Quiiiietschlebendig

Die „Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung“, kurz ADHS genannt, zählt zu den häufigsten psychiatrischen Krankheiten im Kindesund Jugendalter. fratz&co sprach mit Experten über Ursachen und: Was tun im Fall des Falles?

Unser Sohn David zappelt ständig auf dem Stuhl herum, er kann einfach nicht ruhig sein und nervt alle, weil er immer dazwischenredet. Es beschweren sich andere Eltern bei uns, weil sich David beim Spielen rücksichtslos verhält und ständig seinen Kopf durchsetzen will. Die Schule ist eine Katastrophe, denn David ist unkonzentriert, verliert seine Sachen.“ So kann die Beschreibung des Alltags verzweifelter Eltern eines Kindes mit ADHS lauten. Doch was genau ist ADHS?

ADHS steht für „Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung“, umgangssprachlich bekannt als „Zappelphilippsyndrom“. Es gibt auch eine Variante ohne Hyperaktivität (ADS). Diese Kinder bezeichnet man als „Träumerchen“. Die Störung zählt zu den häufigsten psychiatrischen Krankheiten im Kindesund Jugendalter. „Rund vier Prozent aller Kinder im deutschen Sprachraum sind davon betroffen. Bei Buben tritt ADHS etwa zwei- bis viermal häufiger auf als bei Mädchen“, sagt Dr. Maria Pircher, zum Zeitpunkt des Interviews Oberärztin an der Innsbrucker Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters, jetzt im Krankenhaus Meran in Südtirol.

Komplexe Störung

Die Ursachen für ADHS sind noch nicht völlig geklärt. Laut Pircher handelt es sich um ein komplexes Zusammenspiel von mehreren Faktoren: ADHS tritt familiär gehäuft auf, genetische Faktoren, die zu einer neurobiologischen Funktionsstörung des Gehirns führen, haben eine große Bedeutung. Abweichungen im Stoffwechsel der Botenstoffe (Dopamin) spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Psychosoziale Komponenten, wie das familiäre Umfeld oder Probleme in der Schule, können entscheidend für Schwere und Verlauf der Krankheit sein.

Was ist noch normal?

Fast so schwierig wie die Ursachenermittlung scheint die Diagnose von ADHS, da die Krankheit nicht einfach durch eine Laboruntersuchung messbar ist. ADHS ist, so Pircher, „eine Krankheit, die von Kind zu Kind variieren kann“. Die Störung beginnt schon im frühen Kindesalter, wird aber oft erst beim Schuleintritt auffällig, da sich das Kind in bestimmte Strukturen einfügen soll. „Für Betroffene ist es schwierig, ruhig zu sitzen, sie sind rastlos und klettern lieber herum. Sie sind oft überspontan, reden sehr viel, haben Rechtschreibstörungen und Schwierigkeiten damit, Freundschaften zu knüpfen“, zählt Pircher einige Auffälligkeiten auf.

Doch welches Kind sitzt schon gerne stundenlang ruhig oder schusselt nicht beim Schreiben? Wo liegt also die Grenze zwischen normal und ADHS? „Die Auffälligkeiten müssen deutlich ausgeprägt sein und von alterstypischen, kindlichen Verhaltensweisen abgegrenzt werden“, hebt die Expertin die Problematik der zeitaufwändigen Diagnose ADHS hervor. „Es genügt nicht, wenn die Eltern angeben,
dass das Kind seit einigen Wochen unruhig ist. Bei ADHS liegen die Auffälligkeiten seit mindestens einem halben Jahr vor. Auch wenn der Verdacht erst in der Schule aufkeimt, zeigt sich im Gespräch mit den Erziehungsberechtigten in der Regel, dass es bereits im Kleinkindalter im Kindergarten oder in der Familie zu Problemen gekommen ist“, weiß Pircher.

Bei Verdacht auf ADHS werden die Bezugspersonen des Kindes zur Situation und zum Verlauf befragt. Es folgen körperliche und neurologische Untersuchungen sowie psychologische Tests. Dabei wird besonderes Augenmerk auf die Konzentrationsleistung, Intelligenz und die schulischen Fertigkeiten gelegt. Überprüft werden auch soziale und emotionale Fähigkeiten.

Psychoedukation und Ritalin

Da ADHS ursächlich nicht heilbar ist, setzt die Behandlung bei den Verhaltensauffälligkeiten an. „Die Therapie muss individuell an das Kind angepasst sein und setzt sich meist aus mehreren Komponenten zusammen“, erklärt Pircher. Sie setzt zuerst auf „Psychoedukation“: Ältere betroffene Kinder, deren Eltern, Pädagogen und andere Bezugspersonen sollen über die Störung aufgeklärt und beraten werden. Hilfreich sind dann vor allem verhaltenstherapeutische Maßnahmen, mit deren Hilfe die Kinder beispielsweise lernen, ihre Impulsivität oder geringe Ausdauer besser in den Griff zu bekommen. Ein Elterntraining kann innerhalb der Familie dazu beitragen, mit Problemsituationen besser umzugehen. Bei Bedarf kommen Medikamente zum Einsatz. Am bekanntesten ist Ritalin, dem der Vorwurf anhaftet, die Kinder einfach nur ruhigzustellen. Pircher dazu: „Es ist wichtig, individuell zu entscheiden sowie Nutzen und Risiko genau abzuwägen. Die Medikamente setzen beim Stoffwechsel der Botenstoffe im Gehirn an. Sie helfen, die Konzentration zu steigern, und bewirken, dass das Kind motorisch ruhiger wird und im Klassenzimmer bei den anderen Schülern sitzen kann. Nebenwirkungen, wie Appetitmangel und Schlafstörungen sind dabei aber möglich.“

ADHS auch als Erwachsener

Manche Kinder sind nur kurze Zeit in Behandlung, andere sollten ein Leben lang unter Beobachtung bleiben und therapiert werden. „Etwa zwei Drittel der Betroffenen nehmen die Störung mit ins Erwachsenenalter“, weiß Pircher. Dabei sind die Symptome großteils nicht mehr so ausgeprägt, besonders die Hyperaktivität tritt in den Hintergrund. „Es gibt natürlich unter den ADHS-Patienten viele Schulabbrecher, schwierig ist meist eine Behandlung in der Pubertät. Als Erwachsene könnten die mit der Störung verbundenen Eigenschaften jedoch durchaus positive Aspekte haben“, gibt Pircher Betroffenen Mut. „Die Leute sind daher in Jobs, wo man ohnehin ständig auf Achse oder kreativ sein soll, meist bestens aufgehoben“.

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