Erziehung einmal anders: Kreative Kids statt computergesteuerte Wiederkäuer

Improvisation als Erziehungsstrategie um die Kreativität der Kinder zu fördern. Wie man aus einem „Konsumkind“ ein „Kreativkind“ macht. Ausprobieren statt Zerreden lautet die Devise.

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Hänsel Bickel  arbeitet als Impro-Spieler und setzt sein Können in der Erziehung ein.  “Ich glaube, dass ich offener geworden bin für alles. So auch für meine Tochter. Ausprobieren statt Zerreden wurde wichtiger, als sich den Kopf über ungelegte Eier zu zerbrechen. Ob das nun gut oder schlecht ist, ist Ansichtssache, es ist auf jeden Fall »kindlicher« und macht eine Menge Spaß!”

Gernot erzählt seinem Sohn Immanuel gerne Gute-Nacht-Geschichten. Aber seit einiger Zeit hat sich an seiner Erzählweise grundsätzlich etwas geändert: Er lässt Immanuel selbst die Geschichte erfinden! Wie das funktioniert? Ganz einfach: Die wichtigen Entscheidungen darf Immanuel alle selber treffen. Er entscheidet, wie die Geschichte weitergehen soll!

 

Bettkantengeschichten

Eine typische Bettkanten-Situation sieht bei den beiden jungen Männern also so aus: Gernot fragt: “Wie soll die Geschichte heißen?” – Darauf Immanuel: “Franz, das kleine Schwein”. Das gibt Gernot eine gute Möglichkeit, weiter zu fragen: “Was macht der?”. Immanuel: “Geht nach Tschibutti” usw.
“Und dann fange ich eben an, die Geschichte zu erzählen”, sagt Gernot, Aber Immanuel ist voll integriert in den Prozess des Geschichten-Erfindens. Er konsumiert nicht einfach, ohne zu hinterfragen – er wird zum “kreativen Mitarbeiter”!

“Immer wenn die Geschichte eine wichtige Abzweigung nehmen könnte, frage ich Immanuel, wie es weitergehen soll: Was macht Franz jetzt? Wohin geht er?”

Kinder haben ein angeborenes Grundempfinden für Geschichten. Sie wissen, wie man Spannungsbögen aufbaut. Auch Immanuel weiß das genau: Er weiß, dass man den königlichen Schatz nicht gleich hinter der ersten Gartenmauer finden darf. Sonst geht ja die ganze Geschichte kaputt! Franz, das kleine Schwein, muss also erst in den Wald gehen und Abenteuer bestehen…

“Dieses grundsätzliche Gefühl für Struktur und Dramaturgie einer Geschichte haben Kinder”, sagt Gernot, ”Aber manchmal wird es dem Immanuel dann selbst zu spannend!” Dann trifft er freiwillig die “falsche” Entscheidung, macht die Geschichte absichtlich “kaputt”, damit sich alles auflöst und wieder gut wird.

Aber Begriffe wie “falsch” und “kaputt” lassen sich hier ja gar nicht anwenden! Immerhin: Franz hat den königlichen Schatz gefunden, Immanuel hat sich nicht mehr gefürchtet und ist eingeschlafen…

 

Das Improvisationstheater

Gernot arbeitet als Schauspieler. Auch an “normalen” Theatern, aber sein Hauptinteresse gilt dem Improvisationstheater. Da gibt es noch viel zu entdecken: “Theater basiert auf Abmachungen – also Text auswendig lernen etc.  Das alles gibt es beim Improvisationstheater nicht: Man geht auf die Bühne und weiß nicht, welche Rolle man hat, in welcher Geschichte man gerade ist, wie der eigene Text lautet. Nichts davon ist vorgegeben, sondern wird von Moment zu Moment gemeinsam auf der Bühne kreiert.”

Kurz: Man versucht, die Geschichte zusammen mit den anderen Spielern auf der Bühne zu erfinden und darzustellen. Als Grundprinzip gilt: “Offen sein, für alles, was passiert. Aufmerksam sein, auf seine Partner eingehen und spontan reagieren!”

Also lauter Prinzipien, die Gernot auch im Umgang mit Immanuel weiterhelfen. “Bevor ich Impro gemacht habe, habe ich immer versucht, alle Entscheidungen selber zu treffen”, gibt Gernot zu, “Ich habe die Geschichte ganz alleine erfunden, war sozusagen das dramaturgische Oberhaupt.” Immanuel hat es auch gar nicht anders gekannt. Er hat von selber nicht versucht einzugreifen.

Gernot: “Er hat sich in eine gewisse Passivität begeben – typische Konsumhaltung – und wollte das fertige Produkt serviert bekommen.” Am Anfang war er deshalb erst ein bisschen verwirrt, als er zum Mitmachen aufgefordert wurde. Aber er hat schnell begriffen: Eine Geschichte ist nicht etwas, das bereits fix und fertig existiert! Sie entsteht soeben, wird im jeweiligen Moment erfunden. Und dieses “Erfinden” kann man auch gemeinsam machen.

Das ist auch der Kern von Improvisationstheater. Gernot: “Man ist im Improtheater kein episches ICH mehr, sondern ein episches WIR.”
Schauspieler versuchen ja immer gemeinsam eine Geschichte zu erzählen – sei es nun jene von Hamlet, dem Prinz von Dänemark, oder die von Franz, dem kleinen Schwein. Auf die Zusammenarbeit kommt es dabei an.

Gernot: “Auf der Bühne ist es eben die hohe Kunst. Aber die Mechanismen am Kinderbett funktionieren genauso.” Natürlich bedeutet Zusammenarbeit auch immer, Kompromisse zu machen: “Man lernt nicht enttäuscht zu sein von den Entscheidungen des anderen, sondern sie zu akzeptieren.” Wenn man sich auf das einlässt, wohin die Geschichte dann führt, kann man ja auch als Vater noch oft überrascht werden!

Schließlich: Jede Geschichte besteht aus ständigen Entscheidungen; ist das Schloss z.B. aus Gold oder aus Silber erbaut? Diese “kleinen” Entscheidungen hat Gernot anfangs noch immer selber getroffen, hat nur bei großen Wendepunkten der Geschichte gestoppt, um Immanuel zu fragen, was passieren soll. Sprich: Noch (!) hat er die Geschichte selber geführt.

 

Vom Konsumkind zum Kreativkind

Nach und nach hat Immanuel begonnen einzugreifen. Jetzt will er auch viele kleine Entscheidungen mitgestalten und sagen: “Nein, so ist es mir nicht recht!”. Er hat sich von einem Konsumkind zu einem “Kreativkind” entwickelt! Und was für’s Geschichtenerzählen gilt, kann genauso beim Spielen angewendet werden!
Auch Hänsel ist Impro-Spieler und Vater einer 10-jährigen Tochter. Er sagt: ”Jedes Spiel hat Regeln. Kinder sind immer kreativ und fantasievoll. Sie wollen oft die Regeln verändern und ausprobieren. Früher war ich stur. Heute probiere ich öfter Dinge aus. Macht’s Spaß, verändert man eben die Regeln, macht es einem der Spieler keinen Spaß, lässt man es wieder sein. Das erspart viel Diskussionszeit, Nerven und Streitereien.”

Denn darum geht es beim Impro-Theater: Nicht, ob etwas “falsch” oder “richtig” ist, zählt, sondern nur, ob es für das Spiel “funktioniert” oder eben “nicht funktioniert”. Das sind andere Kriterien, als die meisten Eltern gewöhnt sind… Wird die Prinzessin gleich am Anfang vom Drachen aufgefressen, dann ist das nicht “falsch” – aber irgendwie geht es nicht mehr so recht weiter.

Das Spiel “funktioniert” nicht. Dann muss man einfach gemeinsam einen Weg finden, wie es wieder “funktionieren” könnte! Vielleicht erlebt die Prinzessin ja tolle Abenteuer im Bauch des Drachens?

Oder man bricht einfach die Geschichte ab und fängt noch einmal von vorne an: “Okay, so hat es nicht geklappt – probieren wir etwas anderes aus!” Versuch und Irrtum. “Trial and Error” – wie es so schön heißt. “Superprinzip!”, sagt Gernot: Du darfst auch scheitern. Wer scheitert, ist kein Versager. Scheitern kann auch als etwas Sympathisches erlebt werden. Wir scheitern ja alle: Nur dadurch können wir lernen! Und: “Wir scheitern jedes Mal ein bisschen besser!”, sagt Gernot.

Gernot lässt Immanuel deshalb manchmal scheitern. Er greift nicht “rettend” ein. Manchmal tut ihm das selber weh: “Oft ist es ja so: Ich als Erwachsener weiß, wie’s besser ginge. Aber ich muss ihn trotzdem seinen Weg probieren lassen. Denn oft ist es besser, er lernt durch seine eigene Erfahrung, als durch mein Besserwissen.”

Schließlich ist Erfahrung das weitaus wertvollere Lernen als irgendwelche Ver- oder Gebote. Und was Immanuel dabei vor allem lernt? Nicht so schnell aufgeben! Denn wer nicht aufgibt, erlebt im Leben die spannenderen Geschichten: Das gilt für Franz, das kleine Schwein – und es gilt auch für Immanuel!

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Foto: Pixabay/AxxLC (Aufmacher), Pixabay/faithfinder06