie weiter erzählt: „Jedenfalls läuft es fast jeden Morgen gleich ab: Hektik, Unfreundlichkeit, hastiges Frühstück, zu spät zur Schule, fast täglich Streit deswegen. Ich kann schon nicht mehr! Wieso treibt mein Bub es täglich so weit, wo er doch spüren muss, wie wichtig mir Zeit mit ihm am Morgen ist?“ Als ich schon eine beruhigende Antwort auf den Lippen habe, kommt die eigentliche Erziehungs-Frage der verzagten Mutter als kleiner Nachschlag für mich: „Sollte ich vielleicht noch früher mit dem Aufwecken beginnen…?“

    Gewöhnungseffekt

    Äußerlich bleibe ich natürlich völlig ruhig. Allerdings: „Innerlich“ schlage ich panikartig die Hände über dem Kopf zusammen. „Nein! Gar nicht gut, dieser Vorschlag!“, denke ich spontan, „bloß nicht auch noch intensiver den täglichen Bio-Wecker spielen! Gewöhnungseffekt ohnehin schon riesengroß! Noch mehr davon ist schon in Sichtweite!“

    Die meisten von Ihnen werden schon richtig getippt haben, wie mein Vorschlag wohl aussehen mag: Schluss mit dem Aufwecken.
    „Ab nächsten Montag, oder wann immer Sie dazu bereit sind“, erkläre ich Frau N., „wird Ihr Sohn gar nicht mehr von Ihnen aufgeweckt! Dafür aber kaufen Sie bitte einen hübschen, lauten Wecker, den er sich selbst aussuchen darf. Oder graben Sie einen alten aus der Schublade aus.“ 
    Die Argumente der jungen Mutter kann ich jetzt aber deutlich voraus ahnen. Und tatsächlich kommen die wie bestellt: „Also das schafft Thomas niemals! Dazu kenne ich ihn zu gut! Er ist dazu viel zu jung, noch zu unselbständig und wird nur noch später in die Schule kommen, oder gar nicht mehr aufstehen!“ Und so weiter …

    Eigenkompetenz

    Der Worte sind genug gewechselt. Viele Erziehende lassen sich durch Liebe und Pflichtbewusstsein davon ablenken, dass uns Eltern eigentlich nur eine ganz große Aufgabe verbindet: Unsere Kinder auf das Leben vorzubereiten. Aber auf ein Leben in Eigenverantwortung. Dazu darf aber natürlich eine gewisse Kompetenz vermittelt werden. Je länger wir versäumen, das gute Gefühl für Eigen-Verantwortlichkeit bei zahllosen Kleinigkeiten des täglichen Lebens authentisch, aber in kleinen, leicht verdaulichen Portionen zu vermitteln, desto schwieriger wird es, die notwendige Eigenkompetenz für das spätere Leben doch noch mitzugeben. 

    Mamas Hand

    Gerne erzähle ich zweifelnden Klienten, wie auch jetzt Claudia N., vom „kleinen“ Mario, der immer erst dann über die Straße gehen darf, wenn Mama dabei ist … an Moms Hand natürlich. So weit, so gut! Der Haken an der Sache: Mario ist bereits 11 Jahre alt. Wahre Geschichte! Damals habe ich Marios Mutter folgendes vor Augen geführt. „Liebe Mama! Versuchen Sie sich vorzustellen, was Mario wohl tun wird, wenn er 14, 17 oder auch 22 Jahre alt sein wird?“ Was wird wohl geschehen? Wird der junge Mann sich im regen Straßenverkehr ausreichend sicher fühlen, oder wird er eventuell bei seinem ersten Alleingang vom allerersten Skateborder totgefahren, der mit wahnwitzigen 5,7 km/h daherkommt?
    Dieses Beispiel aus meinem beruflichen Alltag überzeugt auch Tommis Mama. Sie will sich an das Thema Eigenverantwortung herantasten und bekommt dafür noch ein paar praktische Tipps mit auf den Weg …


    FratzTipps

    Bereiten Sie Junior möglichst ohne Unsicherheit in Ihrer Stimme darauf vor, dass Hotel Mama in einigen Servicebereichen ab nun seine Pforten schließen wird. Machen Sie bitte sehr genaue Angaben: Legen Sie bereits zuvor Ihre Vorgehensweise fest und erklären Sie dann möglichst „detailverliebt“, wie das neue Morgenritual künftig ablaufen wird.

    Wie bei allen erzieherischen Belangen ist es natürlich überaus wichtig, wie Sie Ihr Anliegen „verkaufen“: Es hat sich überaus bewährt, geplante Einschnitte wie diese ganz entspannt, beinahe freudig zu verkaufen: „Ich freue mich schon sehr darauf, wie das bei uns funktionieren wird!“; „Ich bin schon so neugierig auf deine Selbstständigkeit!“…

    Beharren Sie bitte nicht darauf, was vielleicht bisher alles schief gelaufen ist, sondern was Ihnen an der neuen Vorgehensweise besonders am Herzen liegt: „Die gemeinsame Zeit mit dir an Morgen ist für mich besonders schön!“

    Bitte wenden Sie die Neuerung nicht wie eine Bestrafung, oder wie einen „letzten, verzweifelten Ausweg“ an: „Ich halte das so nicht weiter aus…!“ Das erzeugt bloß neue Abwehr und wird kaum Erfolg bringen!

    Ziehen Sie Ihre Neuerung bitte wortwörtlich durch! Sehr oft verringern wir den Erfolg unserer so schön geplanten Maßnahmen, weil wir sie selbst nicht durchhalten. Diesmal wird das Frühstück wirklich, wie angekündigt, genau ab 7:35 weggeräumt. Thomas, aus unserem heutigen Fall, ist ja schließlich alt genug, um auch mal selbst ein Brot zu schmieren und ein warmes Getränk zu kreieren … „Hotel Mama“ ist ab heute, wie versprochen, geschlossen!


    Foto: auremar - shutterstock.com


    Diesen Artikel weiterempfehlen oder später lesen: